Was Speisekarten und Trockenblumen verraten
Ohne Daten sind Wissenschaftler nichts. Aber was, wenn es einfach keine Daten gibt? Dann ist Fantasie gefragt und man muss die Daten da suchen, wo sie niemand vermutet: auf Gemälden, Speisekarten oder getrockneten Blumen zum Beispiel.
stern.de, Wissenschaft , 21. August
2006
ST210806 - Es kommt immer auf das Auge des
Betrachters an. Man kann Monets Bilder der Gemäldeserie
über das vom Nebel verhangene Londoner House of Parliament
als impressionistische Meisterwerke betrachten, mit all den
Unschärfen und Farbsprengseln, die die Sonne in den Dunst
malt. Oder man sieht sie mit den Augen von Jacob Baker und
John Thornes von der University of Birmingham.
Dann erfährt man noch ganz andere Dinge: "Die Gemälde
enthalten überraschend präzise Informationen, die uns
Hinweise über den Londoner Nebel und die Luftverschmutzung
um 1900 liefern können", sagt Atmosphärenchemiker Baker.
Die Bilder, die Monet zu Beginn des 20. Jahrhunderts malte,
können ein solider Datenschatz für die Forschung werden,
glauben die beiden Engländer. Neue Daten über den "Nebel
des Grauens" könnte die Forschergemeinde gebrauchen: "Die
wissenschaftliche Untersuchung des Londoner Smogs im großen
Stil begann erst ein Jahrzehnt nach Monets Bildern", sagt
John Thornes.
Impressionistische Anhaltspunkte über das Wetter um
1900
Ihre Hoffnung stützen Thornes und Baker auf Ergebnisse, die
sie kürzlich im englischen Fachmagazin Proceedings of the
Royal Society A veröffentlichten. Die beiden
Wissenschaftler bestätigten anhand des Sonnenstandes in den
Gemälden den Zeitraum ihrer Entstehung bis auf einige Tage
und Stunden genau. Kunsthistoriker hatten ihn aus den
Briefen Monets an seine Frau auf einige Wochen im Februar
und März im Jahre 1900 eingrenzen können. Als Thornes und
Baker aber ihr wissenschaftliches Maß zur Winkelberechung
noch genauer anlegten, bestimmten sie sogar erstmals den
genauen Ort auf der anderen Seite der Themse, an dem der
Meister den Pinsel geschwungen hatte: eine Terrasse über
dem zweiten Stock des inzwischen abgerissenen Block 1 des
St. Thomas Hospitals.
Monets Werk als eine unabhängige Datenquelle öffnen sollen.
"Seine Bilder könnten uns etwas über die Sichtverhältnisse
und damit die Dichte des Nebels verraten", sagt Thornes.
Der Rauch über den Kaminen einiger Bilder verrät
Geschwindigkeit und Richtung des Windes und damit über die
Stabilität des Wetters. Selbst die so impressionistische
Farbgebung soll Thornes und Baker helfen. "Damit werden wir
die Art und die Konzentration von Schadstoffen beurteilen
können", sagen die Forscher optimistisch. Unterschiedliche
Inhaltsstoffe brechen das Licht in ganz charakteristischer
Art und Weise und lassen so Farbspiele entstehen, die Monet
vielleicht als einziger seiner Zeit - als Fotos noch
schwarzweiß waren - in bunten Bildern erfasst haben könnte.
Wenn sich bestätigt, was Thornes und Baker glauben, dann
dürfte auch klar sein, dass der Impressionist Monet viel
realistischer gemalt hat als bisher angenommen.
Alte Speisekarten verraten, was begehrt
war
Der Mangel an Daten ist immer wieder ein Grund, warum
Wissenschaftler ungewöhnliche Quellen für ihre Forschung
auftun. Vor allem, wenn sie Zeiträume untersuchen, von
denen kaum verlässliches Zahlenmaterial vorliegt. Da ist
Fantasie gefragt oder ein kurzer Moment der Eingebung, wie
ihn Glenn Jones erlebte, ein Ozeanograf von der Texas
A&M University in Galveston, USA. Er sammelt und
untersucht historische Speisekarten, seit ihm eines Tages
ein vergilbter Menüzettel aus den 50er Jahren in die Finger
geriet. Jones erkannte, welchen Schatz er da in Händen
hielt: Die Karten verraten ihm einen Teil der Geschichte,
warum die Fischbestände der Weltmeere heute in weiten
Teilen kurz vor dem Zusammenbruch stehen.
"Niemand hatte historische Speisekarten jemals auf diese
Weise untersucht", sagt Jones, der sich mit seinen Studien
am internationalen History of Marine Animal Project (HMAP)
beteiligt. Im HMAP versuchen Meeresforscher aus
historischen Quellen zu ergründen, wie groß die
Fischbestände einst waren, bevor sie im großen Stil
industriell ausgebeutet wurden. Jones' Kollegen bestimmen
etwa mit alten Logbüchern des 19. Jahrhunderts Fangquoten
und errechnen, wie viele Meerestiere damals in bestimmten
Regionen lebten. "Dass ist die eine Seite der Geschichte",
sagt Jones. "Wir untersuchen die Konsumentenseite: Was
wurde zu welchen Zeiten verzehrt, und wie viel waren die
Menschen bereit, dafür zu zahlen?"
Fataler Aufstieg des Hummers
Mehr als 200.000 verstaubte und vergilbte Karten aus
Küstenstädten wie New York, San Francisco oder Providence
auf Rhode Island haben er und sein Team zusammengetragen.
