Gezackt oder glatt - das Klima macht's
Die Form und Größe von Blättern wird durch das Klima bestimmt. Auch in Europa gilt das botanische Gesetz, das auch Paläobotaniker jetzt nutzen können.
National Geographic Geographica, S. 22,
November 2005
NG1105 - Spätestens wenn man mit seinen Kindern im
Herbst bunte Blätter sammelt, fällt einem wieder auf, wie
unterschiedlich das Laub von Bäumen und Sträuchern ist:
klein und herzförmig die Blätter der Linde, groß und lappig
Ahorn und Kastanie, gezahnt das Hainbuchenblatt, gerundet
bei der Eiche. Aber obwohl man weiß, dass bei der
Formgebung das Klima eine entscheidende Rolle spielt,
wissen die Botaniker immer noch nicht exakt, welche
Funktion den Ausschlag dafür gibt.
Nun wurde dieser Zusammenhang von dem Tübinger Forscher
Christopher Traiser erstmals für europäische Ökosysteme
bestätigt und gibt den Paläobotanikern eine zusätzliche
Möglichkeit, etwas über das vergangene Klima unserer
Erdgeschichte zu sagen. Europa ist ein Kontinent der
mittelgroßen Formen: 60 bis 80 Prozent des Laubs sind im
Vergleich zu mannsgroßen Blattgiganten in den Tropen oder
Miniblättchen in Wüstenregionen weder besonders groß noch
besonders klein. Kleine Blätter sind am häufigsten im
Mittelmeerraum, große Blätter gibt es vor allem im
kontinentalen Klima des Ostens. Die Mittelmeerregion ist
das Gebiet der schmalen Blätter wie etwa beim Lorbeer. Im
Norden und Osten fehlt dieser Typus fast gänzlich, dort
herrschen breite Formen vor.
Ob sie glatt oder gezahnt sind, scheint vor allem von der
durchschnittlichen Jahrestemperatur abzuhängen - je kälter
eine Region, desto mehr gezahnte Bätter. In den Tropen gibt
es praktisch nur glattes Laub.
"Eine einzige Erklärung, wie Klima und Blattform
zusammenhängen, haben wir nicht", sagt Traisers Kollege,
der Paläobotaniker Dieter Uhl. Der Vorteil großer Blätter
in kühlen Regionen besteht zum Beispiel darin, dass sie
wenig Sonnenlicht gut zur energieliefernden Photosynthese
nutzen können. Allerdings steigt die Gefahr, sich zu rasch
aufzuheizen und zu viel Wasser zu verdunsten. Gezahnte
Ränder scheinen im Frühjahr eine raschere Entfaltung zu
ermöglichen als glatte. Es scheint auch, dass in den
Blattzahnspitzen die Photosynthese effektiver verläuft.
Auf jeden Fall aber lässt der nun bestätigte, weltweit
geltende Zusammenhang von Blattform und Klima anhand von
Blattfossilien ziemlich genau auf das einstige Klima der
Fundregion schließen.
National Geographic Geographica, S. 22,
November 2005
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