Schnappschuss der Evolution
Hunderte Gene für Hautfarbe, Verdauung und die Gehirnfunktion zeigen, dass sich der Mensch noch heute ständig verändert, wenn auch auf andere Weise, als Wissenschaftler bisher vermuteten.
Süddeutsche Zeitung
Wissen, S. 16, 9. März 2006
SZ090306 - Für manche Menschen ist der Mensch über
die Gesetze der Natur erhaben. Entweder aus religiösem
Eifer oder aus Stolz auf die kulturellen Errungenschaften
des Homo sapiens glauben sie, die Evolution verändere den
Menschen nicht mehr. Darwins Mechanismen der natürlichen
Selektion, wonach sich zufällige Genveränderungen
durchsetzen, wenn sie Überlebensvorteile bieten, perlten am
Zweibeiner mit seiner Sprache und seiner Zivilisation
sozusagen ab. Wissenschaftler haben das schon immer für
eine absurde Idee gehalten. Und zwei amerikanische
Forschungsteams belegen jetzt, dass die Kraft der Natur den
Menschen immer noch ständig verändert. Gleichzeitig
offenbaren sie, dass die Evolution dabei auf Mechanismen
setzt, die Wissenschaftler bisher unterschätzt hatten.
Ganz frische Spuren der natürlichen Selektion haben
Benjamin Voight und sein Team von der Universität Chicago
in den Genen von Homo sapiens entdeckt. Sie haben drei ganz
unterschiedliche Gruppen untersucht, stellvertretend für
die Menschen aus Ostasien, Afrika und Europa (PLoS Biology,
online 6.3.2006). Die Daten stammen aus dem so genannten
HapMap-Projekt, dass die Unterschiede im genetischen Aufbau
zwischen heute lebenden Menschen nachzeichnet und diese mit
Krankheiten in Verbindung bringen möchte. Es zeigt aber
auch, welche Erbanlagen sich von der einen Gruppe zur
nächsten verändert haben. „Wir besitzen die erste Genkarte,
die zeigt, wo sich im menschlichen Genom derzeit
evolutionäre Veränderungen ausbreiten, aber noch nicht
abgeschlossen sind“, sagt Voight. Er veröffentlicht
sozusagen einen Schnappschuss der menschlichen Evolution.
Die Forscher haben 700 Regionen im menschlichen Genom
aufgespürt, die sich erst in den vergangenen 5000 bis 15
000 Jahren verändert haben und gerade erst dabei sind, sich
im menschlichen Genpool zu etablieren. Darunter sind zum
Beispiel Gene, die Hautfarbe oder die Gehirngröße
beeinflussen oder die Verdauung bestimmter Lebensmittel
sowie die Toleranz gegenüber bestimmten pflanzlichen Giften
verändern. Sie können aber nicht sagen, welche der Variante
„besser“ oder „schlechter“ ist.
Nicht nur die Menschheit als ganze hat sich verändert, die
Europäer, Afrikaner und Asiaten durchlaufen auch ihre
eigene Evolution, abhängig von ihrer jeweiligen Umwelt.
Voight und seine Kollegen entdeckten zum Beispiel fünf
Hautgene, die sich erst vor 6600 Jahren bei Europäern
verändert haben. „Bei den Asiaten und den Afrikanern haben
wir sie nicht gefunden“, sagt der Genetiker. Wahrscheinlich
beeinflussen diese Gene die Hautfarbe und könnten somit das
„Weiß“ der Europäer hervorgebracht haben. Weil die Haut
weniger pigmentiert ist, lässt sie im vergleichsweise
dunklen Europa ausreichend Licht durch, um Vitamin D zu
bilden. Die Evolution hat auch erst „kürzlich“ – im Maßstab
der natürlichen Selektion betrachtet – Gene bei Europäern
verändert, die die Beweglichkeit der Spermien oder die
Fruchtbarkeit weiblicher Eizellen beeinflussen.
Voight und seine Kollegen wundert es eigentlich nicht, dass
sie die Evolution an so vielen Genstellen „auf frischer Tat
ertappt“ haben. „Der moderne Mensch hat so gewaltige
Veränderungen durchgemacht in punkto Lebensraum,
Nahrungsquellen, Populationsdichte oder Krankheitserreger,
dass das ganz sicher zu direkten Veränderungen führen
musste“ So kennen Humangenetiker zum Beispiel genetische
Veränderungen, die Auslöser für Zivilisationskrankheiten
wie Bluthochdruck, Alkoholabhängigkeit oder Diabetes sind.
