Schlechtes Essen, kleine Menschen
Groß und stark wird, wer gut isst. Wissenschaftler ziehen aus der Binsenweisheit teils überraschende Schlüsse auf die Lebensverhältnisse in Staaten. Nicht nur Nord- und Südkoreaner sind unterschiedlich groß, auch zwischen Ost- und Westdeutschen klafft eine Lücke.
Spiegel Online,
Wissenschaft, 13. Dezember 2004
SPO131204 - Nur wenig ist darüber bekannt, unter
welchen Bedingungen die Menschen in der Diktatur Nordkoreas
leben. Selten gelangen Bilder oder Berichte aus einem der
letzten kommunistischen Staaten der Welt. Verlässliche
Daten über die Lebensbedingungen in dem international
isolierten Land gibt es nur wenige. Jetzt vermittelt
allerdings eine Untersuchung einer südkoreanischen
Wissenschaftlerin eine Ahnung davon, welche Spuren die
schlechte Versorgung bei den Menschen im kommunistischen
Bruderland in den letzten Jahrzehnten hinterlassen hat. Für
ihre Schlussfolgerung braucht die Forscherin nur einen
Parameter: die Körpergröße.
Anthropometriker wissen seit einigen Jahren, dass die Größe
eines Menschen verlässlich die Bedingungen widerspiegelt,
unter denen er aufwuchs. Parallel zu steigendem Wohlstand,
besserer medizinischer Versorgung und Ernährungslage stieg
im 20. Jahrhundert die durchschnittliche Körpergröße in den
aufblühenden Nationen um einen Zentimeter pro Dekade.
Veränderungen der Lebensbedingungen manifestieren sich
innerhalb weniger Jahre in der Durchschnittsgröße.
Japaner schossen in die Höhe
Japaner etwa haben unter den aufstrebenden Staaten nach
Ende des Zweiten Weltkrieges den größten Sprung gemacht: In
den fünfziger Jahren erreichte der junge
Durchschnittsjapaner 1,60 Meter. Heute, nach Jahrzehnten
von Demokratie, wirtschaftlichem Aufschwung und guter
medizinischer Versorgung, sind es 1,72 Meter.
Sunyoung Pak von der Seoul National University sammelte
Daten von mehr als 2600 Nordkoreanern vom Kleinkind bis zum
Greis. Allerdings gewährte Kim Jong Ils Regime der
Forscherin nicht etwa Zugang, um die Bevölkerung zu
vermessen. Pak nahm die Körpergröße der Menschen, die aus
Nordkorea in den demokratischen Süden geflohen waren und an
den Einbürgerungsstellen medizinisch untersucht wurden. Die
Analyse offenbarte einen frappanten Größenunterschied
zwischen Nord und Süd.
"Anders als in den meisten Regionen der Welt sind die
Nordkoreaner nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch nicht
mehr größer geworden", so Pak. Ein 20-jähriger ist heute
mit knapp 1,59 Meter noch so klein wie vor 60 Jahren, als
das Land am 38. Breitengrad in einen kommunistischen und
einen demokratischen Staat geteilt wurde. 20jährige
Südkoreaner sind sechs Zentimeter größer als Gleichaltrige
aus dem Norden. "Dieser Unterschied zeigt, dass die
Nordkoreaner in den letzten 50 Jahren unter deutlich
schlechteren sozioökonomischen Bedingungen lebten als die
Südkoreaner", schreibt Pak in der Fachzeitschrift
"Economics and Human Biology". Weltweit gebe es nur wenige
Länder, die in dieser Periode Vergleichbares erfahren
hätten. Nordkoreaner scheinen unter chronischer
Nahrungsknappheit zu leiden, vermitteln Paks Daten.
Unterschiede zwischen DDR und BRD
"Erschreckend ist, wie extrem groß der Unterschied zwischen
beiden Nationen ist", sagt John Komlos, Anthropometriker an
der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und Redakteur
von "Economics and Human Biology". Wirklich überrascht über
einen Unterschied ist er indes nicht. Komlos hatte mit
seinem Kollegen Peter Kriwy eine ganz ähnliche Untersuchung
mit einer Nation unternommen, die durch eine Teilung
unfreiwillig zu einem Versuchslabor des Kalten Krieges
geworden war: Deutschland.
"Auch hier fanden wir Unterschiede, wenn auch nicht so
deutliche", erklärt Komlos. Ostdeutsche, die nach dem Krieg
geboren wurden, fallen im Schnitt etwas kleiner aus als
Westdeutsche. DDR-Männer, die etwa in den sechziger Jahren
das Licht der Welt nach dem Mauerbau erblickten, sind
eineinhalb Zentimeter kleiner als ihre BRD-Altersgenossen.
Die deutsch-deutschen Daten offenbarten aber auch eine
überraschende Gemeinsamkeit, welche die Propaganda im
Arbeiter-und-Bauern-Staat nur schwer verleugnen könnte: Im
real existierenden Sozialismus lebten Menschen genauso in
unterschiedlichen sozialen Schichten - mehr oder weniger
gut versorgt - wie in der Bonner Republik. Der
Größenvergleich ergibt dieselben Klassenunterschiede wie im
Westen: Ober-, Mittel, und Unterschicht. Je besser die
Menschen lebten, desto größer wurden sie. Komlos und Kriwy:
"Westdeutsche Männer der Oberschicht sind vier Zentimeter
und ostdeutsche Frauen der Oberschicht etwa 3,4 Zentimeter
größer als Angehörige der jeweiligen Unterschicht."
Inzwischen nähern sich zumindest die Männer wieder an. Der
Ost-West-Unterschied ist fast verschwunden. "Bei den
ostdeutschen Frauen hat der Mauerfall allerdings keinen
Wachstumsschub bewirkt", so die beiden Forscher. Über die
Ursache können sie nur spekulieren. Möglicherweise liege es
daran, dass Mädchen in Ost und West das gleiche
Schönheitsideal anstrebten. "Sie kontrollieren ihre
Ernährung stärker als Jungs und neigen eher zu fleischloser
Ernährung."
Als Beleg für Ungerechtigkeiten und schlechte
Lebensbedingungen in kommunistischen Staaten taugen die
Daten über die geteilten Länder allerdings kaum. Denn die
Speerspitze des westlichen Kapitalismus kommt unter dem
Maßband der Menschenvermesser lange nicht so gut weg, wie
alte Kalte Krieger es gerne hätten: Die Menschen in den USA
waren vor rund 200 Jahren im Schnitt noch deutlich größer
als etwa Niederländer und Briten. Heute sind die Amerikaner
die Kleineren.
Spiegel Online,
Wissenschaft, 13. Dezember 2004
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