Knigge für Problembären
Damit große Bären den Menschen nicht zu nahe kommen, setzen Experten auf Lärm und russische Hunde. Wenn nichts hilft, bleibt nur der Abschuss.
Süddeutsche Zeitung, Bayern, S. 37, 23.
Mai 2006
SZ230506 - Junge Braunbären wie Bruno im Alter von
zwei oder drei Jahren treibt es um. Sie suchen neue
Reviere, in denen sie Weibchen und Futter finden. „Dabei
legen sie bis zu 30 Kilometer pro Tag zurück", sagt Beate
Striebel, Leiterin des Bärenprojektes des WWF Österreich.
Normalerweise halten sich Bären vom Menschen fern, sie
fürchten sich vor ihnen. „Der Mensch gehört auch nicht ins
Beute-Spektrum der Braunbären“, sagt Volker Homes,
Artenschutzexperte des WWF Deutschland.
Warum gerade Braunbär Bruno die Nähe des Menschen so
ausgeprägt aufsucht, sei noch schwierig zu erklären: „Erst
wenn wir durch die genetischen Analysen genau wissen, um
welches Tier es sich handelt, können wir das wirklich
einschätzen“, sagt Striebel. Seit dem 9. Mai sei er fast
jeden Tag wieder in der Nähe menschlicher Siedlungen
aufgetaucht und durch Schadensmeldungen aufgefallen. In
Bayern hatte er am Wochenende sieben Schafe gerissen und
liegen gelassen, was ebenfalls ungewöhnlich ist:
„Normalerweise verstecken Bären ein Tier und kehren nach
ein paar Tagen wieder zurück“, sagt Homes.
Das Verhalten, menschliche Nähe zu suchen, kann durch puren
Zufall entstanden sein. Striebel: „Ein junger Bär ist
einfach neugierig und findet in der Nähe einer Hütte was zu
fressen, die noch weit ab jeglicher Siedlungen ist.“ Er
werde für seine Neugier belohnt und lerne, dass er in der
Nähe von Menschen Nahrung findet. Wenn er keine negativen
Erfahrungen macht, wird er es immer wieder versuchen.
Bereits im vergangenen Jahr hatte ein streunender Bär in
der Schweiz für Aufregung gesorgt. Auf seinem Trip hatte er
zwischen Juli und September 27 Schafe und ein Kalb
gerissen. Dann ging seine Spur verloren. Von solchen
Wanderern werden Fachleute immer wieder überrascht: „Wir
haben keinen Plan in der Schublade, wie wir mit einem
solchen Wanderbären umgehen müssen“, sagt Volker Homes.
Eine Möglichkeit ist das Umerziehen. Homes: „Diese Bären
müssen lernen, dass Menschen für sie Ärger bedeuten.“ Mit
schmerzhaften Gummigeschossen oder allem, was Lärm macht,
wollte man ihn erschrecken. Eine solche Umerziehung habe in
den 90er Jahren schon bei ein paar Bären auch in Österreich
funktioniert, sagt Striebel. In den USA und Kanada gibt es
Umerziehungsprogramme für Problembären, die in den
Nationalparks ihre Scheu vor Menschen verloren haben.
Speziell ausgebildete Karelische Bärenhunde, die einst in
Finnland und Russland für die Bärenjagd gezüchtet wurden,
setzt der WWF seit 1999 in Gebieten ein, die von Menschen
häufig besucht werden. Dort vertreiben sie durch ihr
auffälliges und lautes Verhalten Grizzlys und Schwarzbären.
Laut WWF USA konnten von 60 „Problembären“ seit 1998 durch
Umerziehungsmaßnahmen die meisten Tiere so weit beeinflusst
werden, dass sie keine Gefahr mehr darstellen. „Wo die
Maßnahmen nicht greifen, gibt es dann noch die Möglichkeit,
Bären in weit entfernte menschenleere Region auszusetzen“,
sagt Homes. In Nordamerika gebe es da natürlich ganz andere
Möglichkeiten, in Mitteleuropa sei dies schwieriger, sagt
Beate Striebel. Zeigt keine der Maßnahmen Erfolg, greifen
auch die amerikanischen Naturschützer zum letzten Mittel:
Der Bär wird erschossen.
Süddeutsche Zeitung, Bayern, S. 37, 23.
Mai 2006
zurück zu: Die Texte
2006