Wer ist das Volk?
Statistiker wollen die Deutschen endlich wieder zählen. Doch sie streiten sich darüber, welches die beste Methode für die kommende Volkszählung ist.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 11, 17. November 2005
SZ171105 - Da ist es wieder, das V-Wort.
Volkszählung. Lange hat man es nicht mehr gehört. Zwanzig
Jahre nachdem das Volkszählungsgesetz unterzeichnet wurde,
hoffen Statistiker auf ein Update für Deutschland. „Alle
sind sich einig, dass wir eine neue Volkszählung brauchen",
sagt Johann Szenzenstein vom Statistischen Bundesamt in
Wiesbaden. 1987 wurden die Westdeutschen zum letzten Mal
komplett erfasst, die Ostdeutschen 1981. Doch die Experten
streiten, wie sie das Volk am besten zählen sollen. Und das
nicht nur wegen des Traumas der 80er-Jahre, als die
Deutschen aufgebracht gegen den Zensus protestierten.
Während fast alle EU-Staaten um die Jahrtausendwende ihre
Bürger zählten, setzte Deutschland 1990 und 2001 aus.
Szenzenstein und seine Kollegen kamen zwar seither ganz gut
ohne Komplettzählung aus. Denn die Basisdaten der
Melderegister aus den Einwohnermeldeämtern werden durch den
jährlichen Mikrozensus ergänzt, eine repräsentative
Befragung eines Prozents der Bevölkerung. Doch über die
Jahre schleichen sich Fehler ein, kumulieren und führen zu
immer größeren Abweichungen. „Die Daten entfernen sich
immer weiter von der Realität", sagt Reiner Klingholz vom
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.
So kann heute niemand sagen, wie viele Einwohner
Deutschland genau hat. 82 501 000 lautet die letzte
errechnete Zahl vom31. Dezember 2004. 1987 lagen die
Statistiker zwar lediglich um 76 700 Einwohner daneben.
Aber nur weil sich die Über- und Untererfassung auf
Gemeindeebene ausglich. So gab es in Wirklichkeit rund 90
000 Münchner weniger, aber 130 000 Berliner mehr als
errechnet. „Wie groß heute die Abweichung ist, können wir
nur durch eine neue Volkszählung feststellen", sagt
Szenzenstein.
Auch der Zensus von 1987 offenbarte in manchen Bereichen
deutliche Abweichungen von den seit 1971 fortgeschriebenen
Daten. Die Einwohnerzahlen einzelner Bundesländer lagen zum
Beispiel so deutlich daneben, dass die Beträge im
Länderfinanzausgleich um zwei Milliarden Mark korrigiert
werden mussten. Es gab eine Million Wohnungen weniger als
angenommen. Im Land lebten 600 000 Ausländer weniger als
gedacht; und die Zahl der Erwerbstätigen war um eine
Million höher als berechnet. Die Folge: Dank der
Volkszählung sank in knapp einem Drittel der 141
Arbeitsamtsbezirke des früheren Bundesgebiets die
Arbeitslosenquote um ein Fünftel oder mehr.
Nicht nur die Zeit entfernt die Daten Immer mehr vom Status
quo: Die Wiedervereinigung und die offenen EU-Grenzen haben
die Struktur der Bundesrepublik zusätzlich durcheinander
gewirbelt. Mehr Einwanderung plus ungekannt niedrige
Geburtenraten und die ständig steigende Lebenserwartung
erhöhen die Unsicherheiten der Statistiker.
Die Branche fühlt sich zudem für einen neuen Zensus
motiviert, weil sie vermutlich weniger Ressentiments der
Bürger zu befürchten hat. „Die meisten Deutschen lassen
sich mittlerweile freiwillig durchleuchten", sagt Reiner
Klingholz. Mit Kredit- oder Kundenkarten, Handy oder
Einkauf im Internet geben sie zuhauf persönliche Daten
preis.
