Gefährliche Hüllen


Die Kapseln etlicher Pflanzenarzneien enthalten umstrittene Weichmacher. Während Hersteller bereits mit dem Ausstausch begonnen haben, sieht die zuständige Bundesbehörde bisher keinen Handlungsbedarf.

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 10, 14. Juni 2005


SZ0140605 - Manche Arzneimittel, die auch von Schwangeren und Kleinkindern eingenommen werden, enthalten eine Substanz, die das Risiko für Fehlentwicklungen bei Föten und Kleinkindern erhöhen könnte. Die Rede ist vom Zungenbrecher Dibutylphthalat (DBP); der Hilfsstoff verhindert, dass sich Arznei-Kapseln schon im sauren Milieu des Magens auflösen. Im Darm steuert DBP dann die Freisetzung des Wirkstoffs. Derzeit enthalten 64 teilweise frei verkäufliche Präparate laut Medikamentenverzeichnis Rote Liste die Substanz DBP.

Forscher der Universität Erlangen um den Umweltmediziner Jürgen Angerer und den Lebensmittelchemiker Holger Koch bestätigen nun den Verdacht, dass manche Medikamente den Körper durch DBP belasten. Sie bestimmten die Menge der Abbauprodukte im Urin einer 32-jährigen Testperson, die zwei Kapseln eines frei verkäuflichen Mittels gegen Bronchitis eingenommen hatte. „Nach unseren Berechnungen überschreitet die DBP-Belastung den Vorsorgegrenzwert um das zwei bis vierfache“, sagt Koch.

„Besonders kritisch ist, dass es sich bei einigen Mitteln um pflanzliche Wirkstoffe handelt.“ Bei Schwangerschaften vertrauten Arzt wie Patientin auf nebenwirkungsarme Mittel, belasteten das heranwachsende Kind aber womöglich gerade durch die Wahl dieser Arzneien.

DBP gehört zur Gruppe der Phthalate, die als Weichmacher verwendet werden. In den vergangenen Jahren gerieten sie in den Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein. Zuletzt machten Scoubidou-Bänder Schlagzeilen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hatte vor den bunten Gummibändern gewarnt, da sie die Phtalate DEHP und DBP enthalten. In Tierversuchen brachten Ratten und Mäuse unter DBP weniger Jungtiere zur Welt, Embryos waren fehl gebildet, männliche Jungtiere zeigten veränderte Hoden.

Ob die Ergebnisse auf Menschen übertragbar sind, wird von Phthalat-Herstellern und Pharmafirmen angezweifelt. Basierend auf den Tierversuchen hat die EU jedoch DBP als „fortpflanzungsgefährdend“ eingestuft und einen Grenzwert von 100 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt. Wird DBP verwendet, muss das Produkt unter bestimmten Bedingungen mit dem Vermerk „kann das Kind im Mutterleib schädigen“ deklariert werden Die EU hat für diese Substanz und andere Phthalate bereits 1999 Beschränkungen und Ende 2004 ein Verbot in Kosmetika, Spielzeugen und Babyartikeln 2004 beschlossen. Arzneimittel sind von diesem Verbot noch nicht betroffen.

Bisher war unklar, wie viel DBP Menschen mit Medikamenten aufnehmen. 2004 hatte Russ Hauser aus Harvard die DBP-Belastung eines Patienten, der ein Medikament gegen Dickdarmentzündung nimmt, untersucht. Er fand Mengen, die zwei Größenordnungen über der Belastung des Durchschnittsamerikaners liegen. „Folge man den Anweisungen mancher Präparate ist eine Überschreitung des Vorsorgegrenzwertes um das Zehnfache möglich“, schreibt Koch im Fachblatt Umweltmedizin in Forschung und Praxis (2005, Bd. 10, S. 144). Auch Präparate gegen Eisenmangel befinden sich auf der Liste der DBP-haltigen Mittel; außerdem Arzneien gegen Bronchitis, Verstopfung, Krampfadern und Vitaminmangel. „Unser Ergebnis zeigt, dassVorsicht geboten ist, vor allem bei Schwangeren und Kleinkindern“, warnt Ko-Autor Jürgen Angerer.

