Der Heilige Gral der Seismologen
Erdbeben so präzise vorherzusagen wie das Wetter von morgen, damit wäre Seismologen schon geholfen. Doch sie sind noch weit entfernt von Prognosen á la Kachelmann und Co. Die meisten bezweifeln, dass es überhaupt möglich ist Beben vorherzusagen.
Handelsblatt Wissenschaft, S. 9, 1.
Dezember 2005
HB011205 - Eine Erdbebenvorhersage so präzise wie
der Wetterbericht. Das ist der Wunsch aller Bewohner
gefährdeter Regionen - und ihrer Versicherungen. Unter
Wissenschaftlern ist dieses Ziel noch weitgehend als
unwissenschaftlich verpönt. Und dennoch halten es einige
Seismologen wie etwa der Kalifornier John Rundle nicht mehr
für unmöglich.
Anhand einer gewaltigen Computersimulation, die er
"Virtuelles Kalifornien" nennt, hofft Rundle, den "Big
Bang", den großen Knall, vor dem San Franzisko zittert,
rechtzeitig zu prognostizieren. Darin steckt alles, was
sein Team über das geologische System des
San-Andreas-Grabens weiß: die Geschwindigkeit, mit der die
Verwerfungen sich bewegen, die Elastizität und die
Spannungen, die sich auf- und abbauen, die
Reibungswiderstände. Die Felddaten ergänzt er durch solche
aus Laborsimulationen und Wissen über historische Beben.
Bisher ist er allerdings weit entfernt von einer präzisen
Prognose wie der der Wetterfrösche Kachelmann und Co: "Mit
50-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird San Franzisko in den
nächsten 45 Jahren ein großes Erdbeben mit einer Stärke von
über 7 erleben." (Proceedings of the National Academy of
Sciences of the USA, 2005, Bd. 102, S. 15 363). Daraufhin
kann man die Stadt natürlich nicht räumen. Doch darum geht
es: So sicher zu sein, dass evakuiert werden kann. Hundert
Jahre nach dem verheerenden Beben in San Franzisko 1906
bleibt eine "Auf den Punkt"-Voraussage von Zeit, Ort und
Stärke der Heilige Gral der Seismologen.
"Nur Narren, Lügner und Scharlatane sagen Erdbeben voraus",
sagte einmal Charles Richter, nach dem die Richter-Skala
benannt wurde. Aber menschliche Opfer und wirtschaftliche
Schäden treiben zur Suche nach den Vorboten der
Katastrophe: Veränderungen in Grundwasserspiegel oder
magnetischem Feld, austretende Radon-Gase, besondere
Wolkenformationen, Verschiebungen in der Erdkruste,
ungewöhnliches Tierverhalten. Alles Kaffeesatzleserei?
In Kalifornien sollten die Hinweise dingfest gemacht
werden: auf einem 40 Kilometer langen Abschnitt am
San-Andreas-Graben in der Nähe von Parkfield. Seit 1857
wackelte die Erde mit einer Stärke über 6 wie mit der
geologischen Eieruhr eingestellt durchschnittlich alle 22
Jahre. Da es 1966 zuletzt geschehen war, erwarteten die
Seismologen das nächste starke Beben vor 1993. Die
Vorboten-Sucher schärften alle technischen Sinne - und
erlebten ihr Waterloo. Erst am 28. September 2004 erweckte
der Graben die Instrumente aus dem Dornröschenschlaf,
unerwartet, wie Seismologe William Bakun zugibt: "Das
2004er Parkfield-Beben zeigt mit dem völligen Ausbleiben
offensichtlicher Anzeichen, dass eine verlässliche
Kurzzeitvorhersage derzeit unerreichbar ist." (Nature,
2005, Bd. 437, S. 969)
"Erdbeben vorherzusagen ist wie einen Blitz während eines
Gewitters zu prognostizieren", sagt Gottfried Grünthal vom
Geoforschungszentrum in Potsdam. Das Problem: Zum einen
wissen Erdbebenforscher immer noch viel zu wenig über die
Prozesse in der Erdkruste. "Wir können die Erde nicht so
gut beobachten wie Meteorologen das Wettergeschehen mit
ihren Satelliten und Messstationen", sagt Grünthal.
