Dreimal Freundschaft
Soziale Gruppen organisieren sich nach mathematischen Gesetzen. Die Zahl Drei spielt dabei eine noch unerklärliche Rolle.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 11, 22. Februar 2005
SZ220205 - Dem Sprichwort nach gelten vor allem
Notfälle als geeignete Test-Anordnung, um Antwort auf die
Frage zu finden: Wie viele wirklich gute Freunde hat der
Mensch? Wenn, so die Volksweisheit, „hundert auf ein Lot“
gehen, sobald Not herrscht: Wie viele bleiben dann noch
übrig? Der Psychologe Robin Dunbar von der Universität
Liverpool und seine Kollegen sind dieser Frage mit anderen
Methoden nachgegangen und sagen: Es sind zwei, drei
vielleicht vier wahre Freunde, die der Mensch im
Durchschnitt um sich schart. Und wenn Dunbar Recht hat,
gilt dies für Menschen in jeder Kultur.
Die Forscher werteten 61 Studien aus aller Welt aus, die
sich mit sozialen Netzwerken beschäftigen. Unabhängig
davon, wo ein Mensch lebt, scheint demnach der Freundes-
und Bekanntenkreis immer nach demselben Muster gestrickt zu
sein: „Es gibt eine strenge Hierarchie verschiedener
Gruppengrößen der Menschen, die eine Person kennt“, sagt
Dunbar. Eine Größenordnung, die mathematischen Gesetzen
folge und bei der die Zahl Drei eine Rolle spiele.
Die engsten Freunde, soziologisch die „Unterstützergruppe“
genannt, bestehe in der Regel aus etwa drei bis fünf
Personen. „Das sind die Menschen, die man um Rat fragt in
emotional oder finanziell schweren Zeiten“, sagt Dunbar. In
der Regel habe man mit diesen Personen wöchentlich Kontakt.
Die nächste Stufe bilden all jene Menschen, zu denen man
eine spezielle Bindung hat: die einem sympathisch sind und
die man etwa einmal im Monat trifft. „Dieser Freundeskreis
umfasst zirka zwölf bis zwanzig Personen“, so Dunbar. Die
nächste Hierarchieebene entspricht dem Bekanntenkreis, zu
dem man eher eine lockere Bindung unterhält. Er umfasst
etwa 30 bis 50 Personen. In traditionellen Jäger- und
Sammler-Gesellschaften entspreche das einem typischen Clan,
schreiben die Forscher in der jüngsten Online-Vorabversion
der Proceedings of the Royal Society.
Die Überraschung für Dunbar und seine Kollegen war: Von
Ebene zu Ebene vergrößert sich der Bekanntenkreis immer um
den etwa gleichen Faktor: drei. „Egal auf welche Weise wir
es berechnen, wir kommen immer wieder zum selben Ergebnis“,
sagt Dunbar. Natürlich gebe es auch individuelle
Unterschiede: „Menschen, die sich besonders gut in die Lage
anderer versetzen können, haben größere Freundeskreise.“
Das ändere aber nichts an dem weltweiten Muster.
Die Forscher fanden dieses Muster nicht nur bei
Freundeskreisen: „Viele Armeen sind ähnlich strukturiert.
Die nächste größere Gruppe, etwa ein Bataillon, ist etwa
dreimal so groß wie die kleinere Einheit, die Kompanie.“
Und auch an der Börse wurden die Forscher fündig: Unter
Investoren entstünden zu bestimmten Zeiten ähnliche
Hierarchieebenen von typischen Gruppengrößen. „Die Größe
der Kerngruppe variiert möglicherweise“, so die Forscher,
„aber der Faktor scheint sich um die Zahl Drei zu drehen.“
Warum dieses Muster durch alle Kulturen und historischen
Situationen gleich ist, können sie nicht erklären. Sie
vermuten aber: „Da es universell ist, könnte es unsere
kognitiven Fähigkeiten widerspiegeln, soziale Beziehungen
zu verarbeiten.“
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 11, 22. Februar 2005
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