Maladien für Millionen


Angebliche Volkskrankheiten: Viele Zahlen über die Leiden der Deutschen sind ungenau oder einfach falsch. Wer Aufmerksamkeit erreichen will, greift eher zu hohen Zahlen, auch wenn die wissenschaftlich gar nicht belegt sind.

Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 10, 30. November 2005


SZ301105 - Acht Millionen Deutsche sollen Diabetes haben, acht Millionen Migräne, fünf Millionen Arthrose, sieben Millionen Osteoporose, vier Millionen Asthma, vier Millionen Bluthochdruck und zehn Millionen sollen ihren Harn nicht halten können.

Eine Epidemie der Volkskrankheiten jagt durch die Medien. Wer wissen will, wie viele Menschen an welcher Krankheit leiden, gerät bei der Suche in Informationsbroschüren, Zeitschriften und im Internet rasch ins Staunen. „Man wundert sich, dass es in Deutschland überhaupt noch gesunde Menschen gibt", sagt Stefan Wilm, Epidemiologe am Klinikum der Universität Düsseldorf. Die Bundesrepublik hat nicht einmal genug Einwohner, um all jene Menschen zu beherbergen, die angeblich an einer der über 30 000 bekannten Krankheiten leiden. Der Grund: „Es gibt kaum eine Krankheit, deren Häufigkeit wirklich gut untersucht ist", sagt Stefan Wilm. Dennoch tun viele Ärzte so, als wüssten sie genau, wie viele Deutsche unter Karies, Nierensteinen oder Alzheimer leiden. Und wer Aufmerksamkeit will, greift gerne zu besonders hohen Schätzungen.

Haarsträubende Rechnung

Wie weit medizinische Propaganda und Realität mitunter auseinanderklaffen, offenbart eine Untersuchung von Stefan Wilm und seinem Kollegen Josta Meidl. Die beiden Epidemiologen haben nach Kranken mit Offenem Bein geforscht. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) - der Vertretung der Kassenärzte gegenüber den Krankenkassen - leiden in Deutschland 1,2 Millionen Menschen an einem solchen Unterschenkelgeschwür, das meist durch eine Durchblutungsstörung hervorgerufen wird.

Statt auf ein solches gigantisches Heer an Kranken kamen Wilm und Meidl in ihrer Untersuchung jedoch nur auf einen recht überschaubaren Trupp: Sie haben die Daten von 40 Allgemeinarztpraxen mit 54 000 Patienten ausgewertet. Eineinhalb Jahre lang sollten die Ärzte jedes Unterschenkelgeschwür melden, das sie in dieser Zeit versorgt haben: Gerade mal 64 Meldungen gingen bei den Düsseldorfer Forschern ein.

Das Fazit: „Statt der beschworenen 1,2 Millionen Betroffenen haben nach unseren Hochrechnungen bundesweit nur 50 000 Menschen ein Offenes Bein", sagt Stefan Wilm. Die beiden Epidemiologen fanden auch Bestätigung von anderer Seite: Die so genannte Bonner Venenstudie, die in Fachkreisen anerkannt ist, hatte nämlich bereits in den Jahren 2000 bis 2002 gezeigt, dass etwa 0,1 Prozent der Deutschen an einem Offenen Bein leiden. Bei einer Einwohnerzahl von rund 80 Millionen sind das also 80 000 Betroffene.

Auf Anfrage der SZ offenbart die KBV, wie sie auf ihre Zahl von 1,2 Millionen Menschen mit Offenem Bein kommt. Die Rechnung ist haarsträubend. Zwar hat die KBV die Bonner Venenstudie zu Grunde gelegt, doch nach ihrer Mathematik entsprechen 0,1 Prozent der Bevölkerung 800 000 statt 80 000 Menschen. Abgesehen davon, dass auch die Zahl mit der Null zu viel immer noch ein gutes Stück von 1,2 Millionen Betroffenen entfernt ist, hat die KBV also einen simplen Rechenfehler gemacht.

Eine weitere Quelle der KBV ist die Venen-Liga, ein Verein der sich um die Belange von Menschen mit Venenerkrankungen kümmert. Laut der Venen-Liga haben in Deutschland eine Million Menschen ein Offenes Bein. Auf Nachfrage erfährt man, dass die Zahl aus einer 24 Jahre alten Erhebung stammt. Die deutlich niedrigeren Zahlen der Bonner Venenstudie und der Düsseldorfer Untersuchung überraschen den ehrenamtlichen Präsidenten Ernst Altenpohl zunächst. Nach Studium der Ergebnisse lenkt er ein: „Die Daten sind so überzeugend, dass wir diese künftig mitteilen werden."

Der Eindruck sei nicht von der Hand zu weisen, dass die KBV mit hohen Zahlen die Krankenkassen zu Extraverträgen „verführen" wolle, findet Stefan Wilm: „Sie versucht im Interesse der Ärzte, von den Krankenkassen zusätzliches Geld zu bekommen, das das übliche Budget übersteigt." Doch dafür muss es auch eine beeindruckend hohe Zahl von Betroffenen geben, sonst wird kein Sondertopf eröffnet. Roland Stahl, Pressesprecher der KBV, weist Zahlenschönfärberei entschieden zurück: „Es geht um Verbesserungen der Versorgung. Patientenschicksale lassen sich nicht an Zahlen festmachen."

Der Hang zu hohen Zahlen findet sich aber nicht nur bei der KBV. Viele Werbebroschüren, Infoblätter und Internetseiten jonglieren mit kaum fassbaren Zahlenungetümen - egal, ob sie von Pharmafirmen, Selbsthilfegruppen oder Ärztevereinigungen stammen. Schließlich springen auch Geldgeber und Medien eher bei einer Krankheit an, die viele Millionen betrifft.

