Das große Krabbeln
Ameisen erobern die Welt, weil Millionen Tiere wie ein Organismus agieren. Sie bauen lebende Brücken, pinkeln gemeinsam das überschwemmte Nest leer oder überfallen ein anderes Nest, alles ohne zentrale Kommandoebene. Ein Vorbild für effektive Arbeitsabläufe.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 9, 14.
September 2006
HB140906 - Von den Erfolgreichen lernen heißt
siegen lernen. Ameisen, eine der erfolgreichsten
Organismengruppen dieses Planeten, gibt es seit rund 140
Millionen Jahren, fast 12 000 Arten bevölkern die eisfreien
Zonen der Erde. Sie bilden Staaten von bis zu 20 Millionen
Individuen in einem Nest. Laut dem Projekt Life Counts gibt
es geschätzte zehntausend Billionen Ameisen (eine Eins mit
16 Nullen). Ein Berg aus all diesen Winzlingen wäre etwa so
schwer wie die Masse aller Menschen, obwohl die
"Formiciden" maximal Daumennagelgröße erreichen.
Ein Schlüssel für den Erfolg der Krabbler ist die Vielfalt
ihres Verhaltens, die entdeckt, wer sich auf Augenhöhe mit
den quirligen Sechsbeinern begibt, so wie Sheila Patek und
ihr Team von der University of California. Sie filmte die
Schnappkieferameisen beim Hoch-Weitsprung und berichtete
darüber jüngst in der Zeitschrift "Proceedings of the
National Academy of Sciences".
Dazu nutzen die Tiere den wohl schnellsten Reflex der Welt
- nicht im Knie, sondern im Kiefer: Mit bis zu 65 Meter pro
Sekunde schnellen die Zangen von Odontomachus bauri gegen
den Boden und katapultieren das Insekt wie im Kung-fu-Film
acht Zentimeter hoch oder bis zu vierzig Zentimeter weit.
Ein Mensch müsste 65 Meter weit springen, um Ähnliches zu
vollbringen. "Dadurch flüchten sie vor einem übergroßen
Gegner oder katapultieren sich und einen gleich großen
Eindringling voneinander weg", sagt Patek.
Neben solch bemerkenswerten Einzelleistungen ist es vor
allem ihr Mannschaftsspiel, das Ameisen zu einer der
erfolgreichsten Tiergruppen macht. Dass viele von ihnen
gemeinschaftlich Pilze züchten oder im Stile von Kuhhirten
Blattläuse hüten und melken, wissen Forscher schon länger.
Dass sie aber auch ganze Waldabschnitte zu ihren Gunsten
kultivieren, das überraschte selbst die an ungewöhnliche
Verhaltensweisen gewöhnte Wissenschaftlergilde.
Megan Frederickson von der Stanford Universität löste ein
Rätsel des Regenwaldes im peruanischen Amazonasgebiet
(Bericht in "Nature"). In diesem Paradies der botanischen
Vielfalt gibt es immer wieder Inseln der Monotonie aus
Baumgruppen von bis zu 300 Exemplaren von Duroia hirsuta,
einem Rötegewächs. Die Einwohner der Region haben die
natürlichen Monokulturen "des Teufels Garten" getauft, weil
sie so sonderbar sind.
Aber es ist nicht der Teufel, sondern die Ameise
Myrmelachista schumanni, die die Konkurrenten der Baumart
aus dem Weg räumt. "Die Ameisen erschaffen einen Platz mit
nur einer Pflanzenart an einem der biologisch
vielfältigsten Orte der Welt", begeistert sich
Frederickson. Sie fand heraus, dass die Sechsbeiner alle
anderen Pflanzen durch Säureanschläge töten. Aus gutem
Grund: Der Pflanzenkiller wohnt in den hohlen Stämmen der
Bäume. Auf diese Weise erhöhen die M. schumanni die Zahl
ihrer Behausungen, eine Baum-Stadt für Millionen Bewohner.
Kollektive Intelligenz
Dass die kleinen Förster es schaffen, koordiniert ein Stück
Wald zu bestellen, verdanken sie ihrer kollektiven
Intelligenz. Die einzelnen Mitglieder agieren wie die Teile
eines großen Ganzen, wie Zellen eines Körpers, weshalb
Biologen einen Ameisenstaat auch als Superorganismus
bezeichnen. Das Zauberwort für das Phänomen lautet
Emergenz, das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile.
"Das wirklich Spannende an all den kollektiven
Verhaltensweisen ist, dass es keine zentrale Befehlsstelle
gibt", sagt Martin Middendorf von der Universität Leipzig.
