Blühen auf Kommando
Blumen spielen auf Veranstaltungen wie der Bundesgartenschau in München nur mit, wenn Botaniker die Natur austricksen. Eine Substanz, die Blüten auf Kommando erblühen lässt, suchen die Pflanzenexperten seit hundert Jahren. Bisher ohne Erfolg.
Süddeutsche Zeitung Wissen, 27. April
2005
SZ270405 - Eingeweihte Gartenfreunde kennen den
Trick. Bromelien, landläufig auch Ananasgewächse genannt,
treiben Hobbygärtner zur Blüte, indem sie sie mit ein paar
reifen Äpfeln oder Zitrusfrüchten zwei Tage lang in eine
Plastikhülle packen. Etwa drei Monate später sprießen dann
erste Knospen. Denn die Früchte dünsten Äthylen aus.
Der einfache Kohlenwasserstoff regt die Bromelien zum
Blühen an, weil seine Moleküle an die Rezeptoren so
genannter meristematischer Zellen der Pflanzen ansetzen und
ein Spezialisierungsprogramm auslösen. Meristematische
Zellen sind Weltmeister der Vielseitigkeit, ähnlich wie
Stammzellen, die sich zu allen möglichen Zelltypen
entwickeln können.
Suche nach dem Wunderstoff
Gärtner Herrmann Prinsler aus Hennef am Rhein nutzt den
Trick in großem Stil. „Zum Muttertag brauchen wir viele
blühende Bromelien. Sonst kauft die ja keiner.“ So
begründet Prinsler, warum er das Wasser für die Pflanzen
mit Äthylen anreichert. Doch bei anderen Blumen liegt die
Sache weitaus schwieriger. Sonst könnten sich die Botaniker
viel Arbeit sparen, um etwa ein Blumenmeer wie das auf der
Bundesgartenschau zu zaubern, die am morgigen Donnerstag in
München beginnt. Damit die Pflanzen sich pünktlich zum
Show-Start im gewünschten Kostüm in Szene setzen, müssen
die Experten viele Faktoren beachten.
„Der eine Stoff, den man einfach dazu gibt, existiert
leider noch nicht“, sagt Stefanie Kampmann, verantwortliche
Landschaftsarchitektin auf der Landesgartenschau in
Leverkusen, die vor kurzem eröffnet wurde. Seit 140 Jahren
sind Pflanzenforscher auf der Suche nach dieser
Wundersubstanz. 1865 entdeckte der Breslauer
Pflanzenphysiologe Julius Sachs, dass dem Licht ausgesetzte
Blätter offenbar Substanzen in geringen Mengen herstellen,
welche sie dazu bringen, Blüten zu bilden. Die Stoffe
wandern vom Blatt über das Phloem genannte Leitgewebe für
den Nährstofftransport zu den Stängelspitzen, fand Sachs
heraus.
Wo steckt das Florigen?
Der Russe Michael Chailakhyan fasste 1936 die Ergebnisse
zur so genannten Florigen-Theorie zusammen: Die
Blütenpracht werde durch einen hormonellen Stimulus, das
Florigen, ausgelöst. Seither melden Forscher immer wieder,
sie hätten das Florigen entdeckt, oder zumindest verwandte
Substanzen, die mit der Blüte in Zusammenhang stehen. Doch
bis heute scheinen die Wissenschaftler nicht viel
weitergekommen zu sein als Julius Sachs: Es sei noch immer
„eines der großen Mysterien der Botanik“, schrieben die
Pflanzenforscher Susanne Hoffmann-Benning und Jan Zeevaart
von der Michigan State University 2003 in einem Essay der
Fachzeitschrift Plant Physiology.
Das Florigen könne alles mögliche sein: „ein Peptid, ein
Eiweiß, eine Nukleinsäure oder ein anderes, kleines
Molekül“. Es könne von der Pflanze vollständig produziert
werden oder auch nur als Vorstufe. Zwar ist schon diese
Erkenntnis ein Fortschritt, denn bis vor einigen Jahren
dachten Botaniker noch, sie müssten nur nach Zuckern im
Phloem Jahren dachten Botaniker noch, sie müssten nur nach
Zuckern im Phloem suchen, weil alle gelösten Stoffe in
dieser Form durchs Leitgewebe wandern. Doch inzwischen
wissen sie, dass die verschiedensten Substanzen durch den
„Superinformation Highway“ rasen – was die Suche nach dem
ominösen Florigen nicht leichter macht.
