Das Bakterium, das auf den Magen schlägt


Zwei Australier entdeckten in den 80er Jahren, dass ein Bakterium Magengeschwüre verursacht. Jetzt erhielten sie dafür den Nobelpreis.

Kölner Stadt-Anzeiger Kultur, S. 27, 5. Oktober 2005


NG051005 - "Da ist dir wohl was auf den Magen geschlagen" oder "Der hat den Ärger in sich reingefressen". So sagt man oft, wenn Menschen über ein Zwicken in der Magengegend klagen. Stress, scharfes Essen oder zu viel Kaffee gelten landläufig immer noch als Auslöser von Gastritis oder Geschwüren. Doch unter Medizinern setzte sich seit den 80er Jahren eine Erkenntnis durch, für die das australische Forscherduo Robin Warren (68) und Barry Marshall (54) nun mit dem Medizin Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Die beiden konnten 1982 unter Beweis stellen, dass eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori hauptverantwortlich für die Beschwerden im Verdauungstrakt ist, Marshall machte dafür sogar einen aufopferungsvollen Selbstversuch. Über die Hälfte der Menschheit ist mit Helicobater pylori infiziert.

Während in Entwicklungsländern fast jeder Mensch den Erreger in sich trägt, ist es in Deutschland schätzungsweise jeder dritte. Die Unterschiede werden auf die verbesserte Hygiene und den häufigeren Einsatz von Antibiotika zurückgeführt. Übertragen wird Helicobacter pylori vor allem durch Fäkalien, verunreinigtes Trinkwasser und Nahrungsmittel.

Die meisten Menschen merken nie etwas von der Besiedlung ihrer Magenschleimhaut, nur bei etwa 20 Prozent der Träger stößt der Einzeller irgendwann übel auf Weltweit sterben etwa eine halbe Millionen Menschen jährlich an einem durch "H. pylori" verursachten Magenkrebs.

Dank der Entdeckung durch Warren und Marshall wissen Ärzte, wen sie bekämpfen müssen. Nach einer einwöchigen Therapie mit Magensäurehemmern und Antibiotika gelten 90 Prozent der Betroffenen als geheilt. Der Zusammenhang zwischen Bakterium und Erkrankungen scheint so eindeutig, dass manche Mediziner Helicobacter lieber heute als morgen völlig vernichten würden.

Andere mahnen zu Vorsicht, wie der amerikanische Mikrobiologe Martin Blaser. Das Bakterium begleite den Menschen schon lange Zeit, die Beziehung sei komplexer als angenommen, der Erreger könne auch seine nützliche Seiten haben. Sogar das Nobelkomitee dämpft therapeutischen Übereifer. "Ein wahlloser Einsatz von Antibiotika, um Helicobacter auch bei an sich gesunden Menschen zu beseitigen, ist schon wegen der Gefahr von Resistenzen bei den Einzellern gegen das wertvolle Medikament nicht sinnvoll."

Kölner Stadt-Anzeiger Kultur, S. 27, 5. Oktober 2005

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