Schwalben, Fouls und Meckereien
Von wegen Fairplay: In Fußballvereinen lernen Jugendliche vor allem, geschickt den Schiedsrichter zu hintergehen. Zur Erziehungsanstalt taugt der Fußballverein nur mit mehr besser ausgebildeten Trainern.
Süddeutsche Zeitung
Wissen, S. 8, 31. August 2005
SZ310805 - Das wäre fair gewesen: Zuzugeben, dass
es nicht die „Hand Gottes“ war, sondern seine eigene.
Stattdessen hält sich Diego Maradona 1986 im
WM-Viertelfinale gegen England bedeckt. Der Schiedsrichter
hat nichts gesehen und gibt Maradonas irreguläres Tor zum
1:0. England verliert 2:1, Argentinien besiegt im Finale
Deutschland und wird zum zweiten Mal nach 1978 Weltmeister.
Der kleine Argentinier ist der Held der WM und wird für
seine Schlitzohrigkeit bewundert.
„Fairness heißt, fair spielen und wenn es sein muss
foulen.“ Das sagte nicht Maradona. Es war auch nicht die
Antwort eines ausgebufften Fußballprofis vom FC Bayern
München oder von Schalke 04. Das ist die Definition eines
14-jährigen Jugendspielers einer niedersächsischen
Bezirksklasse. Wer bisher geglaubt hat, im Fußballverein
würden Jugendliche zu fairem Verhalten erzogen, den belehrt
jetzt eine im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichte Studie
eines Besseren (Bd. 48, S. 881, 2005): Je länger die
Nachwuchskicker im Verein spielen, desto mehr verabschieden
sie sich von der Idee des Fairplay, wie die Befragung von
über 4500 Jugendfußballern belegt.
Der Druck der Eltern
Das Ergebnis überrascht, weil Politiker und Pädagogen Sport
in Vereinen und Verbänden seit jeher als Ort preisen, an
dem Jugendliche „Toleranz, Streitanstand und
Regelakzeptanz“ lernen, wie es Manfred von Richthofen, der
Präsident des Deutschen Sportbundes, ausdrückte. Andere
bezeichnen Sport als „Königsweg in der Sucht- und
Gewaltprävention“ und als „Schutzimpfung gegen
Jugendkriminaliät“.
Schon vor vier Jahren holte eine Studie der Universität
Paderborn die Vereinsmeier in die Realität zurück. Damals
ging es um den Konsum von Drogen. „Bei Bier und Zigaretten
sind Vereinsfußballspieler Spitzenreiter“, zerstörte der
Sportwissenschaftler Wolf Dieter Brettschneider seinerzeit
die Illusion. Bei illegalen Drogen mache es keinen
Unterschied, ob Jungs in einem Verein spielen oder nicht.
Brettschneider forderte schon damals von den
Verantwortlichen mehr Sinn für die Realität. Nun zeigt
sich: Auch als Erziehungsanstalt zu mehr Fairplay scheint
der Fußballverein ein Mythos zu sein.
„Fairplay bedeutet im eigentlichen Sinn mehr als nur die
Regeln einzuhalten“, sagt der Sportwissenschaftler Gunther
Pilz, der die Ergebnisse der Befragung im Rahmen des
niedersächsischen Fairplay-Cups zusammengefasst hat. Diese
klassische Vorstellung von fairem Spiel haben auch Kinder
und Jugendliche, wenn es nicht um sportliche Hochleistungen
geht: „Fairness ist, wenn die guten Spieler die schlechten
mit einbeziehen. Wenn jemand etwas schlechter kann, dann
soll man ihn nicht als Versager abstempeln, denn er hat das
geleistet, was er kann“, klingt es aus dem Kindermund und
auf den Bolzplätzen der Republik. Das entspricht ganz dem
Ethos, das englische Adlige einst im viktorianischen
England ins Spiel brachten.
Doch je länger Jugendliche im Verein spielen, desto mehr
wandelt sich ihre Vorstellung. „Fairplay wird immer mehr
eingeschränkt auf die Absicht, ‚fair zu foulen’, das heißt,
seinen Gegner nicht zu verletzen“, sagt Pilz, der Mitglied
der DFB-Kommission Gewaltprävention ist und an der
DFB-Arbeitsgruppe Fair Play teilnimmt. Von den
B-Jugendspielern (14 bis 16 Jahre), die weniger als sieben
Jahre im Verein waren, stimmten 38,5 Prozent folgendem Satz
zu: „Man muss gewinnen, auch mit Fouls.“ Waren sie länger
als neun Jahre dabei, unterstrichen diesen Satz 50 Prozent.
Für ein „faires Foul“ plädieren von den Anfängern 17
Prozent, bei den Erfahrenen sind es über 26 Prozent.
„Bereits in der B-Jugend lernen die Jugendlichen im Verein,
dass es im Interesse des Erfolgs wichtig und richtig ist,
Regeln zu verletzen“, sagt Pilz.
Jugendspieler mit einem klassischen Fairness-Verständnis
bleiben in dem rauer werdenden Klima im Laufe einer
Karriere im Sportverein offenbar auf der Strecke. Anzeichen
dafür finden Pilz und seine Kollegen in den Aussagen vieler
Spieler: „Jugendliche haben sich beklagt, dass der Spaß
mehr und mehr verloren geht.“
Das verwundert nicht, denn schon Sechs- bis Zehnjährige
müssen sich auf dem Sportplatz Beschimpfungen ihrer Eltern
anhören, wenn der Erfolg auszubleiben droht:
„Bewegungslegastheniker“ oder „Spiel endlich richtig, du
Kackarschmongole“ haben die Wissenschaftler protokolliert.
