Das Leben, das Universum und die ganze Physik


Wer das galaktische Roadmovie "Per Anhalter durch die Galaxis" nur als Science-fiction-Parodie versteht, hat nur halb so viel Spaß. Autor Douglas Adams war ein Fan wissenschaftlicher Theorien, die er genüsslich überdrehte.

Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 10, 9. Juni 2005


SZ090605 - Zweiundvierzig. Die Antwort kann so einfach sein. Besonders, wenn sie Aufschluss über die „Frage nach dem Leben, dem Universum, und überhaupt allem“ geben sollen. Der Supercomputer Deep Thought, der zu dem zweistelligen Ergebnis gekommen ist, kann nicht irren – er hat Millionen von Jahren an der Antwort gerechnet.

So hat es der britische Kult-Autor Douglas Adams in seinem ebenso aberwitzigen wie kreativen Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ niedergeschrieben. Dessen wissenschaftlichen Gehalt hat vor kurzem ein Buch untersucht, und viele Besucher des heute anlaufenden Films dürften darüber diskutieren, wenn sie das intergalaktische Roadmovie gesehen haben.

Auf der Leinwand ist es ein überdimensionaler goldener Rechner, der die legendäre Zahl 42 vor Tausenden von Menschen verkündet –mit dem kleinlauten Hinweis: „Ich habe die Antwort, aber sie wird euch nicht gefallen.“ Doch so sehen Antworten von Rechnern eben aus, bestätigt Volker Springel vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching. Zusammen mit dem internationalen Forscherkonsortium Virgo hat er vergangene Woche in der Fachzeitschrift Nature eine Simulation des Universums vorgestellt – natürlich errechnet mit einem Supercomputer (SZ, 2.6.).

„Auch bei unserer Simulation kommen am Ende eigentlich nur eine Menge Zahlen raus, die wir versuchen auf ein paar Kernzahlen einzudampfen.“ Anders als Deep Thought spuckten die Garchinger Rechner ihre Ergebnisse allerdings schon nach ein paar Wochen aus. „Wir haben aber auch nicht die Antworten auf alle Fragen des Universums gesucht.“

Astrophysiker Springel hat die Bücher von Douglas Adams zwar nicht gelesen, kennt aber die magische 42. Und er nutzte sie sogar während der Simulation: „Wir brauchen Reihen zufälliger Zahlen, und zu Beginn müssen wir eine Startzahl vorgeben. “Beim Probelauf der Simulation wählte er die 42.

Nur sechs Konstanten erklären das Universum

Dass die Welt tatsächlich mit nur einigen Zahlen beschrieben werden kann, zeigte der königlich-britische Hofastronom Sir Martin Rees vor ein paar Jahren. Demnach halten sechs physikalische Konstanten das Universum am Laufen. Schon eine davon ist leider so unhandlich, dass sie der Menschheit auch nicht besser gefallen würde als die 42:DasVerhältnis von elektrostatischer Kraft zur Gravitationskraft lautet zum Beispiel 10 hoch 36, eine eins mit 36 Nullen.

Der „Anhalter“ ist weit mehr als eine phantasievolle Science-Fiction-Parodie. Er zeigt vor allem Adams’ Begeisterung für Wissenschaft und Technik. Der Literaturwissenschaftler ließ sich bei seinen skurrilen Übertreibungen, die Ende der siebziger Jahre als BBC-Hörspiel starteten, von den naturwissenschaftlichen Theorien der Zeit inspirieren.

Manche Thesen sind 30 Jahre später überholt. So wäre etwa das „Restaurant am Ende des Universums“, in dem jeden Abend die finale Vorstellung des Weltalls gegeben wird, nach heutiger Vorstellung der Kosmologen ein finanzieller Flop. „In den siebziger Jahren glaubte man noch, dass das Universum in einem ‚Big Crunch‘ enden würde“, sagt Astrophysiker Springel. Das spektakuläre Ende, wenn die Gravitation das gesamte Universum auf einen Punkt zusammenschnurren lässt, ist bei Adams die Attraktion des Restaurants. „Da würde es nach der aktuellen Theorie wohl wenig zu bestaunen geben, denn das All wird sich immer weiter ausdehnen und irgendwann totlaufen“, sagt Springel. Statt eines spektakulären Armageddons gäbe es nur Ödnis, Dunkelheit und Kälte.

