Elefanten in Amerika
Artenschutz-Projekte sind oft sehr aufwändig und manchmal sogar unsinnig. Naturschützer streiten darüber, ob es Sinn macht, Tiere von einer Region in eine andere zu verfrachten.
Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 18, 21.
September 2005
SZ210905 - Warum haben Pinguine keine Angst vor
Eisbären? Weil sie ihnen nie begegnen. Sie leben nämlich in
der Antarktis, der Eisbär am Nordpol. Dieser alte Witz
kommt einem bei dem Projekt von Josh Donlan von der Cornell
University in Ithaka in den Sinn: Um die afrikanische
Megafauna zu retten, will der Biologe Löwen, Elefanten und
Kamele aus Afrika und Asien in die Prärien Nordamerikas
verfrachten (Nature, Bd. 436, S. 913, 2005).
Politische Probleme und die Bevölkerungsexplosion machten
einen effektiven Artenschutz in den meisten afrikanischen
Staaten unmöglich, schreibt Donlan in Nature. Deshalb sei
es besser, die Tiere dorthin zu bringen, wo es künftig
immer weniger Menschen geben wird, wie in den Great Plains
der USA. Im Pleistozän seien schon einmal viele Großsäuger
über die Grassteppen Nordamerikas gestreift. Erst vor etwa
13 000 Jahren hätten der Mensch und das wärmere Klima des
Holozäns Arten wie dem Mammut, dem riesigen Breitstirnbison
oder dem Amerikanischen Geparden den Gar aus gemacht. „Wenn
wir nichts unternehmen, stirbt die Megafauna Afrikas und in
Nordamerika werden Ratten und Löwenzahn die Landschaft
beherrschen,“ verteidigt Donlan seine Idee.
Grauwale auf Flugreise
Einen nicht weniger verwegenen Vorschlag machen Andrew
Ramsey und Owen Nevin von der britischen University of
Central Lancashire. „Wir wollen 50 Grauwale von der
kalifornischen Pazifikküste in die Irische See einfliegen,
um dort eine neue Population aufzubauen“, verkündeten die
Forscher im Juli auf der Welt-Naturschutz-Konferenz in
Brasilien. Im Meeresgebiet zwischen den britischen Inseln
gibt es seit 400 Jahren keine Grauwale mehr. Walfänger
haben die bis zu 40 Tonnen schweren Meeressäuger
ausgerottet.
Auch bei kleineren Projekten greifen Naturschützer oft zu
ungewöhnlichen Maßnahmen, um eine vom Aussterben bedrohte
Art zu retten. So kämpfen Biologen angesichts schwindender
Sandtigerhai-Bestände in australischen Gewässern um jeden
einzelnen Embryo. Sie operieren die sich entwickelnden
Junghaie aus den trächtigen Weibchen heraus, um zu
verhindern, dass diese sich noch vor der Geburt im Körper
der Mutter gegenseitig kannibalisieren. Handelt es sich bei
solchen Projekten um sinnvollen Artenschutz oder sind es
lediglich verrückte Ideen?
Nach Ansicht der meisten Wissenschaftler kann es durchaus
gerechtfertigt sein, großen Aufwand zu betreiben, um eine
einzelne Art zu retten. „Vorrang bei solchen Projekten hat
aber, die Arten in ihrem natürlichen Areal zu schützen“,
sagt Doris Eberhardt von der Umweltschutzorganisation Bund.
Bei Großprojekten wie den „Fliegenden Walen“ oder
„Re-Wilding Nord-Amerika“ schütteln Vertreter der
Naturschutzorganisationen nur mit dem Kopf: „Solche
Vorschläge offenbaren eine sehr schlichte Vorstellung von
dem, was ein Ökosystem überhaupt ist“, sagt Jean-Christophe
Vié von der Welt-Naturschutz-Union IUCN.
