Flotte Feste in der Höhle des Pan
Ein Grieche namens Archedemos scheute keine Mühen, um dem Hirtengott Pan vor 2500 Jahren eine Höhle auszubauen. Deutsche Archäologen untersuchten die Höhle, die noch heute für einen Pan-Kult genutzt wird.
National Geographic,
Geographica, S.10/11, Dezember 2004
NG1204 - Wer war dieser Mann? Archedemos von
Thera. Sein beinahe lebensgroßes Halbrelief und sein Name
finden sich am Ende einer in Stein gehauenen Treppe einer
Grotte, in der vor 2500 Jahren dem griechischen Hirtengott
Pan, den Nymphen und anderen Göttern geopfert wurde.
Nördlich der kleinen Siedlung Vari, rund 50 Kilometer vor
den Toren Athens liegt ihr Eingang im Hang der karstig,
trockenen Landschaft Attikas.
Die Archäologen Günther Schörner von der Universität Jena
und Hans Rupprecht Goette vom Deutschen Archäologischen
Dienst in Berlin haben die Tropfsteinhöhle jetzt erstmals
wissenschaftlich genau dokumentiert. Dank ihrer peniblen
Arbeitsweise konnten sie zum ersten Mal das kultische
Treiben in der Höhle rekonstruieren. Doch was Archedemos
für ein Mensch war, blieb auch ihnen verborgen.
Eine altgriechische Inschrift an einer der Kalksteinwände
verrät zumindest: „Archedemos, der Theraier, der von den
Nymphen Hingerissene, hat auf Geheiß der Nymphen die Grotte
ausgearbeitet." Archedemos muss irgendwann im fünften
Jahrhundert vor Christus ein zutiefst beeindruckendes
Erlebnis gehabt haben, das ihn veranlasste, diese
Tropfsteinhöhle für die „Spenderinnen der Fruchtbarkeit"
und Pan, das Mischwesen aus Ziege und Mensch,
auszuarbeiten. Über Jahre hinweg hat der „Hingerissene" -
und vielleicht einige Mitarbeiter - Treppenstufen, Nischen
und Altäre in das Gestein gemeißelt.
Dass er der „Ausstatter" der heiligen Stätte war, belegt
auch das wenig kunstvolle Relief, das wahrscheinlich ein
Selbstbildnis ist. In einer Hand hält er einen Hammer, in
der anderen einen Meißel oder ein Winkeleisen. Sein Name
steht gleich zweimal auf Höhe des Kopfes. „Dass der Name
des Erbauers genant wird ist nicht ungewöhnlich, dass er
allerdings in einem Relief verewigt ist, schon", erklärt
Hans Rupprecht Goette. In den anderen sieben Pan-Höhlen um
Athen herum ist ähnliches nicht zu finden.
Eine gemeißelte Anweisung im Eingangsbereich fordert den
Besucher, der ein Tieropfer bringen will, auf, sich
reinlich zu verhalten: „Die Eingeweide spült draußen aus
und wascht den Mist." Archedemos führte den Besucher dann
durch die Art wie er den Weg anlegte zunächst in den
kleineren, dunkleren Raum, der zudem steil abfiel. Der
Gläubige musste sich konzentrieren, es war wie eine
Initiation in den Ritus.
„Nachdem Abstieg in die Finsternis, folgte der Aufstieg in
das Licht", beschreibt Günther Schörnen die geschickte
Wegführung Archedemos. Weil der Hauptraum eine Verbindung
zum Eingangsbereich hat, scheint er hell erleuchtet, wenn
man sich vorher durch den dunklen Vorraum tastete. In der
etwa fünf Meter hohen Halle findet sich das Relief des
Bauherrn, daneben ein Altar, zahlreiche Nischen und
Ablagemöglichkeiten umgeben von Tropfsteinen, die aus Boden
und Decke wachsen. „Die Griechen hinterlegten hier
Weihgeschenke, für den Gott, der ihnen helfen sollte, ganz
nach dem Motto: Geb ich Dir, gibst Du mir," erklärt Hans
Rupprecht Goette das sakrale Tauschgeschäft.
Die kultischen Feiern zu Ehren des Pan, des Apollon und der
Nymphen rekonstruierten die Archäologen anhand antiker
Texte, Bilder und Reliefs. Das Treiben war alles andere als
still und bedächtig: „Zu Ehren der Götter wurde getanzt und
gefeiert", sagt Günther Schörner. Laute Musik und
rhythmisches Klatschen hallten durch die Räume der Höhle.
Für die Feiern war sogar eigens ein planierter Tanzplatz
angelegt worden.
Als die Christen hunderte von Jahren später die Höhle
entdeckten, fügten sie Kreuzzeichen hinzu, zerschlugen
manch heidnisches Relief und warfen diese in die Tiefe der
Grotte - was viele Fundbruchstücke für die modernen
Archäologen rettete. Heute ist sie sein abgesperrtes
archäologisches Denkmal. Doch immer wieder ist das Gitter
aufgebrochen und es finden sich verkohlte Reste von
Pflanzen und Früchten. „Das sind Menschen, die einer
Naturreligion nachgehen", sagt Hans Rupprecht Goette. Die
Höhle, die Archedemos vor zweieinhalb Jahrtausenden
einrichtete, wird auch heute noch genutzt - wenn auch
unerlaubt.
National Geographic,
Geographica, S.10/11, Dezember 2004
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