In den Fühlern zur Untermiete
Würzburger Forscher entschlüsseln eine einzigartige Symbiose: Der Bienenwolf bietet Bakterien einen Lebensraum in seinen Fühlern. Dafür schützen die Einzeller den Nachwuchs der Grabwespe vor Schimmelpilz.
WDR 5, Leonardo, 10. März 2005
WDR100305 - Anmoderation: Jahrzehntelang wurde
der Bienenwolf gejagt. Selbst mit E605 versuchten Imker und
Bienenfreunde die schwarz-gelbe Grabwespe, die auf die
Honigbienenjagd spezialisiert ist, zu vernichten.
Inzwischen lässt man die räuberische Wespe in Ruhe. Dafür
interessiert sich ein Forscherteam aus Würzburg ganz
besonders für den Bienenwolf, den man in NRW im Sommer in
der Wahner Heide genau so wie zwischen Pflastersteinen der
Duisburger Innenstadt beobachten kann. Die Tricks, mit
denen die Wespe Schimmel in den warmen Brutkammern in
Schach hält, hat es den Forschern besonders angetan.
Sprecher: Die Hausfrauen und -männer unter
uns kennen das Problem. Wo es warm und feucht ist,
vergammelt alles innerhalb kurzer Zeit: Das Brötchen, die
Banane, der Eintopf. Schimmel und Verderb machen sich
breit.
Eine kleine räuberische Wespe, der schwarz-gelb geringelte
Bienenwolf Philanthus triangulum, hat genau dasselbe
Problem. Die allein lebende Wespe zieht ihren Nachwuchs in
Bruthöhlen auf, in denen es dreißig Grad heiß ist und
hundert Prozent Luftfeuchtigkeit herrscht. Das sind ideale
Bedingungen für Schimmelpilze, sagt Erhard Strohm,
Bienenwolf-Experte aus Würzburg.
O-Ton Strohm: Die Nester sind im Boden
angelegt, und zwar an sehr warmen Stellen, häufig an
Steilwänden von Sandgruben, das heißt, da knallt den ganzen
Tag die Sonne drauf, das wird sehr warm da drin. Und die
Brutzellen sind aber gleichzeitig in relativ feuchten
Bodenschichten. Und wenn man jetzt hört, da ist es feucht
und warm, dann heißt das natürlich, da ist ne große
Schimmelgefahr. Und Bienenwölfe haben mehrere Mechanismen
gefunden, wie sie dieser Schimmelgefahr begegnen
können.
Sprecher: Im Nest legt das
Bienenwolf-Weibchen viele einzelne Brutkämmerchen an, für
jedes Ei eine. In jedes Brutkämmerchen lagert sie dann bis
zu fünf gelähmte Honigbienen ein – Frischfleisch für ihre
eigene Larve. Die Bienenwolf-Mutter legt das Ei direkt auf
die bewegungslosen Bienenkörper, verschließt das Kämmerchen
und überlässt ihren Nachwuchs sich selbst. Nach zwei, drei
Tagen schlüpft aus dem Ei eine kleine Larve im
schwül-warmen Dunkel der Kammer. Eine Woche dauert das
Festmahl, wenn sich die Larve über die Bienen hermacht.
Dabei wächst sie bis zum vierzigfachen ihrer Körpergröße.
Pappsatt spinnt sie sich schließlich in einen seidigen
Kokon ein.
Neun Monate später schlüpft aus dem seidigen Kokon ein
graziler Bienenwolf, der sich aus der Kammer in die
Freiheit gräbt. Schimmelpilze konnten weder dem Kokon noch
den Bienen etwas anhaben, trotz eigentlich idealer
Lebensbedingungen für die Pilze. Nur in vier von hundert
Brutkammern entdeckten Erhard Strohm und sein Team von der
Uni Würzburg Schimmel. Bienenwölfe müssen also
wirkungsvolle Gegenmittel gefunden haben. Die Würzburger
Forscher machten auf der Suche nach dem Anti-Schimmeltrick
eine bisher einzigartige Entdeckung: Um den Kokon vor dem
wuchernden Schimmel zu schützen, bekommt die
Bienenwolflarve fremde Hilfe. Eine weiße Substanz spielt
dabei eine entscheidende Rolle.
