Immer der Ratte nach


Den Weg der Vorfahren der heutigen Polynesier zeichnen Wissenschaftler normalerweise durch archäologische Überreste und Sprachanalysen nach. Jetzt helfen ihnen auch Rattengene.

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S.10, 11. Juni 2004


NG0704 - Neuerdings weisen Ratten Forschern den Weg. Denn „Rattus exulans", so der wissenschaftliche Name der Polynesischen Ratte, war offenbar ständiger Begleiter der Menschen der Lapita-Kultur - auch bei deren See-Überfahrten mit Kanus. „Sie nahmen die Nager vermutlich auf unbekanntes Terrain mit als Inhalt für ihre Kochtöpfe", so die Anthropologinnen der Universität Auckland in Neuseeland. Weil die Ratte wasserscheu ist, konnte sie sich nur mit Hilfe der Lapita zwischen Neu-Guinea und den Osterinseln verbreiten. Mit ihrer Hilfe lässt sich daher heute der Kanutreck von Insel zu Insel nachvollziehen.

Nach den Ergebnissen der Forscherinnen breiteten sich die Vorfahren der heutigen Polynesier langsamer in der pazifischen Inselwelt aus als bisher angenommen. Auch hatten sie offenbar mehr Kontakt zu bereits ansässigen Kulturen. Diesen Schluss ziehen Elisabeth Matisoo-Smith und Judith Robins aus genetischen Analysen der Polynesischen Ratte. „Wir wissen aus den archäologischen und sprachwissenschaftlichen Spuren, dass die Lapita-Kultur die Vorfahren der heutigen Polynesier sind, doch wir wissen nicht genau, wie der Weg aussah, den sie durch die Inselwelt nahmen", schreiben die Forscherinnen im Fachmagazin PNAS (vorab erschienen in der Online-Ausgabe am7. Juni).

Entweder zogen diese Menschen einst in einer Art „Inselexpress" von Eiland zu Eiland, ohne besonders in Kontakt mit den ansässigen Kulturen zwischen Südostasien und der Region um Fidschi, Tonga und Samoa zu treten. Oder ihr Weg war verschlungen, und es kam zu kulturellem Austausch, bevor die Lapita vor etwa 3000 Jahren die Inseln des Stillen Ozeans eroberten. Genau diese Unsicherheit konnten die Forscherinnen jetzt weitgehend beseitigen.

Sie verglichen Erbgutstücke aus den Mitochondrien der heutigen Ratten und aus Knochenfossilien ihrer Vorfahren und erstellten anhand der genetischen Unterschiede einen Stammbaum. Wären die Lapita im „Express" von Insel zu Insel gehüpft, sollte dieser Stammbaum eher einem Baum ähneln, weil es dann nur wenige Möglichkeiten zur Ausbreitung genetischer Abweichungen (Mutationen) in den Populationen gegeben hätte. Doch dem ist nicht so.

„Wir fanden drei unterschiedliche Typen, die geografisch bemerkenswert klar getrennt sind", schreiben die Forscherinnen. Das deute daraufhin, dass die Vorfahren der heutigen Polynesier einzelne Inselregion langfristig besiedelten und demnach in regem Austausch mit den Inselbewohnern lebten. Ob diese die Vorliebe der Lapita für Rattensteaks übernahmen, verraten die Daten allerdings nicht.

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S.10, 11. Juni 2004

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