Jüngstes Beispiel Inkontinenz: Um auf das Leiden, das häufig aus Scham verschwiegen wird, aufmerksam zu machen, verbreitete kürzlich die Deutsche Presseagentur ein Gespräch mit Ulrich Humke, dem Direktor der Urologischen Klinik am Katharinenhospital in Stuttgart. Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland könnten ihren Harn oder Stuhl nicht zurückhalten, sagte Humke der Nachrichtenagentur. Die Dunkelziffer sei aber noch höher: „Ich schätze die Zahl der Betroffenen auf das Doppelte." Das wäre jeder achte Deutsche. Im Jahr 2050 soll gar jeder fünfte inkontinent sein.

Für seine Prognosen gebe es allerdings keinen wissenschaftlichen Nachweis, räumt Humke auf Nachfrage der SZ ein. Sein Zukunftsszenario beruhe auf „einer inoffiziellen Hochrechnung der Versorgungswirtschaft", der Hersteller von Windeln also. Nach deren Verkaufszahlen wären heute schon zehn Millionen Deutsche inkontinent und in 45 Jahren würden 40 Prozent aller Einwohner der Bundesrepublik betroffen sein. Humke glaubt das auch nicht. Deshalb hat er seine Zahl über den Daumen gepeilt. „Rechnet man Übertreibung und wirtschaftliche Interessen aus diesem Wert heraus, könnte eine Zahl von 20 Prozent realistisch sein", erklärt der Urologe seine Prognose.

Krank ist, wer als krank gilt

Dass Verbände, Firmen und Organisationen versuchen, Aufmerksamkeit für Krankheiten zu erzeugen, kann Christa Scheidt-Nave zwar verstehen: „Es gibt schon Stiefkinder der Versorgung wie Inkontinenz, Arthrose oder Osteoporose, bei denen man eben nicht mit Schwerstkranken und Toten handeln kann", sagt die Leiterin der Abteilung Epidemiologie nicht-übertragbarer Krankheiten am Robert-Koch-Institut. Dennoch sei es nicht akzeptabel, mit wissenschaftlich nicht belegten Daten zu arbeiten.

„Es gibt zwar viele Zahlen zur Häufigkeit von Krankheiten", erläutert Jürgen Stausberg, Epidemiologe am Universitätsklinikum Essen. Sie lassen aber allenfalls dann verlässliche Aussagen zu, wenn sie in korrektem Zusammenhang dargestellt werden - wenn also klar ist, wie und an wem die Daten erhoben wurden. „Die wenigsten Studien haben eine so gute Datengrundlage, dass sie sich auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen lassen", sagt Christa Scheidt-Nave.

Eine unter Epidemiologen bekannte Masche, Krankenzahlen in die Höhe zu treiben, ist die Ausweitung der Definition einer Krankheit. Eine Erkrankung wird dann so weit gefasst, dass auch Personen als krank gelten, die gar nicht leiden. Die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung COPD gehört zu diesen ausgeweiteten Krankheiten, eine Kombination aus chronischer Bronchitis und Lungenemphysem. In der Berichterstattung über diese „vernachlässigte Volkskrankheit" (Die Zeit) kursieren Krankenzahlen zwischen drei und zehn Millionen Deutschen. „Beeindruckend hohe Zahlen werden zum Beispiel erreicht, indem man einfach alle Raucher mit eingeschränkter Lungenfunktion im Stadium Null in die COPD-Definition einschließt", sagt Stefan Wilm. Die weitaus meisten COPD-Kranken sind denn auch Raucher. Schließlich haben fast alle Tabakkonsumenten eine eingeschränkte Lungenfunktion, wie am morgendlichen Abhusten zu hören ist. Wenn das bereits als „Stadium Null" der Erkrankung definiert wird, gibt es auf einen Schlag einen Haufen mehr Leute, die scheinbar an COPD leiden.„Aber diese Menschen sind überhaupt noch nicht krank", sagt Wilm.

Immer mehr Gesunde werden auf diese Art zu Kranken erklärt. Noch drastischer als bei der COPD ist die Ausweitung der Krankheits-Definition beim Bluthochdruck, beim Diabetes oder beim Cholesterinwert. Letzterer wurde zeitweise so niedrig angesetzt, dass 90 Prozent der Deutschen überhöhte Blutfettwerte hatten.

Auch der Zeitraum, in dem die Zahl der Betroffenen bestimmt wurde, hat einen erheblichen Einfluss auf die Größenordnung: Wenn geschaut wird, wie viele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt (Punktprävalenz) an einer Krankheit leiden, sind dies zwangläufig weniger als die Kranken in einem ganzen Jahr (Periodenprävalenz). „Allein durch die unterschiedliche Wahl dieser Kenngröße erreicht man beim Wundliegen Werte zwischen zwei und 24 Prozent", sagt Jürgen Strausberg.

Abhilfe gegen die willkürliche Verwendung von Zahlen könnten große unabhängige Studien sein. Doch die gibt es in Deutschland kaum, anders als in den USA oder Großbritannien. „Wegen unserer Geschichte gab es hierzulande jahrzehntelang eine gewisse Scheu vor Massenscreenings und Arbeiten zur Volksgesundheit", sagt Christa Scheidt-Nave. Höher propagierte Zahlen führten zwar nicht automatisch dazu, dass mehr Medikamente oder Therapien verordnet werden. Aber sie beeinflussen Patienten wie Ärzte. „Wenn man ständig hört, dass eine Krankheit viel häufiger ist als bisher wahrgenommen, dann frisst sich das allmählich doch in das Gehirn der Menschen", sagt Stefan Wilm. Und am Ende bekommen Patienten Medikamente und Therapien verschrieben, die sie früher nicht bekommen hätten.

Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 10, 30. November 2005

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