Der wahre Egoist kooperiert
Vor 30 Jahren erschien Richard Dawkins' Buch "Das egoistische Gen" - und krempelte das Denken über die Evolution um.
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 16, 26.
Oktober 2006
SZ261006 - Es waren Tränen der Hoffnungslosigkeit.
Aufgelöst war die Schülerin in Kanada zu ihrem Lehrer
gekommen: Sie sei so traurig, seit sie dieses Buch gelesen
habe. Ein Verleger aus Neuseeland wiederum hatte drei
schlaflose Nächte verbracht, weil ihm die Botschaft des
Buches "so kalt und düster" vorgekommen war. Viele Leser
fragten, wie es der Autor angesichts seines nihilistischen
Pessimismus fertigbrächte, morgens aufzustehen.
Viele solcher Klagen hat sich Richard Dawkins, britischer
Zoologe und Professor für die Popularisierung der
Wissenschaft an der Universität Oxford, in den vergangenen
Jahrzehnten anhören müssen - die meisten betreffen sein
erstes Buch "Das egoistische Gen", das am Donnerstag vor 30
Jahren in die Buchläden kam und inzwischen in 27 Sprachen
übersetzt und über eine Million mal verkauft worden ist.
Der Einfluss des Buches könne eigentlich nicht überschätzt
werden, erklären Dawkins' Kollegen. "Es hat die Art, wie
wir denken, von Grund auf verändert", sagen die Biologen
Alan Grafen und Mark Ridley, die einen Essayband über
Dawkins herausgegeben haben. Norbert Sachser,
Verhaltensbiologe an der Universität Bielefeld, ergänzt
stellvertretend für viele Kollegen, die Dawkins und sein
Buch als Studenten oder junge Wissenschaftler erlebten:
"Durch ihn erst wurde klar, dass sich in den siebziger
Jahren ein Paradigmenwechsel vollzog."
Bis dahin nämlich galt für die alte Garde der
Verhaltensforscher, allen voran Konrad Lorenz: Eine
Verhaltensweise setzt sich in der Evolution durch, wenn sie
der Arterhaltung dient. Was nicht ins Theoriengebäude
dieser Gruppenselektion passte - wie das Töten von
Jungtieren der eigenen Art - wurde als unnatürliches
Verhalten erklärt. Seit Mitte der Sechziger aber äußerten
englische und amerikanische Forscher andere Ideen: Nicht
die Art sei Grundeinheit der Evolution, sondern das
Individuum, so wie das auch Charles Darwin gesehen hatte.
Die "Neo-Darwinisten" gingen noch weiter: Eigentlich waren
es die Gene, auf die es ankam. Doch die umstürzlerischen
Worte blieben weitgehend unbemerkt. Stattdessen sammelten
die Verfechter der "alten Lehre" Meriten: Konrad Lorenz
erhielt 1973 mit Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen den
Nobelpreis.
Damals war Richard Dawkins 32 Jahre alt. Er hatte zwar bei
Tinbergen in Oxford promoviert, aber er war fasziniert von
den neuen Ideen, die er in einem Buch zusammenfasste, das
er nach eigenen Worten "in einem Zustand fieberhafter
Erregung" schrieb: Durch das "egoistische Gen" erfuhr die
Öffentlichkeit erstmals, dass es ganz andere Ideen über die
Evolution gab, als sie die Nobelpreisträger vertraten.
Dawkins erklärte sie so klar und einsichtig, dass auch
Laien begreifen konnten, wie durch natürliche Selektion aus
einfachen Molekülen im Laufe der Milliarden Jahre komplexe
Lebewesen entstanden waren.
Die Grundlage der gesamten belebten Welt aber war das, was
Dawkins als den "Egoismus der Gene" beschrieb. Er
betrachtete ihn als Voraussetzung, nicht als
Schlussfolgerung, denn Gene, die nicht konsequent ihre
eigene Vervielfältigung anstrebten, hatten im Wettbewerb
auf Dauer keine Chance. Ohne den Eigennutz, den Dawkins den
an sich leblosen Molekülen zusprach, könne es keine
Evolution durch natürliche Selektion geben. Darwin hatte
den Mechanismus als Auswahl zwischen zufälligen Variationen
beschrieben, deren beste sich auf Dauer durchsetzt. Nicht
die Art, Gruppe oder das einzelne Lebewesen, sondern nur
Gene hätten die nötigen Eigenschaften, sagte Dawkins: Gene
speichern und kopieren Information und schaffen durch
kleine Fehler die Basis biologischer Vielfalt.
Plötzlich ergab vieles einen Sinn
Im Lichte des Gen-Egoismus ergab es plötzlich Sinn, wenn
ein Löwenmännchen, das ein Rudel übernommen hatte, die
Jungtiere tötet, die sein Vorgänger gezeugt hat. Die
Weibchen werden eher wieder fruchtbar, der Neue bekommt
schneller die Chance, die eigenen Gene weiterzugeben. Gene
brachten die Lebewesen aber auch dazu, zu kooperieren. Dies
zu erklären war für Dawkins der eigentliche Zweck des
Buches: Wie konnte sich Altruismus in der Evolution
verbreiten, wenn die Gene egoistisch sein mussten?
