Die formende Kraft der Läuse
Nicht nur die Art des Futters formte in der Evolution der Vögel den Schnabel, sondern auch Parasiten, zeigen Experimente an Felsentauben.
Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 9, 26.
April 2005
NG260405 - Das Futter, das eine Vogelart frisst,
hat im Laufe ihrer Evolution den Schnabel geformt. Das ist
Lehrbuchstoff seit Generationen, und Darwins berühmte
Finken sind das klassische Beispiel: dicke, klobige
Schnäbel zum Knacken von Samen und kleinere, schlankere für
den Insektenfang. Auch bei anderen Vögeln erkenntman an der
Form des Schnabels, was sie fressen: der lange, schmale für
die Nektar saugenden Kolibris, die sich überkreuzenden
Schnabelhälften der Zapfen pulenden Kreuzschnäbel,
kräftige, hakenförmige Schnäbel für Greifvögel, elegante,
lange Schnäbel für im Sand stochernde Wasserläufer.
Das Erklärungsmodell „Futter bestimmt die Form" ist
bestechend - und doch nur ein Teil der Wahrheit, wie Dale
Clayton und ein Forschungsteam von der amerikanischen
University of Utah jetzt erstmals an Felsentauben zeigen
konnten, der Wildform der in Deutschland bekannten
Haustauben. „Die Parasitenabwehr wurde als formender Faktor
bisher weitgehend außer Acht gelassen", schreiben sie in
der Online-Vorabausgabe der Proceedings of the Royal
Society B (doi:10.1098/rspb.2004.3036). Läuse, Milben und
Flöhe spielen in der Evolution der Vögel eine so große
Rolle, dass auch sie die Morphologie des Schnabels
beeinflussten, so die These Dale Claytons.
In mehreren Versuchsanordnungen demonstrieren die Forscher,
welche Bedeutung die für Tauben typische überhängende
Spitze der oberen Schnabelhälfte zukommt. Stutzten sie den
Vogelzinken, verlausten die Tauben; das Zurückfeilen der
Spitze beeinträchtigte die Tiere dagegen nicht beim
Fressen. Hochgeschwindigkeits- Videoaufnahmen offenbarten,
wie diese überhängende Schnabelspitze und die untere
Schnabelhälfte bis zu 31-mal in der Sekunde gegeneinander
reiben, während die Feder durch den Schnabel gleitet. Mit
verheerenden Folgen für die an den Federn sitzenden Läuse:
abgerissene Beine, geplatzte Panzer, abgeschlagene Köpfe.
Ohne Haken am Taubenschnabel, blieb das Ungeziefer dagegen
weitgehend verschont.
Das hat fatale Folgen für den Vogel, denn verlaustes
Gefieder reguliert die Temperatur schlechter und wird
unansehnlich. Damit sinken auch die Chancen der Taube auf
einen Paarungspartner. Bestätigt wird die These der
amerikanischen Wissenschaftler durch ältere Beobachtungen.
Arten mit großen Schnabelüberhängen haben mehr mit
Parasiten zu kämpfen als Arten mit kürzeren
Schnabelüberhängen. Selbst innerhalb einer Vogelart haben
Gruppen, die stärker verlaust sind, längere Schnabelspitzen
als Artgenossen in weniger von Parasiten befallenen
Populationen. Die Evolution des Vogelschnabels müsste nach
Meinung der Forscher neu aufgerollt werden, denn Vögel
haben Schnäbel nicht nur zum Fressen, sondern auch zum
Lausen.
Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 9, 26.
April 2005
zurück zu: Die Texte
2005