Kauft endlich! Die Kunden-Formel
Die Gesetze der Ökonomie könnten so einfach sein, wäre da nicht der Faktor Mensch. Um ihn zu verstehen, braucht es Spieltheoretiker, Massenpsychologen und Chaosforscher.
SZ Wissen, S. 22, Mai/Juni 2005
SZW300405 - Deutschland im Frühjahr 2005. Alle
warten. Die Konsumforscher, die Marketingexperten, der
Einzelhandel, die Banken, die Regierung. Sie warten auf den
Kunden. Dass er kauft, konsumiert, sein Geld unter die
Leute bringt. Damit die Wirtschaft anspringt, damit es
endlich wieder aufwärts geht. Aber er zögert, obwohl die
Gelegenheiten nie besser waren: Geiz-ist-geil,
es-lebe-billich, Feilschen erlaubt, längere Öffnungszeiten,
E-Commerce. Seit 2001 stagniert der Konsum, der doch das
gesamte Jahrzehnt zuvor gestiegen war.
Deutschland steckt im Konsumstau. "Die Stimmung ist
schlecht." Rolf Bürkl weiß, wovon er spricht: Er schaut für
die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg in
die Zukunft. Monat für Monat wertet er Fragebögen mit
Antworten von 2000 repräsentativ ausgesuchten Deutschen
aus. "Wie wird sich - Ihrer Ansicht nach - die finanzielle
Lage Ihres Haushalts in den kommenden zwölf Monaten
entwickeln?", steht da, oder: "Glauben Sie, dass es zurzeit
ratsam ist, größere Anschaffungen zu tätigen?"
Der Befragte kann wählen: Der Augenblick ist günstig -
weder günstig noch ungünstig - ungünstig. Daraus errechnet
Bürkl das "Konsumklima". In den vergangenen drei Jahren war
es schlecht: Miese Konsumlaune im Euroland (März 2002),
Konsumklima: Langes Leiden? (März 2003) und Konsumstimmung
herbstlich kühl (Oktober 2004), hieß es in den Berichten
Solche Meldungen machen Wirtschaftsforschern Sorgen, denn
der private Konsum trägt 50 bis 75 Prozent zum
Bruttoinlandsprodukt bei und ist damit entscheidend für die
wirtschaftliche Leistung eines Landes. Und darum suchen nun
Forscher verschiedenster Schulen nach Rezepten, die
Kauflust anzustacheln. Es sind Volkswirtschaftler,
Betriebswirtschaftler, Konsumforscher, Marketingfachleute,
Psychologen, und ihre Ansätze sind so vielfältig wie ihre
Disziplinen. Für Volkswirte geht der einzelne Verbraucher
in einer amorphen Masse unter, Verhaltensforscher
untersuchen, was Testpersonen als fair empfinden, und
Psychologen spüren den widerstreitenden Impulsen im Kopf
einzelner Kunden nach. Ein Allheilmittel gegen den
Konsumstau hat keiner gefunden.
Dennoch stellen Wirtschaftsforscher wie Bürkl fleißig
Prognosen. Sie schauen den Menschen dazu in die Taschen und
versuchen vorherzusehen, welcher Anteil des Einkommens in
den Konsum fließt. Doch die Menschen, die die Auguren dabei
vor ihrem geistigen Auge passieren lassen, sind
Kunstfiguren: Sie gehören zur Gattung Homo oeconomicus.
Dieser wirtschaftende Mensch ist eine Erfindung des 18.
Jahrhunderts, als Theoretiker wie Adam Smith die
Nationalökonomie prägten.
Ihr Homo oeconomicus trifft seine Entscheidungen vollkommen
rational, ist nur auf seinen Nutzen bedacht und
ausgestattet mit allen nötigen Daten. Zufälle, Ängste oder
schlichte Dummheit sind in dieser Idealvorstellung nicht
vorgesehen. "Das ist wie auf einem mittelalterlichen
Bauernmarkt, jeder kennt jeden, jeder hat die notwendigen
Informationen, die Welt ist überschaubar", sagt Frank Jacob
von der Europäischen Wirtschaftshochschule Berlin.
Doch längst haben Wirtschaftsforscher begonnen, die
Rationalität des Homo oeconomicus in Zweifel zu ziehen. Sie
studieren dazu seinen vermeintlichen Idealtypus, den
Börsenmakler. Ein Profi, der ständig Informationen aufnimmt
und steigende wie fallende Kurse emotionslos aufnimmt. Oder
nicht? Die Forschungsrichtung der Behavioural Economics
belegt fast täglich: Auch auf dem Börsenparkett gelten die
biologischen Regeln des Sozialverhaltens. Deshalb folgen
Händler auch mal nur der "Herde" und jubeln Dot-Com-Firmen
der so genannten New Economy hoch, bloß weil in deren
Geschäftspapieren irgendwo das Wort "Internet" steht. Oder
sie stoßen Aktien ab, weil es alle anderen auch tun.