Die Stimmung überträgt sich auf den Platz – je älter die
Spieler und je stärker der Erfolgsdruck in den höheren
Ligen, desto mehr. Provozierte in der C-Jugend (12 bis 14
Jahre) nur jeder Zweite den Gegenspieler mit Worten, waren
es in der B-Jugend Bezirksliga rund 60 Prozent, in der
höheren Landesliga sogar 63 Prozent der Befragten.
Neben den Eltern, sieht Pilz vor allem die Trainer in der
Pflicht: „Anstatt Fairness zu lernen, wird vielen
Jugendlichen in den Vereinen oft das Gegenteil vermittelt“,
beklagt er. Trainer förderten die Erziehung zur Unfairness,
was Pilz mit typischen Aussagen belegt wie der eines
C-Jugendtrainers in Niedersachen: „Fairplay wird viel zu
hoch gehängt. Ich werde bezahlt, um erfolgreich zu sein,
und da kann ich keine Rücksichten auf Fairplay-Bemühungen
nehmen.“ Pilz findet einen klaren Zusammenhang: Je größer
das Interesse des Trainers für Fairness ist, desto eher
sind seine Schützlinge bereit, fair zu spielen. Dann
verzichten sie nach eigener Aussage häufiger auf unfaire
Notbremsen, Schwalben oder Zeitspiel. Gerade mal drei
Prozent der Spieler, deren Trainer Fairplay bevorzugen,
provozieren ihre Gegenspieler. Hält ihr Coach eine
Blutgrätsche für ein probates Mittel, beschimpft jeder
Dritte seiner Spieler den Gegner auf dem Platz. „Das zeigt
eindrucksvoll, dass Trainer das Fairnessverständnis der
jungen Fußballer beeinflussen können“, sagt Pilz.
Dass dem Fairplay im Fußballsport auf die Sprünge geholfen
werden muss, hat der Deutsche Fußball-Bund schon erkannt:
„Seit 1996 betreiben wir die Aktion Fair ist mehr“, sagt
Wolfgang Möbius, Leiter der Abteilung
Qualifizierung/Sozial- und Gesellschaftspolitik. Faires
Verhalten soll „geoutet“ werden von Spielern, Trainern,
Schiedsrichtern oder Zuschauern. „Wir haben inzwischen mehr
als 2000 Meldungen“, sagt Möbius. Ob das Veröffentlichen
und Prämieren von fairem Verhalten allerdings tatsächlich
auch auf das Verhalten der Spieler abfärbt, kann der DFB
nicht sagen: Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt
nicht, faires Verhalten wird nicht unabhängig
protokolliert.
Bundesliga kein Vorbild
Ob es gelingt, alle Trainer für das Thema Fairplay zu
gewinnen, scheint indes fraglich. Jugendtrainer kann jeder
werden, der sich berufen fühlt. Kurzlehrgänge werden
angeboten, sind aber nicht verpflichtend. Das könne man von
den Trainern auch nicht verlangen, sagt Möbius: „Die machen
das ehrenamtlich neben der regulären Arbeit, da ist für
sowas keine Zeit.“ In manchen Regionen sei man froh,
überhaupt jemanden zu finden, der sich am Wochenende bei
jedem Wetter auf den Platz stellt. Es gebe aber auch viele
gute Beispiele, wie die Aktion beweise. „Letztes Jahr
hatten wir 18 000 Teilnehmer bei unseren Kurzschulungen.“
Das zeige das Interesse sich fortzubilden. Außerdem könnten
die Schiedsrichter besonders schwerwiegendes Fehlverhalten
von Trainern im Spielbericht melden. „Aber bei 100 000
Jugendmannschaften und Trainern im Land kann man auch nicht
auf jeden einzelnen Betreuer eingehen“, sagt Möbius.
Auch wenn die Daten belegen, dass Politiker und Offizielle
falsch liegen mit ihrer Vorstellung, Fußballvereine seien
eine Erziehungsstätte für faires Verhalten, findet Gunther
Pilz die Ergebnisse trotzdem „Mut machend“: „Sie zeigen,
dass wir über die Trainer etwas erreichen können, wir sind
nicht völlig ausgeliefert.“ Von Vorbildern aus der
Bundesliga sollte man indes nicht zu viel erwarten. „Im
Profisport herrschen einfach andere Gesetze als im
Breitensport, da steht der Erfolg nun mal über allem.“
Vorbilder sollten Spieler wie Manuel Heil vom badischen SV
Oberachern sein. Er ist einer der diesjährigen Bundessieger
der Aktion Fair ist mehr: Der Schiri hatte nicht erkannt,
dass der Ball von der Latte hinter die Torlinie gesprungen
war und ließ weiter spielen. Da nahm Heil den Ball, trug
ihn zum Schiedsrichter, und sagte ihm, dass der Ball drin
war. Der Referee entschied auf Tor. Nach dem Spiel machte
der Trainer Manuel Heil Ärger: Er solle still sein und
weiter spielen, wenn der Schiri nicht pfeift. Der Spieler
brach in Tränen aus. Verständlich für einen Siebenjährigen.
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