Meine Rechte, deine Rechte


Zwei repräsentative Umfragen offenbaren gravierende Mängel beim Wissen der Deutschen zum Thema Menschenrechte. Forscher fordern eine bessere Vermittlung in Schule und Ausbildung.

National Geographic, Geographica, S. 9, April 2005


NG0405 - Wie soll man verteidigen, was man nicht kennt? Die Frage drängt sich auf, wenn man die Ergebnisse der weltweit ersten repräsentativen Untersuchungen zum Thema Menschenrechte studiert. Sie stammen aus den Universitäten Marburg und Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte (DIMR) in Berlin. Rund 4000 Personen wurden befragt.

Die meisten finden es wichtig, dass die Menschenrechte verwirklicht werden. Doch der Blick richtet sich oft mehr ins Ausland als auf Verletzungen der Menschenrechte zu Hause. So gaben zwei Drittel der Befragten an, der "Schutz vor Arbeitslosigkeit" oder das "Recht auf begrenzte Arbeitszeit und bezahlten Urlaub" seien keine Menschenrechte. Und liegen falsch.

Die Vereinten Nationen (UN) beschlossen 1948 ohne Gegenstimmen einen Katalog mit etwa 100 bürgerlichen, wirtschaftlichen und sozialen Rechten. Danach hat jeder Mensch unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Nationalität oder Volkszugehörigkeit Anspruch auf die Verwirklichung aller dieser Rechte. Wirtschaftliche Rechte haben dabei uneingeschränkt die gleiche Bedeutung wie das "Recht auf freie Meinungsäußerung" oder der "Schutz vor Folter".

Wer aber die Rechte nicht kennt, nimmt eher hin, wenn sie verletzt werden. "Dass jedem Menschen Asyl einfach zusteht, ist für viele überhaupt kein Thema, weil sie es nicht wissen", bedauert der Marburger Konfliktforscher Jost Stellmacher. Und wirtschaftliche Menschenrechte - das Recht auf Arbeit zum Beispiel - seien bislang vor Gericht nicht einklagbar.

Das Fazit der Wissenschaftler: Die Allgemeinheit müsste viel besser aufgeklärt werden. Sie fordern mehr staatliches Engagement. "Das Defizit kann zum Beispiel verringert werden, wenn Menschenrechte in Schule und Lehre mehr vermittelt werden", sagt Stellmacher. Dies gelte im öffentlichen Dienst genauso. "Auch Lehrer, Polizisten und Juristen müssen noch viel mehr über Menschenrechte lernen."

National Geographic, Geographica, S. 9, April 2005


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Die Texte 2005