Der Landschaftsarchitektin Stefanie Kampmann und ihren
Kollegen bleibt daher nichts anderes übrig, als mit Hilfe
von Erfahrungswerten und Tricks für pünktliche Blüten zu
sorgen. Oft helfe zum Beispiel schon die Wahl der Sorte,
sagt sie: „Für Narzissen und Tulpen, die zur Eröffnung
Mitte April blühen sollten, habe ich mittelblühende
Varianten gewählt.“ Deren genetisches Programm ist durch
Züchtung auf die Tageslänge und Temperatur dieses Zeitraums
eingestellt. „Wäre die Eröffnung am 1.Mai gewesen, hätte
ich spätblühende Tulpen und Narzissen gewählt“, so die
Chefin der Leverkusener Schau. Trotzdem bleibe immer eine
gewisse Unsicherheit. Die Tulpen und Narzissen wurden schon
im Oktober 2004 gepflanzt. „Das Wetter hätte uns leicht
einen Strich durch die Rechnung machen können.“
In Gewächshäusern vorgezogen
Etwas anders arbeiten die Gärtnereien, die sich auf den
zwanzig Blumenschauen in den Münchner Buga-Hallen
präsentieren: „Die Pflanzen werden in den Gartenhäusern
vorgezogen und müssen an den vier bis acht Tagen der
jeweiligen Schauen in voller Blüte stehen“, sagt
Buga-Sprecher Max-Joseph Kronenbitter. Die Gärtner kämpfen
dabei um Prestige und Medaillen. Das Wachstum ihrer Blumen
für Schauen wie „Wunderwelt der Orchideen“, „Blütenpracht
der Hortensien“ oder „Dahlien – sonniges Erbe aus Mexiko“
kontrollieren sie vor allem über die Temperatur und das
Licht – genau wie die Gärtner, die die Republik mit
Schnittblumen, Salat und Gemüse versorgen: „Auch da müssen
Pflanzen ja auf den Punkt bereit sein“, sagt Markus
Radscheit, technischer Leiter der Botanischen Gärten in
Bonn.
Für die gärtnernden Zeitmanager gilt: So genannte
Kurztagpflanzen lieben lange Nächte. Werden die Tage
länger, gibt es hingegen „irgendwann keinen heimischen
Feldsalat oder Spinat mehr, weil das Langtagpflanzen sind“,
sagt Radscheit. Bekommen solche Pflanzen mehr als zwölf
Stunden Licht, treiben die Blüten aus. Zum Verzehr sind sie
dann nicht mehr geeignet.
Gegen den Einfluss des Lichts wappnen sich die Gärtner mit
künstlichen Lichtspielen im Gewächshaus, verlängern oder
verkürzen mit Lampen oder schwarzen Planen die Tage. Dabei
muss das Licht gar nicht die Qualität der Sonne haben. Es
reicht schon ein spezielles „Störlicht“ mit einem
reduzierten Spektrum an Wellenlängen. Und auch auf
künstliche Temperaturen fallen die Pflanzen gern herein:
Wer das Gedeihen seiner Wettbewerbsorchideen hinauszögern
will, legt sie ins Kältehaus. Pflanzen hingegen, die zu
langsam für den Show-Zeitplan reifen, werden durch Wärme
angetrieben. Der Trick ist derselbe: Entweder wird der
Stoffwechsel verlangsamt oder beschleunigt.
Stefanie Kampmann hat in Leverkusen allerdings für die
Außenbeete auf diese Verfahren verzichtet, denn sie bergen
auch Risiken: „Pflanzen, die umgepflanzt werden, erleiden
immer einen Pflanzschock. Sie stellen das Wachs- und
Blühprogramm ein und aktivieren das Wurzelprogramm.“
Der intelligente Dünger
Das Zeitproblem an der Wurzel packen die Gärtner
individuell an: „Jeder hat seine eigene Boden-Mischung“,
sagt Kampmann – ebenso wie eigene Dünger, die man
inzwischen als wahre Hightech-Dünger bezeichnen muss:
Kleine Kapseln aus Sojaharz sind es, die alles enthalten,
was die Pflanze braucht. Das Verfahren aus den
Sechzigerjahren ist mittlerweile eine Wissenschaft für
sich: Die Harzkügelchen nämlich werden in verschiedenen
Schichten bei unterschiedlichen Temperaturen und Drücken
aufgebaut. „Dadurch entstehen feine Risse und Löcher in den
Schichten, die dann wie einzelne Netze übereinander
liegen“, erklärt Düngerexperte Peter Mosler von der Firma
Scotts.
Durch die Poren gelangt der Dünger ins Erdreich:
Stickstoff, Magnesium, Phosphor, Kalium und Spurenelemente
wie Eisen und Mangan. Die „Maschenweite“ des Harznetzes
ändert sich mit der Temperatur. Wenn es wärmer wird und die
Pflanze mehr Nährstoffe verlangt, weil der Stoffwechsel auf
Hochtouren läuft, weiten sich die Poren. Kühlt es ab,
verkleinern sie sich. „Dadurch erreichen wir bei Regen eine
viel geringere Auswaschung als bei löslichem Volldünger“,
sagt Mosler. Ehrgeizigen Gärtnern, denen das alles zu
kompliziert ist, bleibt anstelle von Wissenschaft und
Forschung nur eine Alternative: Bromelien. Und natürlich
ein wenig Äthylen.
Süddeutsche Zeitung Wissen, 27. April
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