Sie reichen zurück bis in das Jahr 1850. Das Aufstöbern war
nicht leicht: "Speisekarten sind ja nichts, was man
normalerweise aufhebt, die sind eher wie Eintagsfliegen",
sagt Jones. Und gerade einmal zehntausend Karten enthalten
die notwendigen Grunddaten für eine wissenschaftliche
Auswertung: Preis, Datum, Ort. Zusammengefasst spiegeln sie
den kulinarischen Aufstieg und den ökologischen
Zusammenbruch manches Meeresbewohners wider. Jones konnte
den Aufstieg des Hummers vom Arme-Leute-Essen Mitte des 19.
Jahrhunderts zur begehrten High-Society-Delikatesse
nachzeichnen. Mit all den fatalen Zusammenhängen: Je
beliebter der Hummer wurde, desto mehr wurde er gefischt.
Der Befischungsdruck ließ die Bestände schrumpfen, die
Hummerjagd wurde aufwändiger, was die Preise hochschnellen
ließ. Ergebnis: Von einst inflationsbereinigten zwei bis
drei Dollar stieg der Preis für ein knappes Pfund
Lobsterfleisch auf 30 Dollar Ende der siebziger Jahre.
Fatale Folgen hatte dies auch für eine Muschel, das
Meerohr. In den zwanziger Jahren kostete eine Portion in
Restaurants in San Francisco umgerechnet sieben Dollar. An
Kaliforniens Küsten waren die Bestände groß und gesund.
1997 gab es nur noch so wenige dieser Schalentiere, dass
die Regierung einen Befischungsstopp erließ. Wer sich heute
Meerohren leisten will, muss 50 bis 70 Dollar auf den Tisch
legen, für importierte Ware aus Neuseeland und Australien.
Hummer und Meerohr sind beispielhaft für eine fatale
Entwicklung: "Die Geschichte wiederholt sich immer wieder",
sagt Jones. Verstärkt wird der Trend noch durch die Gier
mancher Gourmetfreunde, denen nicht klar zu sein scheint,
welchen Schaden sie anrichten: "Viele Menschen wollen
einfach nur das essen, was selten ist." Da müsse noch eine
Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden, mahnt der
Ozeanograf.
Gartenfotos und gepresste Blumen als
Belege
Genau das versucht Richard Primack von der Boston
University, USA. Allerdings bei einem ganz anderen Thema:
dem Klimawandel. Während seine Kollegen weltweit den Wandel
anhand nüchterner Zahlenreihen für Temperatur,
Niederschlagsmenge oder Luftdruck dingfest machen, liest
der Bostoner Botaniker die Erderwärmung aus viel
sinnlicheren Quellen: aus Gartenfotos, privaten
Tagebucheintragungen und gepressten Blumen. Primack geht es
darum, den Klimawandel für Skeptiker – vom Präsidenten bis
zum einfachen Bürger - anschaulich und begreifbar zu
machen. Dabei setzen er und sein Team zum Beispiel auf die
akribischen, über drei Jahrzehnte geführten
Tagebucheinträge einer Frau, die in der Nähe Bostons lebt.
Die Aufzeichnungen zeigen, wie steigende Temperaturen das
Leben der Tier- und Pflanzenwelt in ihrem Garten verändern.
Die Brautente etwa, ein Zugvogel, kehrte 1970 noch Mitte
April zu ihrem Gartenteich zurück, inzwischen fliegt sie
meist schon Ende Februar ein. Vier weitere Sommergäste
finden signifikant früher in ihren Garten als 30 Jahre
zuvor, darunter der Rubinkehlkolibri oder der
Hauszaunkönig.
Fotos und Herbarien dokumentieren den
Klimawandel
Wie Klimawandel aussieht, zeigen Fotovergleiche, wie zum
Beispiel zwei Fotografien eines Friedhofes in Lowell, einem
kleinen Ort dreißig Kilometer nordwestlich von Boston: Im
Mai 1868 trugen die Bäume noch kein einziges Blatt. Auf dem
zweiten Bild rund 130 Jahre später stehen sie im selben
Zeitraum in vollem Grün. Die Durchschnittstemperatur hat
sich in dieser Zeit im Raum Boston um fast zwei Grad
erhöht. "Die beiden Fälle demonstrieren anschaulich, was
alle unsere Daten jedes Mal wieder zeigen: Der Frühling
zieht immer früher ins Land", ist Primack überzeugt.
Er und seine Kollegen haben auch noch einen weiteren
Datenschatz geöffnet, der wortwörtlich greifbar macht, wie
die Welt sich erwärmt: Herbarien, Kataloge mit gepressten
Blumen. Eine Untersuchung des Herbariums des Arnold
Arboretum der Harvard University an 372 aus 80.000
Pressblumen, bestätigte den schleichenden Klimawechsel.
"Blumen aus der Zeit von 1900 bis 1920 blühten im
Durchschnitt acht Tage später als im Zeitraum 1980 bis
2002", sagt Primack. Das Ergebnis macht ihm Mut, den er an
seine Kollegen weiter geben will: "Überall auf der Welt
schlummern solche Herbarien mit genauen Orts- und
Zeitangaben. Damit könnte man die Entwicklung von 100 bis
150 Jahren auf eine Weise erforschen, wie es bisher noch
nicht möglich war."
stern.de, Wissenschaft , 21. August
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