Der ganz normale Spuk


Déjà-vu-Erlebnisse lassen Forscher rätseln, auch weil sie das Phänomen in der Vergangenheit nur wenig wissenschaftlich untersucht haben. Aber wie soll man auch etwas untersuchen, das sich so rar macht?

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 13, 25. Februar 2005


SZ250205 - Haben Sie das Gefühl, Sie hätten diese Zeilen schon einmal gelesen? Genau an dem Ort, an dem Sie jetzt sitzen? Und Sie wissen, was als nächstes geschieht? Dann trügt Sie Ihr Gedächtnis. Denn jeder Moment im Strom der Zeit ist einmalig und kann sich nicht wiederholen. Ursache für das Gefühl ist ein seltsames, jedoch gar nicht seltenes Zusammenspiel bestimmter Hirnregionen, das dem Menschen tiefe Vertrautheit mit Augenblicken vorgaukelt, die gänzlich neu sind: „Ein Déjà-vu“, sagt der Psychologe Uwe Wolfradt von der Universität Halle-Wittenberg, „erschüttert uns auf gewisse Weise, weil es unsere Vorstellung von Wirklichkeit infrage stellt.“ Tatsächlich bedrohlich aber ist das Phänomen, benannt mit dem französischen Ausdruck für „bereits gesehen“, nicht. „Ein Mensch, der Déjà-vus erlebt, ist nicht krank, er hat keine mentale oder neurologische Störung, auch wenn das Phänomen unter ,Gedächtnisstörungen‘ eingeordnet wird“, erklärt Wolfradt.

Im Gegensatz zu handfesten Halluzinationen spuken Déjà-vus auch durch gänzlich gesunde Köpfe und müssen daher von Grund auf anders erklärt werden. Deshalb geben sie auch der Wissenschaft bis heute Rätsel auf: Wann ein Déjà-vu auftritt, kann niemand vorhersagen, es lässt sich nicht künstlich erzeugen und ist, außer für den Betroffenen, nicht erfahrbar. Mehr als hundert Jahre lang versuchen Psychologen, Psychoanalytiker und Hirnforscher bereits vergeblich, die flüchtige Illusion zu erklären – bis der Psychologe Alan Brown von der Southern Methodist University in Dallas jüngst einen großen Erkenntnis-Fortschritt in Aussicht stellte: Das Déjà-vu sei wissenschaftlich in den Griff zu bekommen, schrieb er im amerikanischen Wissenschaftsmagazin The Scientist.

Brown hat eine Vielzahl mehr oder weniger wissenschaftlicher Erklärungsansätze durchforstet und versucht, Ordnung in den Dschungel der Theorien zu bringen. „In den meisten Fällen basierten die Aussagen auf kurzen Umfragen oder einfachen Fragebögen mit meist wenigen Teilnehmern“, sagt er. Das hatte Theoretikern von Beginn an den Raum geöffnet für alle möglichen Erklärungen des schillernden Phänomens: Könnten Déjà-vus nicht Hinweise auf ein früheres Leben sein? So mutmaßten Esoteriker. Psychoanalytische Ansätze gehen von einem kurzen Aufleuchten des Unterbewussten aus. Und statistische Erhebungen schwanken: Zwischen 50 und 90 Prozent aller Menschen sollen Erfahrungen mit Déjà-vus besitzen.

Entsprechend klein ist der gemeinsame Kern der Erklärungsansätze, und Brown musste auf bescheidene Fakten bauen: „Frauen und Männer trifft es gleich häufig. Je älter sie sind, desto seltener erleben sie Déjà-vus. Höher Gebildete und Menschen, die viel reisen, erleben sie häufiger. Déjà-vus treten verstärkt nach Stress und bei Übermüdung auf“, fasst Brown zusammen. Vor allem der letzte Punkt in seiner Aufzählung, Stress und Übermüdung, lässt viele Forschern mittlerweile annehmen, dass Déjà-vus auf schlichte Fehlschaltungen im Gehirn zurückgehen

Daran orientiert sich auch Browns Erklärungs-Sammlung: „Außer einer neuronalen Fehlzündung könnte es sein, dass eine Information zwischen zwei Hirnbereichen asynchron verarbeitet wird. Möglicherweise tritt auch etwas in unser Bewusstsein, das wir vorher übersehen hatten. Oder unser Gehirn verknüpft die Erinnerung an ein Objekt mit einer ganz neuen Erfahrung.“ Gestützt werden die Annahmen von Untersuchungen, bei denen bestimmte Hirnregionen eine entscheidende Rolle spielten: der Temporallappen etwa, der Hirnteil zwischen linker und rechter Schläfe, den Hirnanatomen deshalb auch Schläfenlappen nennen. Menschen mit Schäden in diesem Bereich berichteten über häufige Déjà-vus, sagt UweWolfradt. Ebenso wie Epileptiker, deren Anfallsherd im Schläfenlappen liege.