Lemminge verhalten sich nicht anders. Die Börsianer aber
reißen die ganze Wirtschaft mit.
Forscher finden wenig schmeichelhafte Begriffe für dieses
Verhalten. Doyne Farmer vom Santa Fe Institute in New
Mexico zum Beispiel stellt die Börse mit dem
"Null-Intelligenz"-Modell nach: Er lässt simulierte Makler
in seinem Computer rein zufällig handeln. Sie verlangen zum
Beispiel für eine Aktie mit der gleichen Wahrscheinlichkeit
Mondpreise wie scheinbar bauernschlau kalkulierte Beträge.
Auf äußere Informationen reagieren sie nicht. Dennoch
konnte Farmer die Londoner Börse von August 1998 bis April
2000 erstaunlich genau nachbilden. Seine hirnlosen Makler
hatten die Kurse von elf Aktien fast auf genau den gleichen
Stand gebracht wie ihre wirklichen Kollegen.
Zum zweiten Schlag gegen den Homo oeconomicus holt Axel
Ockenfels aus. Der 36-jährige Professor von der Universität
Köln erforscht das Verhalten der Menschen, indem er sie
spielen lässt. Experimentelle Wirtschaftswissenschaft nennt
sich das Feld, seine Pioniere haben zwei Nobelpreise
bekommen: 2002 der Amerikaner Vernon Smith von der George
Mason University in Virginia, 1994 der Bonner Professor
Reinhard Selten. Und Ockenfels selbst ist vor kurzem mit
dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft
ausgezeichnet worden.
Alle drei setzen dem rationalen Wirtschafter einen Menschen
mit eingeschränkter Vernunft entgegen. "Kunden haben sehr
begrenzte kognitive Fähigkeiten. Alltägliche Entscheidungen
wie das Einkaufen im Supermarkt könnte der Homo oeconomicus
praktisch nicht bewältigen", sagt Reinhard Selten. Aber zur
geistigen Schwäche kommt beim Kunden à la Selten eine Herz
erwärmende Eigenschaft: die Sehnsucht nach Fairness.
Die experimentelle Wirtschaftswissenschaft bricht mit der
traditionellen Lehre, weil bei ihr zu jedem Geschäft
mindestens zwei aktive Partner gehören. Für den Homo
oeconomicus hingegen spielte sein Gegenüber keine Rolle.
Ockenfels' Ansatz stützt sich auf die Spieltheorie. Diese
im Kalten Krieg entstandene Lehre besagt zunächst nur, dass
Menschen ihr Verhalten von den Handlungen - und den
erwarteten Handlungen - anderer Menschen abhängig macht.
Und das lässt sich bei Versuchen überprüfen.
Ockenfels hat ein nagelneues Labor, das größte in
Deutschland. Es strahlt den Charme eines Großraumbüros aus:
Durch Stellwände abgeteilt sind 34 Zellen entstanden, in
denen Studenten als Versuchspersonen vor Computern sitzen,
manche konzentriert, andere abwartend, einige gelangweilt.
Die Plätze sind nummeriert, man hört gelegentliches
Mausklicken, Tastaturklackern, ansonsten Stille. Dabei
spielen sich kleine Dramen in den Zellen ab: der Triumph,
einen unbekannten Handelspartner übers Ohr gehauen zu
haben, und die Frustration, wenn er einem ein schönes
Geschäft vermasselt.
Die Versuchspersonen in Ockenfels' Labor zocken, und zwar
um richtiges Geld, "damit die Spieler einen echten Anreiz
haben", sagt der Professor. Ein Spiel geht so: Marc erhält
100 Euro, die er mit der ihm unbekannten Petra teilen muss.
Wenn sie sein Angebot akzeptiert, darf jeder seinen Teil
behalten; lehnt sie ab, gehen beide leer aus. Verhandlungen
sind nicht vorgesehen. Nicht umsonst heißt das Spiel
"Ultimatum". "Wir finden immer wieder Effekte, die man mit
dem Standardmodell nicht erklären kann", sagt Ockenfels.
Bietet Marc zum Beispiel einen Euro, um 99 Euro zu
behalten, müsste Petra der klassischen Theorie zufolge
zustimmen, weil ein Euro besser ist als nichts. In der
Praxis aber werden Angebote unter 20 oder 30 Euro fast
immer zurückgewiesen, das Ergebnis lautet meist auf
Halbe-Halbe. Marc ahnt oder weiß, dass er Petra mit einem
mickerigen Angebot verärgert.
