Ehrenrettung fürs Spatzenhirn
Viele Vögel sind nicht dümmer als Säugetiere. Neuroanatomen haben deshalb endlich das durchgeführt, was sie schon seit einigen Jahrzehnten machen wollten: Dem Denkorgan eine neue, angemessene Nomenklatur zu verpassen.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 9, 8. Februar 2005
SZ080205 - Graupapagei Alex hätte sich sicher
längst dafür ausgesprochen, Teile des Vogelgehirns
umzubenennen, wenn ihn nur jemand gefragt hätte. Das
Studienobjekt der amerikanischen Verhaltensforscherin Irene
Pepperberg ist schließlich der lebende Beweis dafür, dass
Menschen die Intelligenz der Vögel unterschätzt haben. Alex
zählt und benennt Gegenstände und weist ihnen die richtigen
Farben und Materialien zu. Er antwortet richtig, nicht weil
er darauf dressiert wurde, sondern weil er es tatsächlich
verstanden hat.
Viele andere Vögel zeigen ähnlich erstaunliche kognitive
Leistungen. Rabenvögel nutzen Werkzeuge und bringen diese
Fähigkeit auch Artgenossen bei; Tauben gelten als
Orientierungswunder und unterscheiden sogar einen
kubistischen Picasso von einem impressionistischen Monet.
Singvögel lernen in Labors bis zu 2000 verschiedene
Melodien. All das sind Hirnleistungen, die teils weit über
die mancher Säugetiere hinausgehen, trotz eines angeblichen
„Spatzengehirns“. Neurowissenschaftler und
Kognitionsforscher waren deshalb auch seit den sechziger
Jahren zunehmend unzufrieden mit der Vorstellung, die ihnen
die alte Nomenklatur des Vogelgehirns vermittelte: Vögel
seien primitivere Wirbeltiere als Säuger.
Seit über hundert Jahren folgte sie dem Schema des
deutschen Ludwig Edinger. Der Neuroanatom hatte die Teile
des Wirbeltiergehirns in der Vorstellung benannt, dass die
Evolution immer neue, höhere Stufen auf der von Aristoteles
eingeführten Scala Naturae erklommen hat – vom Primitiven
zum Hochentwickelten. DasWirbeltiergehirn wuchs danach
ähnlich einer Zwiebel, Schicht für Schicht, von den Fischen
über die Amphibien zu den Reptilien und Vögeln bis zum
raffinierten Säugerhirn des Menschen. Im Kern primitive
Hirnteile für Grundfunktionen, Reflexe, angeborene
Verhaltensweisen, außen der moderne Intelligenzbrocken
Großhirnrinde für die kognitiven Höchstleistungen. Probleme
bereitete Edinger ein großes Hirnteil des Vorderhirns der
Vögel. Gemäß der Scala Naturae musste es sich um einen
primitiven Hirnteil handeln. Entsprechend archaisch
benannte er die einzelnen Regionen.
Heute wissen Biologen, dass Vögel sich vermutlich nach den
Säugetieren entwickelten. Das Vorderhirn der Vögel ist dem
Vorderhirn der Säuger entwicklungsbiologisch vergleichbar.
Deshalb hat eine internationale Gruppe führender
Neurowissenschaftler, das „Avian Brain Nomenclature
Consortium“, in siebenjähriger Arbeit eine neue Nomenklatur
des Vorderhirns der Vögel erstellt: „Wir glauben, dass die
Namen unsere Experimente und die Art wie wir denken stark
beeinflussen, deshalb haben wir sie überarbeitet“,
schreiben die 29 Neurowissenschaftler jetzt im Fachblatt
Nature Reviews Neuroscience (Bd.6, S.151, 2005).
Das Expertenteam verbannte etwa die Vorsilbe Paleo- oder
die Endung -striatum, die für primitivere
Entwicklungsstufen stehen und taufte Hirnregionen völlig
neu oder wie entsprechende Bereiche im Säugerhirn. „Damit
verdeutlicht auch die Benennung: Es gibt zwei gleichwertige
Möglichkeiten, kognitive Leistungen zu vollbringen: zum
einen das Großhirn der Säuger, zum anderen das homologe
Vorderhirn der Vögel“, sagt der Neurobiologe Harald Luksch
von der RWTH Aachen.
Die neuen Namen sind zwar nur ein Vorschlag, scheinen sich
aber schon durchzusetzen. Ein gerade veröffentlichter
Anatomieatlas habe die Benennung bereits übernommen, freut
sich Onur Güntürkün von der Universität Bochum: „Alle
neueren Fachartikel zum Thema, die ich kenne, nutzen
ebenfalls schon unsere Nomenklatur.“ In der Geschichte der
Anatomie wurde elfmal versucht, eine Nomenklatur zu ändern,
zweimal waren die Wissenschaftler erfolgreich: „Unser
Versuch ist der dritte erfolgreiche, so wie es aussieht“,
sagt Güntürkün stolz. Die Lehrbücher müssen wohl
umgeschrieben werden.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 9, 8. Februar 2005
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