Original? Welches Original?


Für die Urheberschaft eines Textes zu klagen, wäre einem Autor im Mittelalter nicht in den Sinn gekommen. Texte wurden laufend kopiert und verändert.

National Geographic, Geographica, S. 10, April 2004


NG0404 - Eine Diskussion über die Rechte an einem Text wie sie es in den Zeiten des "copy und paste" im Internet immer häufiger gibt, hätten Autoren im Mittelalter wohl kaum verstanden. Texte dieser Zeit waren offen und in Bewegung.

"Die Vorstellung eines Originals im Sinne eines autorisierten Urtextes, der möglichst unverändert bewahrt werden musste, gab es so nicht", sagt Franz Arlinghaus von der Universität Kassel.

Während des 11. und 12. Jahrhunderts fand eine erste Medienrevolution in Europa statt. Die Verwendung von Schrift nahm ständig zu, unterschiedliche Textgattungen entstanden. Notariatsurkunden, Schulbücher oder Einblattdrucke bekamen neue, wichtige Aufgaben in der alltäglichen Kommunikation.

Die Texte wurden durch Abschreiben vervielfältigt und verbreitet, und dabei auch verändert, neuen Anforderungen und Gegebenheiten angepasst.

Was heute auf Unverständnis stößt, war damals selbstverständlich. "Bei allem Stolz auf sein Werk, etwa eine Papstchronik, dem Autor wäre kaum die Idee gekommen, dass man dem Text den Status einer Manifestation seines Willens zuweisen sollte, und er deshalb nicht verändert werden darf", sagt Arlinghaus.

National Geographic, Geographica, S. 10, April 2004

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Die Texte 2004