Erhard Strohm hatte diese weiße, krümelige Substanz schon
vor einigen Jahren entdeckt. Die Bienenwolf-Mutter presst
sie vor der Eiablage aus ihren beiden Fühlern und schmiert
sie an die Decke der Brutkammer. Die Larve nimmt sie vor
dem Einspinnen auf. Lange Zeit war unklar, was das
eigentlich für eine Substanz ist. Bis jetzt, freut sich
Erhard Strohm:
O-Ton Strohm: Und die Larve arbeitet
das jetzt mit in die Kokonfäden ein. Und was das Neue jetzt
ist, was wir gefunden haben, ist, dass die weiße Substanz
in der Hauptsache aus Bakterien besteht, die offenbar in
den Fühlern, also in Drüsen der Fühler kultiviert werden,
dort heranwachsen jeweils für eine neue Brutzelle.
Sprecher: Erhard Strohm zeigt
Mikroskopaufnahmen der Bakterien. Mehrere Millionen dieser
Einzeller wohnen in Drüsen in den beiden Antennen der
Bienenwolfweibchen. Wenn das Muttertier die weiße Substanz
aus den Antennen herauspresst, sieht das ziemlich
anstrengend aus. Die Wespe windet sich nach rechts und
links, zittert ein bisschen, bis an jeweils fünf Stellen
der Antennen kleine weiße Partikel zu sehen sind, die sie
an die Decke der Brutkammern schmiert – der Bakterienbrei.
Doch wie schützen die Bakterien den Kokon und damit die
Larve? Genau identifiziert haben die Würzburger Forscher
den Stoff noch nicht, aber Martin Kaltenpoth, Doktorand bei
Erhard Strohm, hat die Bakterien durch genetische Analysen
bestimmt.
O-Ton Kaltenpoth: Die Gattung der
Bakterien ist Streptomyces und das sind ganz wichtige
Antibiotikaproduzenten. Die meisten Substanzen, die man
eben in der Humanmedizin verwendet, sind von
Streptomyceten, werden die gebildet. Und deswegen liegt
natürlich die Vermutung nahe, dass das eben Antibiotika
sind, die den Kokon schützen.
Sprecher: Streptomyceten. Wenn
Bakterienforscher den Namen Streptomyceten hören, merken
sie auf. Dieser Bakteriengruppe verdankt der Mensch etwa 65
Prozent der in der Medizin eingesetzten Antibiotika. Martin
Kaltenpoth und Erhard Strohm sind sich sicher, dass auch
die Bienenwolflarve von Antibiotika geschützt wird.
Die Bienenwolf-Bakterien-Connection ist ein typisches
Beispiel für etwas, was Biologen eine Symbiose nennen. Ein
Geschäft auf Gegenseitigkeit. Der Bienenwolf bietet den
Bakterien einen sicheren Lebensraum, die Untermieter
unterstützen sie dafür bei der Parasitenabwehr. Vielleicht
profitiert zukünftig auch der Mensch von dieser Connection.
Als Schimmelschutz für die Küche ist ein Antibiotikum zwar
nicht geeignet. Doch in der Medizin werden immer mehr
Krankheitserreger unempfindlich gegen die von Medizinern
verwendeten Antibiotika. Viele Forscher hoffen auf neue
Mittel direkt aus der Natur. So könnte auch das
Antibiotikum der Bienenwolf-Bakterien irgendwann einmal
Menschen im Kampf gegen Pilzkrankheiten unterstützen.
Allerdings ist es bis dahin noch ein weiter Weg.
WDR 5, Leonardo, 10. März 2005
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