Wird der Temporallappen während einer Untersuchung künstlich gereizt, können bei Patienten Déjà-vu-Erlebnisse auftreten. Noch etwas genauer lokalisiert hat das Phänomen – sofern man seiner Annahme folgt – der Neurologe Josef Spatt vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Epilepsie und Neuromuskuläre Erkrankungen in Wien: an einem Teil des mittleren Lappens, tiefer im Gehirn – dem Hippokampus und seinem eng anliegenden Bruder, dem parahippokampalen Cortex. Seit einiger Zeit gehen Hirnforscher davon aus, dass beide Hirnteile unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Der Hippokampus hilft demnach, Erlebnisse in zeitlicher Reihenfolge zu erinnern. Der parahippokampale Cortex erzeugt das dazugehörige Gefühl der Vertrautheit. „Meiner Meinung nach tritt immer dann ein Déjà-vu auf, wenn dieser Hirnteil fälschlicherweise ein Vertrautheitsgefühl erzeugt, während unsere Großhirnrinde eine völlig unbekannte Situation verarbeitet“, sagt Spatt. Der kleine Bruder des Hippokampus bette eine nie erlebte Situation dann in die weichen Daunen der Erinnerung.

Dass es sich um nicht wirklich Erlebtes, in den Tiefen des Gehirns Verschüttetes handelt, enthüllt laut Spatt die Art der vermeintlichen Erinnerung: „Während eines Déjà-vu sieht es so aus, als könne man sich an jedes noch so kleine Detail erinnern, wie auf einer Fotografie“, sagt er. Echte Erinnerungen dagegen seien meist schwammig: Ein Ort, an dem man sich befindet, sehe anders aus als einst, obwohl man nicht wisse, was genau sich verändert habe.

Um ihre Thesen zu beweisen, müssten Spatt und Wolfradt allerdings Testpersonen im Augenblick des Déjà-vu einem Gehirnscan unterziehen – und ein Bild der verdächtigten Gehirnregionen in Aktion liefern. Positronen-Emmissions-Tomographen oder Kernspintomographen kämen dafür in Betracht. „Aber man müsste schon sehr viel Glück haben, vor allem bei ganz gesunden Personen“, sagt Spatt. Der Plan grenzt an Unmöglichkeit. Forscher wie Alan Brown versuchen daher zunächst ohne Tomographen ihr Glück – mit kalkulierbaren Versuchen. Sie wollen unter anderem herausfinden, wie sich ein Déjà-vu-artiges Gefühl falscher Vertrautheit in Erinnerungsexperimenten erzeugen lässt. Lassen sich damit einmal Déjà-vus wie auf Knopfdruck einstellen, ließe sich vielleicht zugleich ein Hirnscan vornehmen.

Brown zum Beispiel legt seinen Studenten markierte Fotos von verschiedenen Universitätsgeländen vor, bis sie darin eingezeichnete Kreuze erkennen. Die ausgesuchten Plätze hätten seine Studenten nie zuvor besucht, berichtet Brown. Eine Woche später jedoch seien die Studenten der gegenteiligen Ansicht gewesen: als Brown ihnen einige der Fotos, nun ohne Markierungen und vermischt mit neuen Bildern, auf den Tisch legte. Auf die Frage, auf welchen Plätzen sie schon einmal gewesen seien, zeigten einige Studenten auf die Bilder, deren markierte Versionen sie eine Woche zuvor inspiziert hatten. „Sie glaubten, sich tatsächlich schon einmal auf diesen Plätze befunden zu haben – fast wie bei einem richtigen Déjà-vu“, sagt Brown.

Damit sieht er die These von der falsch verknüpften Erinnerung erhärtet: Etwas schon einmal Erlebtes wird im Moment eines neuen Eindrucks fälschlich mit dem neuen Eindruck verknüpft. Einer falschen Vertrautheit durch den parahippokampalen Cortex im Sinne Spatts jedenfalls scheint die Annahme nicht zu widersprechen.

Auch andere Forscher glauben zu wissen, wie man dem Phänomen mit Hilfe von Versuchen auf die Spur kommen kann. So lasse sich etwa das dem Déjà-vu verwandte, noch viel seltenere Gefühl des Jamais-vu (französisch für „noch nie gesehen“), bei dem Bekanntes gänzlich fremd erscheint, ebenfalls künstlich erzeugen: „zumindest ein ähnliches Gefühl“, sagt Wolfradt. „Sehen sie sich zum Beispiel ganz lange ihre eigene Hand an, irgendwann kommt sie ihnen fremd vor.“

Eine Umfrage Wolfradts unter seinen Studenten, wer dieses Gefühl bereits kenne, ergab: „Es scheint eher Menschen zu treffen, die emotional labiler sind, introvertiert oder einen starken Glauben an übernatürliche Kräfte besitzen.“ Déjà-vu-Erlebnisse jedoch entziehen sich solchen individuellen Einordnungen stärker.

Nahezu jeden Menschen kann das Gefühl der falschen Vertrautheit ergreifen, wenn Schläfenlappen oder parahippokampaler Cortex Fehlsignale senden – in jedem Moment. Auch beim Lesen dieser Zeilen zum Beispiel, an diesem Ort, in diesem Moment. Haben Sie vielleicht gerade das Gefühl, sie hätten diese Zeilen schon einmal gelesen?

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 13, 25. Februar 2005

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