Kollegen von Ockenfels haben dieses Spiel mit den Methoden
der modernen Hirnforschung verknüpft. Jonathan Cohen von
der Princeton University ließ seine Probanden in einem
Kernspin-Tomographen "Ultimatum" spielen. Wenn sie ein
faires Angebot annahmen, fiel die Entscheidung hinter der
Stirn, wo das bewusste Denken passiert. Unfaire Angebote
hingegen lösten das Veto einer anderen Hirnregion aus, die
sonst für Abscheu zuständig ist. Unter dem Feuer der
Neuronen verzichtet so mancher Spieler auf Geld, wenn er
einen unverschämten Partner bestrafen kann - der Homo
oeconomicus könnte nur den Kopf schütteln.
Ockenfels hat zusammen mit Kollegen eine Theorie der
Fairness aus seinen Experimenten destilliert. "Es gibt in
der Gesellschaft einen Kern von Leuten, die sich fair und
vertrauenswürdig verhalten", sagt der Ökonom. Das lässt
zunächst hoffen, denn so ließe sich womöglich ein
Konsumhindernis abschalten: die ewige Angst, übers Ohr
gehauen zu werden. Doch auf die Frage, ob dieser "gute
Kern" groß genug ist, damit sich Fairness durchsetzt, sagt
Ockenfels: "Dazu sind es zu wenige." Offenbar braucht es
einen institutionellen Rahmen, der Vertrauensbildung
unterstützt. Beispiel Ebay: In dem virtuellen Auktionshaus
begegnet man ständig Handelspartnern, die man nicht kennt:
"80 Prozent der Geschäfte bestreitet man mit Personen, die
man zum ersten Mal trifft." Man weiß nicht mal, ob sie
existieren. Wie soll man da herausfinden, ob der andere
Vertrauen verdient? Ebay hat deshalb ein Reputationssystem
entwickelt, um Händler zu beurteilen. "Ohne diese
Bewertungen würde der Markt zusammenbrechen, das zeigen
unsere Experimente", sagt Ockenfels.
Der dritte Angriff gegen das Modell des Homo oeconomicus
wird Luftlinie zwei Kilometer näher am Kölner Dom geführt.
Dort liegen Konsumenten gleich reihenweise auf der
sprichwörtlichen Couch von Stephan Grünewald, dem
Geschäftsführer des Rheingold-Instituts für qualitative
Markt und Medienanalyse. Der Psychologe und sein Team
ergründen in zweistündigen Interviews die unbewussten
Ursachen von Kaufentscheidungen. Hier erzählen Verbraucher
von ihren Wünschen, aber auch ihren Ängsten. Und eines ist
offensichtlich: Mit dem rationalen Wirtschafter hat der
Konsument von heute nur bedingt zu tun. Und selbst der
Verbraucher der neunziger Jahre erscheint seinem heutigen
Nachfolger fremd.
"Damals fanden es die Kunden richtig geil, in der Vielfalt
der Marken zu baden. Es war fast der Höhepunkt der Woche,
wenn man mit dem Kombi raus fuhr ins Einkaufszentrum auf
der grünen Wiese und den Samstagvormittag vor endlosen
Regalen verbrachte", sagt Grünewald. "Aber seit 2002
berichten uns die Verbraucher immer häufiger, dass sie am
zehn Meter langen Joghurtregal stehen und ein
Produktflimmern erleben." Bei den Menschen entstehe das
Gefühl: Das lässt sich nicht mehr verarbeiten, da ist keine
vernünftige Entscheidung mehr möglich. Vielfalt wird zur
Zumutung, das Einkaufsparadies zur Konsumhölle.
Diese Verwirrung hat viel mit allgemeiner Unsicherheit zu
tun. Seit dem Jahr 2001 mit seinem Börsencrash und den
Anschlägen vom 11. September sind viele Menschen
verschreckt. Hinzu kommen: Rekordzahlen an Arbeitslosen,
die Forderungen der Arbeitgeber nach verlängerten
Arbeitszeiten, Gesundheitsreform und Praxisgebühr,
Rentenprobleme und Globalisierung. Verkäufer berichten
daher, wie sich der Markt gespalten hat - in Bedarfs- und
Spontankäufer. Während man Kunden recht gut in Stimmung
versetzen kann, sich ohne große Überlegung eine
Sonnenbrille, eine DVD oder einen Pullover zu kaufen, lahmt
der Markt bei langlebigen Gütern. Sucht der Kunde eine neue
Couch, einen Kühlschrank oder ein Auto, schaltet er viel
eher seinen Verstand zu und kommt zum Ergebnis, der die-
das Alte tue es noch ein Jahr.
Und dann auch noch der Euro. Wie die Umstellung der Währung
wirkt, haben offenbar die meisten Experten unterschätzt.