Darin bestand die eigentliche Leistung der Soziobiologen,
wie die Neo-Darwinisten nach einem preisgekrönten Buch von
Edward O. Wilson auch genannt wurden. Sie nutzen neue
Ansätze wie mathematische Kosten-und-Nutzen-Berechnungen
und die Spieltheorie und erklärten erstmals, wie gerade
wegen der egoistischen Gene Kooperation und Aufopferung
unter Lebewesen entstehen konnten: etwa durch
verwandtschaftliche Bande, oder weil Nichtverwandte sich
nach dem Prinzip des 'Wie du mir, so ich dir' gute Taten
mit gleicher Münze zurückzahlten.
Kooperation lohnte sich immer dann, wenn sie zu mehr
Nachkommen führte und damit die Gene für Altruismus
verbreitete: "Eigentlich geht es vor allem um die
Entstehung von Altruismus", sagt Dawkins.
Vielen Lesern blieben aber weniger die bahnbrechenden Ideen
über die Kooperation im Gedächtnis, sondern Dawkins' Sätze
über die Stellung des Menschen: "Wir sind nur die
Überlebensmaschinen der Gene. Wenn wir unseren Zweck
erfüllen, werden wir beiseitegeschoben", schrieb er. Genau
das ließ Leser wie den Verleger aus Neuseeland nicht
schlafen und trieb der kanadischen Schülerin Tränen in die
Augen. Wenn Gene Organismen erschaffen, die im Interesse
der Gene agieren, so ihre Folgerung, dann müssen auch diese
Individuen unvermeidlich egoistisch sein.
"Die Leser hatten den Eindruck, Dawkins spreche von
genetischem Determinismus", sagt John Lyne, Experte für
wissenschaftliche Rhetorik von der University of
Pittsburgh. Und Manfred Milinski, der am
Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön die Evolution
erforscht, ergänzt: "Die deutsche Ausgabe unterstützte den
Eindruck noch durch das unglückliche Titelbild einer
Marionette."
Dawkins hatte allerdings selbst zu dem Missverständnis
beigetragen. Um die komplizierte Materie anschaulich zu
machen, hatte er den Genen Leben eingehaucht, ihnen
bewusste Absichten zugebilligt. "Unsere Intuition für
soziales Verhalten vereinnahmte die Gene völlig", sagt
Randolph Nesse, Psychologe von der University of Michigan.
Die Vorstellung, an den Marionettenschnüren der Gene zu
hängen, war für viele Leser hoffnungslos und kalt.
Dabei hatte Dawkins erklärt, dass gerade der Mensch in der
Lage sei, die Tyrannei der leblosen Moleküle zu überwinden,
zum Beispiel durch Empfängnisverhütung. Mit dem Sinn des
Lebens habe das alles überhaupt nichts zu tun.
Soziobiologen sagten immer wieder, sie beschrieben
lediglich, wie Evolution funktioniere, und nicht verkünden,
was moralisch richtig oder falsch sei. "Diese Hinweise
waren so effektiv wie ,Bitte langsam fahren‘-Warnschilder
an Baustellen auf einsamen Wüsten-Highways", sagt Nesse.
"Ein Bohnensack voll Gene"
In den achtziger Jahren geriet das Buch immer mehr in die
Kritik, die Debatte wurde politischer. Der scharfzüngige
britische Intellektuelle Dawkins wurde zur Zielscheibe von
Rechten wie Linken, Feministinnen, Kultur- und
Sozialwissenschaftlern, Religiösen und Mystikern. Auch von
wissenschaftlicher Seite hagelte es Vorwürfe. Die
Soziobiologen betrachteten Lebewesen als "einen Bohnensack
voll Gene", rügte der Evolutionsbiologe Ernst Mayr. Die
reduktionistische Vorstellung übersehe die
Gesamtzusammenhänge, ganze Phasen wie etwa die embryonale
Entwicklung würden ausgeblendet.
Im Laufe der Jahrzehnte entdeckten Wissenschaftler zudem
Mechanismen der genetischen Steuerung, die Dawkins noch
nicht kannte. Sie beruht bei der Methylierung zum Beispiel
nicht auf vererbbaren Mutationen des Genoms, sondern auf
kleinen Anhängseln, die das Ablesen der Gene steuern. Die
Genom-Projekte der letzten Jahre haben zudem offenbart, wie
viele Gene selbst Mensch und Fadenwurm gemeinsam haben: Das
belegt ebenfalls, dass es nicht nur auf die reine
Buchstabensequenz ankommt.
Ob diese Entdeckungen Dawkins widerlegen, ist indes eher
zweifelhaft. Denn auch das haben viele überlesen: Dawkins
definiert Gene sehr großzügig. Sie sind nicht einfach nur
funktionelle Abschnitte auf dem DNS-Strang. Jede Art
genomischer Information fällt darunter.
Dawkins hat seine oft unerbittliche Kampfeslust inzwischen
ausgeweitet. Mit Vehemenz und Prägnanz kämpft der erklärte
Atheist gegen christlich-motivierte Opposition zur
Evolutionstheorie, gegen Kreationismus und Intelligent
Design. In seinem neuen Buch "The God Delusion" (der
Gottes-Wahn) geht er noch weiter und erklärt religiösen
Glauben generell zum Hirngespinst.
Mildere Töne äußert Großbritanniens "führender
Intellektueller" (so eine Internetumfrage) aber, wenn es um
sein Erstlingswerk geht. Dawkins weiß, dass seine so häufig
zitierte Metapher vom egoistischen Gen viele falsche
Vorstellungen hervorrief: "Der Titel könnte auch ,Das
altruistische Tier‘ heißen", räumt er ein. Mehr gesteht er
aber nicht zu: "Das Buch würde ich heute nicht wesentlich
anders schreiben."
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 16, 26.
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