Fehlbildungen bei Babys

Widersprüchliche Aussagen machen dieHersteller sowie die staatliche Zulassungsbehörde, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Auf Anfrage bei 14 Unternehmen antworteten vier, dass sie DBP bereits ersetzt hätten, fünf gaben an, nach einem Ersatz zu suchen. Fünf Hersteller blieben eine Antwort schuldig. Krewel Meuselbach, Hersteller des Erkältungsmittels Aspecton Eukaps tauscht DBP aus, weil „neuere Untersuchungen zeigen, dass eineWirkung auf denmenschlichen Körper nicht ausgeschlossen werden kann“. Ratiopharm sagte, man habe „nach Bekanntwerden der fruchtschädigenden Wirkung und den in der Folge erlassenen Verboten, umgehend mit der Entwicklung von DBP-freienNachfolgeprodukten begonnen“.

Gleichzeitig bestreiten die Hersteller, dass von ihren Medikamenten ein Risiko ausgehen konnte. DBP sei ein zugelassener Hilfsstoff, argumentieren sie, zudem sei zweifelhaft, ob sich die Ergebnisse übertragen lassen. Trotzdem nehmen einige Hersteller DBP-Präparate aus der Produktion. „Wenn eine Substanz insGerede gekommen ist, kommt man mit Argumenten nicht weiter“, begründet Klaus Lohmann vonWolff-Pharma dies.

Die Hersteller bezweifeln noch aus anderen Gründen die Aussagekraft der Erlanger Studie: In einigen Präparaten sei weniger DBP enthalten, als die Forscher für ihr Testmedikament errechnet hätten. „Dafür nimmt man häufig mehr als zwei Tabletten am Tag“, sagt Angerer. Kollege Koch ergänzt: „Wir haben nicht den schlimmsten Fall beschrieben, wenn etwa eine Schwangere vier Medikamente einnimmt, die DBP enthalten.“

Obwohl DBP ins Gerede gekommen ist, sah die Zulassungsbehörde BfArM bei DBP – anders als bei dem Phthalat DEHP – bisher keine Veranlassung, aktiv zu werden. In der aktuellen „Besonderheitenliste derArzneimittel-Warnhinweisverordnung“ taucht DBP nicht auf. Die Behörde sieht auch keinen Anlass, vor DBP in Arzneimitteln zu warnen, erklärt Ulrich Hagemann vom BfArM: „Die Anwendung vonDBP in Arzneimitteln undKapselhüllen bedeutet keine Risikoerhöhung für die Anwender, welche Anwendergruppe man auch nimmt.“ Man sei durch die Anfrage der SZ erstmals „auf den Sachverhalt gestoßen“.

Fakt sei – da argumentiert die Behörde wie die Pharmaindustrie – dass, „Effekte in tiermedizinischen Studien erst bei sehr hohen Dosen auftraten, die beim Menschen bei derEinnahme von Medikamenten nicht erreicht werden.“ Deshalb besäßen „diese Daten keine Relevanz“.

BfArM: Haben das Thema nicht unterschätzt

„Auf diesen Daten basiert aber der Vorsorgegrenzwert der EU und der wird in unserer Arbeit deutlich überschritten. Gesundheitliche Schäden sind nicht auszuschließen“, erwidert Phthalat-ExperteKoch. Zumal der Grenzwert in den Niederlanden oder Kanada nur halb so hoch sei. „Neueste Studien weisen außerdem darauf hin, dass schon bei viel niedrigeren Werten als bisher gezeigt Schäden bei jungen Ratten auftreten.“

In den USA sorgt derzeit eine Studie, die vor kurzem im Fachmagazin Environmental Health Perspectives veröffentlicht wurde, für Aufsehen. Forscher der Universität Rochester haben erstmals einen Zusammenhang zwischen der Phthalat-Belastung während der Schwangerschaft und Fehlbildungen bei Jungen im Genitalbereich gefunden. Ihr Fazit: „Eine vorgeburtliche Belastung mit Phthalaten kann die reproduktive Entwicklung nachteilig beeinflussen.“ Den Vorwurf, das BfArM habe das Thema unterschätzt, weist Hagemann zurück: Man werde das Problem untersuchen.

Dass einige Pharmafirmen bereits DBP ausgetauscht haben, begrüßen die Phthalat-Forscher Angerer und Koch. Aber in Apotheken und manchem Arzneischrank zu Hause schlummerten noch Altbestände der Arzneien. „Schwangere sollten einen Blick auf die Beipackzettel ihrer Medikamente werfen und nach dem Stoff DBP Ausschau halten“, sagt Jürgen Angerer. Gegebenenfalls sollten die Frauen mit Ihrem Arzt nach einer Alternative suchen – vorsorglich.

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 10, 14. Juni 2005

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