Sapiens ohne Homo


Biologen fordern eine neue Klassifizierung aller Lebewesen. Das alte System, das auf der Entwicklung von Carl von Linné beruht, sei nicht stabil genug und nicht mehr zeitgemäß, sagt einer der Väter des alternativen "Phylocode" Kevin de Queiroz vom Smithonian Institute im Interview.

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S.10, 21. Juli 2004


SZ210704 - Die Einteilung der mehr als 1,7 Millionen auf der Erde lebenden Arten basiert seit 250 Jahren auf einem Ordnungs- und Namensystem, das der schwedische Systematiker Carl von Linné entwickelt hat. Dieses dient Biologen zur Klassifizierung von Lebewesen und gibt Wissenschaftlern die Möglichkeit, sich ohne Missverständnisse auszutauschen.

Eine Gruppe um den Amerikaner Kevin de Queiroz, Kurator am National Museum of Natural History des Smithonian Institute in Washington, will Linnés System nun durch ein neues ersetzen. Vor kurzem trafen sich die Revolutionäre in Paris, um erste Regeln des neuen, „Phylocode" genannten Systems festzulegen. Damit treten sie in Konkurrenz zu den bestehenden Klassifizierungen. Kevin de Queiroz erklärt, warum er glaubt, dass es Zeit für einen Wechsel ist.

SZ: Carl von Linnés System hat sich fast 250 Jahre lang bewährt. Warum soll man es ablösen?

Queiroz: Weil es nicht stabil ist. Die wissenschaftlichen Namen ändern sich häufig, zum Beispiel weil eine Gruppe von Wissenschaftlern plötzlich glaubt, dass eine Organismengruppe eigentlich den Rang einer Familie statt einer Infraordnung habe. Damit ändern sich auch die Namen der unteren Hierarchieebene, das schafft Verwirrung. Im Phylocode würden sich die Namen nicht ändern, weil es Ränge wie Ordnung, Familie oder Gattung nicht mehr gibt. Eine Gruppe bekommt einen Namen und den behält sie. Die Gruppen werden nur über die Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren definiert, von dem sie sich durch ein in der Evolution neu entstandenes Merkmal unterscheiden, zum Beispiel die Gebärmutter der Plazentatiere, die der gemeinsame Vorfahr nicht hatte.

SZ: Aber heute versucht man doch auch, die Evolution in Stammbäumen nachzuzeichnen.

Queiroz: Ja, schon, aber das gesamte System ist nicht konsequent. Abstammung ist nur ein Ordnungspunkt, der andere ist immer noch die von Linné eingeführte Ähnlichkeit. Je ähnlicher sich zum Beispiel zwei Tiergruppen sind, desto näher verwandt müssten sie nach Linné sein. Das etwas ähnlich ist, kann aber auch ganz andere Gründe haben: zum Beispiel weil es dieselbe Funktion hat.

SZ: Spielt Ähnlichkeit in Ihrem System gar keine Rolle mehr?

Queiroz: Nein. Weil beides zusammen nicht geht. Das ist so, als ob man zwei Variablen gleichzeitig optimieren wollte, was dann aber dazu führt, dass keine von beiden optimiert ist. Aus Klassifizierungen, die beides vereinen wollen, kann man nur schwer folgern, wie nah die Verwandschaft zu anderen Lebewesen tatsächlich ist. Der Phylocode hingegen beruht nur auf Abstammung und ist damit eindeutiger.

SZ: Was passiert mit den wissenschaftlichen Artnamen?

Queiroz: Das ist noch nicht sicher. Wir kümmern uns zunächst um die höheren Ebenen. Manche Artnamen werden sich ändern, andere nicht. Es gibt viele Vorschläge hierzu, wobei zwei Grundideen in Frage kommen. In einem Fall besteht der Name auch in Zukunft aus zwei Teilen wie jetzt, allerdings würde der erste Teil dann nicht mehr die Gattung bezeichnen. Das Namenpaar wird schlicht definiert und bleibt unveränderlich. Oder es wird überhaupt nur ein Namensteil vergeben.

SZ: Was würde dann aus Homo sapiens?

Queiroz: Einfach nur Sapiens.

SZ: Und was passiert mit allgemein gehaltenen Namen wie beim Star, dem Sturnus vulgaris? Vulgaris-Formen gibt es in vielen Gruppen.

Queiroz: Das ist der Nachteil dieses Ansatzes, hier müsste man ganz neue Namen finden.

SZ: Sie präsentieren den Phylocode in Konkurrenz zu den weiter bestehenden zoologischen, botanischen und bakteriologischen Codes. Schafft das nicht Verwirrung?

Queiroz: Jede Übergangsphase ist schwierig, aber wenn wir solche Probleme nicht lösen können, wird es keinen Fortschritt geben. Neue Ideen brauchen ihre Zeit, werden zunächst oft bekämpft. Wenn wir davon unsere Entscheidung abhängig machen, etwas zu tun oder zu lassen, gibt es keine Wissenschaft mehr.

SZ: Sie stoßen bisher auf harten Widerstand in den etablierten Kreisen. Glauben Sie, der Phylocode hat eine Chance?

Queiroz: Das wird die Zeit zeigen. Eine gute Idee braucht fast immer zwei bis drei akademische Generationen, bis sie allgemein anerkannt ist. Und ich glaube, dass es eine gute Idee ist.

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S.10, 21. Juli 2004

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