Giftige Kloake
Nachdem Hurrikan Katrina den Süden der USA verwüstet hat, hat die Flut die Region im Griff. Im Wasser lauern neue Gefahren.
Süddeutsche Zeitung,
Politik, S. 8, 9. September 2005
SZ090905 - Nach Sturm und Flut lauert jetzt eine
dritte Gefahr auf die Menschen im Katastrophengebiet im
Süden der USA: Krankheiten, ausgelöst durch Keime,
Moskitos, Gifte und Schadstoffe in der schmutzigen,
stinkenden Brühe. Die ersten Menschen leiden bereits an
Magen-Darm-Erkrankungen, die sie sich über Erreger aus dem
Wasser zugezogen haben. Drei Menschen seien inzwischen an
bakteriellen Infektionen gestorben, hieß es am Mittwoch.
Vor allem immungeschwächte Menschen, Kinder, ältere
Personen und Menschen, die in den letzen Tagen kaum etwas
zu essen hatten, sind laut Fachleuten gefährdet. „Anstecken
kann man sich über den Mund und über Hautverletzungen“,
sagt Klaus Stark vom Robert Koch-Institut in Berlin. Über
das Wasser breiten sich Erreger wie Salmonellen, Hepatitis
A oder das Magenbakterium E. coli aus. Dessen Wert liege
inzwischen mindestens zehnfach über dem zugelassen
Grenzwert. „Wunden vereitern und tödliche Blutvergiftungen
sind möglich“, sagt Stark. Die Tsunami-Katastrophe habe
gezeigt, dass auch Wundstarrkrampf verstärkt auftrete.
Das Cholera-ähnliche Bakterium Vibrio vulnificus, das in
warmen Küstengewässern lebt, löst schwere Wundinfektionen
und hohes Fieber mit Kreislaufschock aus und kann vor allem
bei immungeschwächten Patienten zum Tod führen. Die
Choleragefahr selbst sei derzeit gering, weil akute
Erkrankungen nicht bekannt seien. Wer kein Trinkwasser
habe, könne das Wasser aufkochen. Dann sei die
Infektionsgefahr minimal.
Tierkadaver und Menschenleichen stellen im Wasser ein eher
geringes Krankheitsrisiko dar. Überflutungen hätten
gezeigt, dass dies bisher überschätzt worden sei, sagt
Stark, da sich Erreger von Typhus oder Cholera nicht mehr
in toten Körpern vermehrten. Fäulnisbakterien gelangten vor
allem über Fäkalien ins Wasser und könnten Wunden
infizieren. Ein ernst zu nehmendes Problem sei auch die
Ansteckung mit dem West-Nil-Virus über Moskitos, die im
August und September in stehenden Gewässern ihre Eier
ablegen und deren nächste Generation nach wenigen Wochen
schlüpft.
Das West-Nil-Virus führt in den meisten Fällen zu
Grippe-ähnlichen Symptomen, manche Betroffene bekommen aber
eine schwere Gehirnentzündung, die ebenfalls tödlich enden
kann. Dengue-Fieber oder Malaria-Infektionen seien in
diesem Gebiet nicht zu erwarten, weil diese nur in den
Tropen vorkämen. Fachleute warnen auch vor giftigen
Wasserschlangen, die im US-Süden verbreitet sind.
Schwer einzuschätzen ist das Risiko, das Schadstoffe und
Gifte im Wasser aus Fabriken oder Privathaushalten
darstellen. „Wie die sich im Wasser verbreiten oder ob
völlig neue Stoffe entstehen, kann niemand genau sagen,
weil es einfach kaum untersucht ist“, sagt Wolf von
Tümpling vom Umweltforschungszentrum Halle/Leipzig. Lokal
könnte das Wasser durch Pestizide oder Heizöl aus Wohnungen
belastet sein. Eine akute Gefahr für die Menschen stellten
eher die Infektionen dar, aber langfristig könnten Böden
etwa durch Schwermetall so stark belastet sein, dass man
sie austauschen müsse. Manche Fachleute glauben allerdings,
dass Gifte in den meisten Fällen so stark verdünnt werden,
dass sie kein Problem für die Menschen sein werden.
Süddeutsche Zeitung,
Politik, S. 8, 9. September 2005
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