Adams hatte ein durchaus ernstes Verhältnis zur Arbeit von Forschern: Im vierten Band „Macht’s gut und danke für den Fisch“ erinnert er sie daran,wie sie arbeiten sollten: „Erst sehen, nachher denken, dann prüfen“, legt er einem seiner Charaktere, Wonko der Verständige genannt, in den Mund. Leider würden das die meisten Wissenschaftler vergessen, bemängelt Wonko.

Adams, der Computerfan

Außer für wissenschaftliche Theorien begeisterte sich Adams auch für neue Technik und Computer. Im „Anhalter“ gibt es reichlich davon. „Sein alternatives Universum ist geprägt von technologischem Optimismus“, sagt Michael Hanlon, Autor des kürzlich erschienen Buchs über die Wissenschaft der „Anhalter“- Reihe.

Maschinen wie etwa der dauer-depressive Android Marvin oder der Bordcomputer des Raumschiffs Herz aus Gold haben das, was vielen realen Maschine fehlt: eine menschliche Seite. Immerhin: „Heute gibt es erste Ansätze, menschliche Emotionen nachzubilden“, sagt Werner Kießling, Sprecher des Bayerischen Forschungsverbundes Forsip, der die Mensch-Maschine-Interaktionen untersucht

Dass Computer und Roboter auf die Bedürfnisse des Menschen zugeschnitten sein sollen, und nicht umgekehrt, diese Erkenntnis sei an sich schon ein Fortschritt: „Das haben die Entwickler inzwischen begriffen, früher musste sich der Mensch der Maschine anpassen“, sagt Kießling. Gefühlsgesteuerte Roboter sind zwar noch Zukunftsmusik, eine emotionale Selbständigkeit ließe sich aber zumindest imitieren, sagt der Forscher.

Wohin die Eigenständigkeit mancher Maschine allerdings führen kann, erlebt im„Anhalter“ Zaphod Beeblebrox, der doppelköpfige Ex-Präsident der Galaxis. Auf seinen Wunsch, nach oben zu fahren, erklärt ihm der schlaue Aufzug die vielen Vorzüge, die eine Fahrt nach unten haben könnte.

Der Anhalter: kein Vorbild der Wikipedia

Manch andere Technologie im „Anhalter“- Universum ist dagegen real geworden. Roter Faden der Geschichte ist ein digitales Buch, eine Mischung aus Reiseführer und Enzyklopädie, in dem man alles über das Universum nachschlagen kann. Zugang bekommt man über das „Sub-Etha-Netz“, die galaktische Version eines drahtlosen World Wide Webs.

Den Siegeszug eines ganz ähnlichen Projekts hat Computerfan Adams, der vor vier Jahren starb, nicht mehr erlebt: der Wikipedia. Auch hier lassen sich über das Internet von überall Lexikon-Einträge anschauen und ergänzen. Der „Reiseführer für Anhalter“ als Inspiration für die Wikipedia? Gründer Jimmy Wales wiegelt ab: „Ich bin zwar ein großer Fan von Douglas Adams, aber der Anhalter war für uns kein Vorbild.“ Humor, an dem es beim Adamschen Original nicht mangelt, sollte von Anfang an aus der irdischen Internet-Enzyklopädie verbannt werden.

Dabei war es vor allem dieser Sinn für Humor, der Douglas Adams auszeichnete. In einem Nachruf auf den verstorbenen Freund schrieb der Evolutionsbiologe Richard Dawkins: „Douglas dachte wie ein Wissenschaftler, aber er war viel komischer.“

Süddeutsche Zeitung Wissen, S. 10, 9. Juni 2005

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