Außerdem: Die Erdkruste ist ähnlich wie das Wetter ein
kritisches sich selbst organisierendes System, immer am
Rande des Chaos. Aus kleinsten Abweichungen im
Anfangsstadium entstehen gewaltige Reaktionen, die nicht
vorherzusehen sind. "In jedem kleinen Erdstoß steckt das
Potenzial für ein Jahrhundertbeben", sagt einer der größten
Skeptiker in Sachen Erdbebenvorhersage, Robert Geller von
der Tokyo University. Das Prinzip vom Schmetterling, der
einen Tornado auslöst, gilt nicht nur für das Wetter.
Ist also alles vergeblich? Nein, denn in der kurzfristigen
Analyse unmittelbar zu Beginn eines Bebens macht die
Seismologie Fortschritte. Richard Allen von der
Berkeley-Universität folgert auf Basis von Daten aus 71
historischen Erdbeben, dass aus der Frequenz der
seismischen Wellen in den ersten Sekunden Schlüsse über die
endgültige Stärke zu ziehen sind. Das würde zwar keine
Evakuierung ermöglichen, aber immerhin könnten dann
Kraftwerke und andere Gefährdungsobjekte rechtzeitig
abgeschaltet werden (Nature 2005, Bd. 438, S. 212).
Durch die richtige Deutung der Vorbeben ist wohl auch der
angeblich größte Erfolg der Erdbebenvorhersage zu erklären.
Am 4. Februar 1975 bebte die Stadt Haicheng im Nordosten
Chinas mit einer Stärke von 7,3. Zwei Tage zuvor sollen -
so wird immer wieder erzählt - Offizielle die Bewohner
evakuiert und somit vermutlich Hunderttausenden das Leben
gerettet haben. Seismologen hatten angeblich untrügliche
Vorboten der Katastrophe registriert und rechtzeitig
gewarnt. Vor allem chinesische Seismologen feierten das als
Erfolg ihrer Zunft. Aber: "Da war viel Propaganda im Spiel.
Heute nimmt man an, dass gar nichts mehr evakuiert werden
musste, weil die Menschen wegen stärkerer Vorbeben die
Häuser bereits verängstigt verlassen hatten", sagt
Grünthal.
Obwohl Deutschland kaum erdbebengefährdet ist, sind die
Potsdamer Seismologen hier erfolgreich. Grünthal: "Nach
einem Hauptstoß kann man zumindest kurzfristig die
Wahrscheinlichkeit von stärkeren Nachbeben in einem
Zeitraum von ein bis zwei Tagen hinreichend gut
vorhersagen." Auch so genannte Erschütterungskarten werden
schon Minuten nach dem Beben erstellt, aus denen
Risikomanager ersehen, wo die größten Schäden zu erwarten
sind. Und schließlich: Anhand der Häufigkeit bisheriger
Beben, der Kenntnisse der tektonischen Beschaffenheit, etwa
der Lage am Rand einer Kontinentalplatte oder Schwächezonen
in der Erdkruste innerhalb von Kontinentalplatten, sowie
von Wahrscheinlichkeitsmodellen erstellen die Potsdamer
Gefährdungsanalysen über größere Zeiträume für eine
bestimmte Region. Auf dieser Grundlage ziehen Stadtplaner
oder Versicherungen ihre Schlüsse.
Die Schwierigkeiten, Erdbeben genau vorherzusagen, drücken
sich auch im Förderverhalten der Münchener Rück aus, die
laut eigenen Angaben zwar gute Kontakte zu vielen
Geo-Labors in der Welt hat: "Der Großteil unserer
Unterstützung liegt aber im Bereich von Schadenprävention",
sagt Alexander Allmann, Fachmann für geologische Risiken.
Denn diese eine Weisheit kennen Seismologen wie Stadtplaner
und Versicherer: "Das, was Menschenleben gefährdet, sind
nicht die Erdbeben, sondern einstürzende Gebäude und
brechende Dämme." 1923 starben in Tokio die meisten
Menschen nach dem Beben durch einen Großbrand, da die
Hausfrauen gerade das Mittagessen kochten - auf offenen
Feuerstellen.
Solange es also keinen Seismologen-Kachelmann gibt, der das
Risiko so genau wie ein Orkantief vorhersagen kann, können
Menschen in gefährdeten Gebieten vor allem durch
erdbebensichere Bauten vor den Folgen der zerstörerischen
Kraft der Plattentektonik geschützt werden.
Handelsblatt Wissenschaft, S. 9, 1.
Dezember 2005
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