Das einzig Gute daran sei vielleicht, dass die Menschen
über das Thema Naturschutz reden, wenn sie von solch
spektakulären Aktionen hören. Statt neue Arten in den USA
anzusiedeln, wäre es seiner Meinung nach besser, sich um
dort heimische Arten zu kümmern wie das Bison oder den
Wolf. Volker textes vom WWF Deutschland hielte es für
sinnvoller, „die afrikanische Bevölkerung darin zu
unterstützen, dass sie zusammen mit der Natur leben kann“.
Und Grauwale im Nordatlantik wüssten in dem für sie völlig
fremden Ökosystem nicht einmal, was sie fressen sollten.
Dass menschliche Fürsorge und technischer Aufwand eine vom
Aussterben bedrohte Art tatsächlich in letzter Minute
retten können, zeigt das Beispiel des Arabischen Oryx. Kurz
bevor diese Antilopenart ausstarb, wurden die letzten
Individuen eingesammelt und auf Farmen in Kenia gehalten,
vermehrt und erfolgreich ausgesetzt. Oder das Wisent: „Es
gab nur noch einige Dutzend Wisente. Die hat man in
Tierparks vermehrt und semiwild gehalten.“, sagt textes.
Heute weiden wieder wilde Wisente in Polen und auch in
Russland.
Der Bund plant derzeit ein spektakuläres Projekt zur
Rettung der Zwerggans mit Hilfe von Ultraleichtflugzeugen.
Weil die Tiere in Osteuropa gejagt werden, will man die
Tiere umleiten. Sie sollen eine sichere Zugroute von
Skandinavien in den Süden lernen, die früher von
Zwerggänsen genutzt wurde: „Dafür sollen Zuchttiere in
Lappland ausgebrütet und dann auf Ultraleichtflugzeuge
geprägt werden“, erklärt Doris Eberhardt das Vorhaben. Die
Miniflugzeuge sollen die Gänse dann sicher von Schweden
über Dänemark und Deutschland an den Niederrhein führen. In
einem Pilotprojekt wird getestet, ob der Flug von Lappland
nach Deutschland machbar ist und ob die Gänse zurückkehren.
Im Hauptprojekt sollen dann mehrere Ultraleichtflugzeuge
vier Jahre lang jeweils einhundert Gänse gen Süden führen.
Abgesehen von solch öffentlichkeitswirksamen
Vorzeigeprojekten gibt es auch zahlreiche andere, die wenig
attraktiv sind: „Es gibt Projekte, die können wir der
Bevölkerung nicht plausibel machen, dafür bekommen wir
keine müde Mark an Spenden,“ sagt textes. Um aber die
genetische Zukunft vieler Arten zu retten, müssen auch
vermeintlich unattraktive Arten geschützt werden, die man
nicht streicheln oder im Safaripark beobachten kann. Jede
Art sei ein Knoten im ökologischen Netz und damit
schützenswert. Um genug Spendengeld zu bekommen, müsse man
bei der jährlichen Planung aber auf Projekte achten, die
sich leicht vermitteln lassen.
Pleistozän-Park in Sibirien
Josh Donlan und sein Kollege Harry Green plädieren für
einen aktiveren Naturschutz: „Es kann doch nicht so weiter
gehen. Diesen eher passive Ansatz, die Hände möglichst weg
zu lassen, könne wir nicht länger akzeptieren“, schreiben
sie in Nature. Sie verweisen auf ihren russischen Kollegen
Sergey Zimov, der ein ähnliches Projekt plant. In der
Fachzeitschrift Science (Bd. 308, S.796, 2005)
veröffentlichte er vor zwei Monaten die Idee eines
Pleistozän-Parks im nordsibirischen Jakutien. Allerdings
will er nur wenig exotische Tiere wie den kanadischen Bison
oder den Amurtiger einführen. Donlan und Green sind
begeistert von solchen aktiven Ansätzen. Sie wollen
eingreifen, aus Angst, dass ihnen die Zeit wegläuft.
Dass die Zeit tatsächlich knapp wird, belegen neueste
Studien: Infolge der weltweiten Klimaveränderung
prognostizieren Wissenschaftler in den nächsten Jahrzehnten
Artenverluste zwischen 15 und fast 40 Prozent weltweit.
Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 18, 21.
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