"Die Verbraucher haben einen regelrechten Teuerungs-Argwohn
entwickelt", sagt Stephan Grünewald. "Sie glauben, dass
seit der Einführung des Euro fast alles teurer geworden
ist." Im Kopf der Käufer läuft häufig die folgende Kaskade
von Gedanken ab, wenn sie über einen Kauf nachdenken. Es
beginnt mit der "Magie der halben Preise", wie es der
Psychologe nennt: Beim ersten Blick aufs Preisschild
erscheint alles verheißungsvoll preiswert: "Der Sprit
kostet nur noch 1,10 und die Pizza nur noch 4,70. Im ersten
Moment denkt man: toll, doch dann fällt einem ein, dass das
ja keine Mark, sondern Euro sind." Und während man im
Geiste vor dem Abgrund zurückweicht, in den man um ein Haar
gefallen wäre, übertreibt man es bei der Korrektur der
ersten Einschätzung. Plötzlich erscheint der Preis geradezu
Wucher zu sein, und die Kauflust ist nachhaltig gebremst.
Nach rational handelndem Kunden klingt das nicht. Der hätte
schnell gemerkt, dass außer in einigen Bereichen wie der
Gastronomie die Preise fast konstant geblieben sind. Es
sieht so aus, als würde eine kleine Rechenschwäche das
Kaufverhalten zügeln.
Trotz all dieser Widersprüche aber, die der Homo
oeconomicus hervorruft, gilt er vielen Anwendern als Maß
der Dinge: denjenigen, die die gesamte Wirtschaft berechnen
möchten. "Wir wissen natürlich, dass sich kein Mensch so
verhält. Trotzdem ist es ein gutes Modell", sagt Rafael
Gerke vom wissenschaftlichen Stab des
Sachverständigenrates. Dieses oft "Die fünf Weisen"
genannte Gremium präsentiert regelmäßig Prognosen zur
wirtschaftlichen Entwicklung. "Dass der Konsum in den
letzten Jahren so schleppend war, können wir innerhalb
unserer Annahmen sehr gut erklären", sagt Gerke. Dazu
brauche es weder Psychologie noch Spieltheorie: "Die
Abschwächung des Konsums ist eine Anpassung an die
Abkühlung der weltwirtschaftlichen Konjunktur." Als die
New-Economy-Blase geplatzt war, stiegen Löhne und Gehälter
weniger als zuvor, zusätzliche Ausgaben belasteten die
Geldbörse. Logische Folge: Die Menschen geben weniger aus.
Diese fast schon amtliche Position genügt den Ansprüchen
vieler Wirtschaftsforscher immer weniger. Probleme macht
schon ein klassischer Index, die Sparquote. Als die
Wirtschaft in den achtziger und neunziger Jahren lahmte,
legten die Menschen deswegen nicht mehr Geld zur Seite -
diesmal jedoch stieg die Quote von knapp zehn auf elf
Prozent des verfügbaren Einkommens. Gerke hat damit kein
Problem: "Es sieht nach einem Bruch im Verbraucherverhalten
aus. Aber wenn wir nachrechnen, finden wir keine
statistisch signifikanten Unterschiede." Auch bei anderen
Variablen tut sich die etablierte Volkswirtschaft schwer.
Der Euro dämpft das Konsumverhalten der Menschen
nachhaltig? Das hält Gerke immerhin für denkbar. Die hohe
Arbeitslosigkeit verunsichert auch Konsumenten mit festem
Job? Die Quote bei der Prognose zu verrechnen, hat der
Sachverständigenrat zumindest versucht; ihr Einfluss war
gering. "Weiche Faktoren wie Verbrauchervertrauen oder
Unsicherheit sind quantitativ schwer zu erfassen", sagt
Gerke. Und überhaupt: Je mehr Faktoren einbezogen werden,
desto schwieriger die Prognosen.
Diese verkürzte Sicht der Dinge aber prägt die Ansätze der
Politik. Sie versucht durch niedrigere Steuer, den Bürgern
mehr Geld in die Taschen zu spülen. Aber kaum jemand fühlt
sich bereichert, weil zugleich zum Beispiel die
Praxisgebühr eingeführt wurde - die in fast allen Fällen
weit unter der steuerlichen Entlastung liegt. Offenbar
stößt die Rationalität, die dem Homo oeconomicus
unterstellt wird, schlicht an ihre Grenzen. Über einen
Nachfolger als Idealtyp des Kunden reden Forscher wie Axel
Ockenfels zwar, aber präsentieren können sie ihn noch
nicht. "Die Zeit ist reif, auf diesen großen Wurf
hinzuarbeiten", sagt der Professor. Schade nur, dass der
reale Mensch, und nicht etwa ein Modellwesen, an der Kasse
seinen Geldbeutel zücken muss.
SZ Wissen, S. 22, Mai/Juni 2005
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