Um die Bürger dennoch möglichst wenig zu verschrecken,
wollen manche Statistiker sie diesmal auf schonendere Art
zählen. Statt wieder mehr als eine halbe Million
ehrenamtliche Interviewer in alle Haushalte zu schicken,
sollen bereits vorhandene Daten aus den
Einwohnermeldeämtern, der Bundesagentur für Arbeit oder der
Bundesversicherungsanstalt für Angestellte zusammengetragen
werden. Interviews soll es nur noch für ergänzende
Stichproben ähnlich wie beim Mikrozensus geben. Die
Vorteile dieses „registergestützten Zensus": Weniger Bürger
fühlen sich durch Fragen genervt, und die Kosten betragen
statt der Milliarde Euro, die eine klassische Volkszählung
verschlingt, nur ein Drittel davon. Vor allem Länder mit
guten Datenbanken setzen auf einen solchen
registergestützten Zensus, die Niederlande etwa und die
skandinavischen Staaten.
Reiner Klingholz hält davon nichts. Er fordert eine
Volkszählung im klassischen Stil, wie sie in den meisten
anderen Ländern vorgenommen wird. „Wenn die Register selbst
fehlerhaft sind, muss man einmal richtig durchzählen", sagt
er. Das Statistische Bundesamt räume schließlich selbst
ein, dass der registergestützte Zensus „komplizierte
Methoden der Datenprüfung und -verknüpfung erfordert, die
noch wenig erprobt sind".
In der Tat verstecken sich Fehler in den Registern.
Beispiel Einwohnermeldeamt: Wer sich bei Wegzug nicht
abmeldet, wird nicht aus der Kartei der Stadt gelöscht. So
ergab der Volkszählungstest, der zwischen 2001 und 2003 die
neue Zählmethode geprüft hat, mehr als 3,2 Millionen
solcher Karteileichen.
Aber Klingholz bemängelt nicht nur die Qualität der
Register, seiner Ansicht nach fehlen auch entscheidende
Daten: „Zum Beispiel ist unklar, wie viele Migranten es
gibt, wie viele Personen kinderlos bleiben oder wie viele
Krippenplätze benötigt werden." All das müsse von jedem
Bewohner erfragt werden.
Aber auch die klassische Volkzählung hat ihre Tücken. „Ein
Registerzensus ist eine methodisch ernst zu nehmende
Alternative", kontert Gert Wagner, Vorsitzender des vom
Forschungsministerium im Sommer 2004 einberufenen Rats für
Sozial- und Wirtschaftsdaten (ratSWD). Bei der klassischen
Zählung lasse nämlich häufig die Qualität der Zähler zu
wünschen übrig, gerade wenn sie Fragen zu vielen Themen
stellen müssen: „Viele Interviewer sind es gar nicht
gewohnt, solche Interviews zu führen", so Wagner. „Das
würde in einem Desaster enden."
Wie groß die Fehlerquote sein kann, zeigen Vergleichsdaten
der Volkszählung von 1971mit dem damaligen Mikrozensus.
„Selbst so ein einfacher Parameter wie das Geburtsjahr
stimmte bei 3,3 Prozent der Daten nicht überein; die
Stellung im Beruf sogar bei 22 Prozent", sagt Wagner. Zudem
wurden acht Prozent der beantworteten Fragen vom Zähler
nachträglich bereinigt.
Überhaupt hält Wagner es für schwierig, von allen
Einwohnern Daten zu bekommen. Beispiel Großbritannien: „Im
Stadtbezirk Inner London wurde jeder Fünfte gar nicht
erreicht", sagt er. Junge Berufstätige, die spät oder gar
nicht nach Hause kommen, sind das Problem. Gert Wagner hat
auch deshalb noch keine Methode favorisiert. „Welche Art zu
zählen die bessere ist, kann man im Moment kaum sagen.
"Wie stark die Methode das Ergebnis beeinflusst, zeigt ein
Beispiel von 1987 besonders deutlich: „Die Zahl der
Ein-Personen-Haushalte war damals laut Mikrozensus um 600
000 größer als nach der Volkszählung." Wahrscheinlich
stimmte keine der beiden Zahlen: „Die Interviewer im
Mikrozensus wurden nämlich für jeden Haushalt bezahlt",
sagt er. „Die Volkszähler hatten durch Singlehaushalte nur
mehr Arbeit."
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 11, 17. November
2005
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