Es gibt zwar eine dicke Königin, die für den Nachwuchs
sorgt, aber so machtlos ist wie die von England. Obwohl
also niemand zentral die Fäden zieht, agieren Ameisen als
Gruppe. Tropische Wanderameisen schließen sich bei
Überschwemmung zu lebenden Flößen zusammen und treiben auf
der Welle. Sie bauen lebende Brücken über Abgründe, indem
sich ein Tier an das nächste hängt, bis sie die andere
Seite erreichen. Die malaysischen Ameisen Cataulacus
muticus pumpen gemeinsam das Wasser aus ihren Behausungen
in Riesenbambusstämmen: Sie halten Saufgelage ab und
pinkeln das Wasser aus der Wohnung, bis alles trocken
gelegt ist.
Das Prinzip dahinter ist immer das gleiche: "Sie schaffen
es, übergeordnete Probleme zu lösen nur mit Informationen,
die den einzelnen Tieren vor Ort zur Verfügung stehen",
sagt Middendorf. Verstanden haben Wissenschaftler dieses
autonome Entscheiden auf Grund lokaler Informationen, als
sie herausfanden, wie einzelne Ameisen den kürzesten Weg zu
einer Futterquelle aufstöbern und bald darauf alle diesen
Weg nutzen.
Die Pfadfinder suchen zunächst die Umgebung ab, bis einer
zufällig den kürzesten Weg zurück zur Kolonie entdeckt.
Weil diese Ameise schneller wieder im Nest ist als die
anderen, erneuert sie auch schneller die Duftspur, auf der
ihr die Genossen folgen können. Bei längeren Wegen
verflüchtigt sich die Spur schneller. "Auf diese Weise
setzt sich über kurz oder lang der kürzeste Weg durch",
sagt Middendorf.
Informatiker nutzen Ameisen-Prinzipien
Die optimale Lösung für die ganze Kolonie entsteht, weil
durch Zufall und etwas Zeit jedes Einzeltier die simple
Information Duftkonzentration nutzt, die ihm vor Ort zur
Verfügung steht. Informatiker begriffen in den neunziger
Jahren, dass sie dieses Prinzip auch auf andere Probleme
anwenden konnten. Middendorf: "Man kann das für die
Optimierung eines Problems einsetzen, wenn eine Lösung aus
einer Folge von Entscheidungen konstruiert werden kann."
Und davon gibt es im Wirtschaftsleben unzählige. Zum
Beispiel, wenn festgelegt werden muss, in welcher
Reihenfolge eine Maschine verschiedene Werkstücke möglichst
effizient fertigen soll. Oder wenn - wie bei den Ameisen -
die kürzeste Strecke innerhalb eines Gebietes errechnet
werden muss.
Middendorfs Gruppe erstellte Algorithmen für eine Firma,
die Routen berechnet. Ein Kunde musste 500 Supermärkte mit
seinen LKWs beliefern. Jede Nacht sucht ein Computer nach
dem Ameisen-Prinzip die schnellsten Route heraus: "Durch
unseren Algorithmus findet er jetzt kürzere Wege und
braucht zehn Prozent weniger Fahrzeuge", sagt der
Informatiker, der zunächst Biologie studiert hat. Das
neueste Projekt stellt er nächste Woche auf der Konferenz
des Forschungsschwerpunktes Organic Computing der Deutschen
Forschungsgemeinschaft in Stuttgart vor: "Wir helfen
Robotern, schneller und problemlos ihre Servicestationen zu
finden."
Abgeguckt haben sie sich die Lösung bei Ameisen im Bau, die
bestimmte Aufgaben erfüllen und immer wieder zu einer
zentralen Stelle wie der Brutkammer zurückkehren.
Genau wie ihre biologischen Vorbilder sollen die Roboter
die Servicestationen autonom anfahren, um zum Beispiel ihre
Batterien aufzuladen oder Material zu besorgen, aber ohne
dass es zu Staus kommt und ohne eine zentrale Steuerung.
Das Problem: In der Realität gibt es für die technischen
Helfer immer viele verschiedene Servicestationen, während
Ameisen sich nur auf eine konzentrieren. Überträgt man das
Ameisenprinzip eins zu eins auf die Roboter, knubbeln sie
sich irgendwann alle an einer Station.
"Dann müssen wir helfend eingreifen und den Algorithmus
entsprechend verändern", sagt Middendorf. Die natürliche
Lösung ist nicht immer die beste. Die Steuerung einzelner
Einheiten einer Gruppe, von Informatikern Agenten genannt,
nur durch lokale Informationen hat aber auch ihre Grenzen.
Middendorf: "Das Lokalitätsproblem ist nicht immer nur gut.
Manchmal kann eine globale Betrachtung von oben besser
sein."
Das ist es wohl, was den Menschen ebenso erfolgreich
gemacht hat wie die Ameisen: von den Siegern lernen, aber
ihre Prinzipien an die eigene Umwelt anpassen.
Handelsblatt, Wissenschaft, S. 9, 14.
September 2006
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