Wirklich frische Spuren der natürlichen Selektion im
menschlichen Genom nachzuweisen, ist nicht leicht. Gerade
mal eine Hand voll kannten Genetiker bisher. Immer wieder
hat die Evolution in einigen geographischen Regionen dafür
gesorgt, dass bestimmte Gene und deren Eigenschaften sich
gegenüber anderen durchsetzen. Etwa ein Gen bei Afrikanern,
das sie zumindest teilweise vor der Malaria schützt. Auch
die Eigenschaft der meisten Nordeuropäer, Kuhmilch zu
vertragen, ist ein Ergebnis natürlicher Auslese: Sie
besitzen ein Gen für das Enzym Lactase, das den Milchzucker
Lactose verdaut. Fehlt es, macht Kuhmilch Bauchschmerzen.
Die Kräfte der Evolution setzen aber nicht nur an der
genetischen Blaupause an. Die Abfolge der mit C, A, T und G
abgekürzten Basen in der DNS gibt zwar vor, welche
Eiweiß-Bausteine hergestellt werden können. Eine Mutation
in einem Gen verändert die Abfolge der abgelesenen
Buchstaben und führt dazu, dass sich auch der entstehende
Protein-Baustein wandelt und damit im günstigsten Fall eine
andere Funktion bekommt. Aber wenn das der einzige
Mechanismus der Veränderung wäre, dann hätten
Evolutionsgenetiker Probleme zu erklären, wieso Schimpansen
und Menschen zwar zu rund 98 Prozent das gleiche Genom
haben, aber doch so unterschiedlich sind.
Seit dreißig Jahren spekulieren Forscher darüber, dass es
nicht nur auf die Evolution der Gene für die
Eiweiß-Bausteine ankommt, sondern auch auf die Mechanismen,
die darüber entscheiden, ob eines dieser Produkte häufiger
oder eher seltener vorhanden ist. Verantwortlich dafür ist
die so genannte Gen-Expression. Der Körper entscheidet so,
ob und wie stark ein bestimmtes Gen aktiv ist und das
Eiweiß produziert.
„Obwohl wir geahnt haben, dass Gen-Expression wichtig ist
für die Evolution von Mensch und Affe, wussten wir bisher
fast nichts darüber wie die natürliche Selektion darauf
wirkt“, schreiben Yoav Gilad und seine Kollegen in der
heutigen Ausgabe von Nature (Bd. 440, S. 242, 2006). Sie
verglichen die Gen-Expression von 907 Genen der Leber von
Menschen, Schimpansen, Orang-Utan und Rhesusaffen: „Das
umfasst einen evolutionären Zeitraum von 70 Millionen
Jahren“, sagen die Forscher – damals lebte der letzte
gemeinsame Vorfahr dieser Primaten. Die meisten Gene
zeigten keine Aktivitätsunterschiede, so wie es sich für
Arten derselben Familie gehört. Gilad identifizierte aber
auch Unterschiede. Je weniger verwandt eine Affenart mit
dem Menschen ist, desto häufiger fanden die Forscher Genen
mit unterschiedlicher Aktivität. Rhesusaffe und Mensch
unterscheiden sich in 176 Genen, Schimpanse und Mensch nur
in 110.
Gilad und seine Kollegen fanden vor allem beim Menschen
Gene, die so genannte Transkriptionsfaktoren codieren. Das
sind Proteine, die die Fähigkeit haben, Gene an- und
auszuschalten, und so andere Eiweiß-Bausteinen zu
regulieren. „Das ist ein Beleg dafür, dass viele
evolutionäre Veränderungen des Menschen tatsächlich in
Verbindung mit der Gen-Expression stehen.“ Und womöglich
eine Erklärung, warum der Mensch relativ wenige Gene
besitzt: Die Projekte zur Entzifferung des Erbgutes hatten
etwa 30 000 Erbanlagen gefunden, nicht entscheidend viel
mehr als die 18 000 mancher Würmer. Der Mensch geht eben
flexibel mit seinen Anlagen um.
Aber Gilads Daten krempeln die Evolutionslehre nicht
komplett um: Es gibt eine Verbindung zur klassischen
Evolution. Wo sich Gene veränderten, die „nur“ über die
Häufigkeit des Proteins bestimmen, wandelten sich oft auch
jene Erbanlagen, die den Bauplan des Eiweißmoleküls selbst
enthielten. „Das macht Sinn, denn ändert sich die Funktion
eines Proteins, würden wir erwarten, dass sich auch seine
Häufigkeit verändert“, sagt Rasmus Nielsen von der
Universität Kopenhagen in einem begleitenden Kommentar in
Nature. Wo genau die Evolution ansetzt und die
Genexpression verändert, müssen die Forscher noch im Detail
erklären. Aber den Unterschied zwischen Schimpanse und
Mensch können sie nun viel besser erklären.
Süddeutsche Zeitung
Wissen, S. 16, 9. März 2006
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