Herbstlaub mit Sonnenschutz
Wie Bäume jeden Herbst ihre Blätter färben, wissen Wissenschaftler schon lange. Warum sie das tun, verstehen sie noch nicht wirklich. Ist es mehr als nur ein Abfallprodukt?
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S.9 , 23. September 2004
SZ230904 - Kaum jemand freut sich mehr auf die
nass-kalte Jahreszeit als Sam Brown und Marco Archetti.
Vielleicht finden die beiden Wissenschaftler aus England
und der Schweiz in diesem Jahrendlich die Antwort auf eine
gern gestellte Frage: „Warum färben sich im Herbst die
Blätter?"
Lediglich wie sich Ahorn, Buchen, Eichen und andere Bäume
rot und gelb färben, kann man in jedem Schulbuch nachlesen.
Auch dass Bäume und Sträucher ihre Blätter abwerfen, weil
die Pflanze im Winter sonst vertrocknen würde, ist bekannt.
Doch bevor sie ihr Laubhergeben, stellen die Bäume zunächst
die Produktion des Chlorophylls ein. Den grünen Farbstoff
benötigen sie für die Energiegewinnung durch Photosynthese.
Die knalligen Farben entstehen dann auf zwei Wegen. Ist das
grüne Chlorophyll verschwunden, werden Farbstoffe sichtbar,
die es sonst überdeckt: gelbe und orangene Carotinoide und
Xanthophylle. Eine dritte Pigmentgruppe entsteht imHerbst
neu: Anthocyane. Sie hüllen absterbende Blätter in sattes
Rot. Während die Blätter absterben, entzieht der Baum ihnen
Nährstoffe,um sie den Winter über einzulagern.
Lange Zeit betrachteten Pflanzenphysiologen das Farbenspiel
als eine „biochemische Extravaganz der Pflanzen - nichts,
was einen Nutzen hat. Bis vor rund vier Jahren. Damals
hatte der Evolutionsbiologe William Hamilton von der
Universität Oxford kurz vor seinem Tod ein Manuskript mit
seinem Mitarbeiter Sam Brown verfasst,das dieser 2001 im
Fachblatt Proceedings of the Royal Society B
veröffentlichte. Die Idee: Die Farben sind ein Signal an
Pflanzenschädlinge wie Blattläuse. Farben zu produzieren
koste schließlich Energie und müsse daher einen Zweck
haben, so die Idee. Je kräftiger Rot, Orange und Gelb
leuchten, desto besser sei die Parasitenabwehr.
Das hätte sogar Vorteile für die Blattläuse, glauben
Hamilton und Brown und ihr Kollege Marco Archetti von der
schweizerischen Université de Fribourg: „Blattläuse sollten
keine Eier auf besonders farbenprächtige Bäume ablegen,
weil ihre Nachkommen im Frühjahr wenig Freude mit diesem
abwehrbereiten Baum hätten." Da der Farbenzauber die
Pflanze etwas kostet, sollte er um so kräftiger ausfallen,
je gesünder die Pflanze ist.
Hamilton und Brown fanden erste Hinweise für ihre These in
der Literatur: Baumarten wie der Ahorn, die viele
Blattlausarten zu bekämpfen haben, bestechen durch
intensiveres Farbenspiel als weniger bedrohte Arten. Zudem
fand Archetti Hinweise, dass Blattläuse tatsächlich
strahlende Farben meiden. Und eine Studie, die ein Team um
Snorre Hagen von der Universität Oslo veröffentlichte,
stützt dieThese indirekt(1). „Moorbirken leuchten um so
kräftiger, je gesünder sie sind", fand er. Zumindest ein
Hinweis, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen
Gesundheit und Farbenpracht. Mehr aber auch nicht. Das
Fazit von Brown und Archetti im vergangenen Frühsommer(2):
„Viel Kritik und vieles, was es noch zu untersuchen gibt."
Auf mehr Gegenliebe stieß eine Idee, die zumindest die rote
Farbe erklären könnte. Sie wurde 1916 von der Biochemikerin
Muriel Wheldale Onslow vorgeschlagen: Die sattroten
Anthocyane werden jeden Herbst hergestellt, damit sie einen
Sonnenschutz bilden. Zwei US-Teams um William Hoch von der
University of Wisconsin-Madison und um Taylor Feild von der
University of Toronto überprüften jüngst die alte Idee.
Obwohl Pflanzen Licht brauchen, ist zu viel schädlich,da es
das Photosynthese-System überfordert, sobald Chlorophyll
abgebaut wird. Kälte und Trockenheit beeinträchtigen das
Blatt im Herbst dann so stark, dass die Leistung nicht
ausreicht, um genug Nährstoffe aus den Blättern in den Baum
zu übertragen. Mit Folgen im Frühling, wie Studien an
Früchte tragenden Pflanzen wie Apfelbäumen zeigen: Der
Ertrag ist geringer. „Dazu passt, dass Blätter, die im
Schatten liegen, nur blass rot oder gelb werden", so Hoch.
Sie benötigen den Schutz nicht. Das Bild komplettiert
Feilds Arbeit. Seine Gruppe hatte an einer Pflanzenart
herausgefunden, dass weniger Licht Chloroplasten erreicht,
wenn Anthocyane eine Schutzschicht bilden. Starkes Licht
schädigte gelbe Blätter. Rote Blätter dagegen produzierten
weiter Energie.
„Wir sagen aber nicht, dass das für alle Arten gilt. Vor
allem müssen wir klären, wie sich Pflanzen schützen, die
keine Anthocyane produzieren." Brown und Archetti haben
weitere Fragen: „Warum gibt es Arten, bei denen Blätter
nicht bunt werden? Warum gibt es so gewaltige Unterschiede
in der Färbung von Baum zu Baum innerhalb einer Art?". Die
Sonnenschutz-These kann aber zumindest das berühmteste
Farbenspiel erklären,das Millionen in die Wälder Neu
Englands lockt: den Indian Summer. Das Gebiet scheint im
Herbst zu explodieren. Dank des Klimas folgen dort oft auf
klare, kalte Nächte wolkenlose Sonnentage, die das
Blättermeer mit Licht überfluten. Das treibt die
Anthocyan-Produktion nach oben.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 9 , 23. September 2004
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