Leon oder Lena?
Die Psyche und der Gesundheitszustand scheinen das Geschlecht eines Kindes zu beeinflussen - wenn Mütter sich stark und sicher fühlen, steigt die Chance für einen Jungen.
SZ Wissen, S. 74, Dezember
2004
SZW1204 - Bernd und Susanne sind ein Paar wie es
noch immer viele gibt in Deutschland, Paare, die ein Kind
haben und die gerne noch mehr Kinder hätten. Marie ist ein
kleines Mädchen mit blonden Locken, still und zart und so
süß, wie man es sich nur vorstellen kann. Bernd und Susanne
heißen in Wirklichkeit anders, aber sie möchten nicht, dass
man ihre richtigen Namen in der Presse liest, wenn man ihre
Geschichte erfährt. Diese Geschichte kann helfen, besser zu
verstehen, was moderne, ganz normale Eltern erleben können,
wenn sie sich ein Kind wünschen, das ein bestimmtes
Geschlecht haben soll. Junge oder Mädchen?
Bernd und Susanne haben längst ihre Wahl getroffen, sie
möchten noch ein Mädchen bekommen. Also haben sie sich
ausgerechnet, dass sie drei Tage vor dem Eisprung
miteinander schlafen müssten, auf jeden Fall nicht am Tag
des Eisprungs, dann wären die männlichen Spermien schneller
an der Eizelle als die weiblichen und damit wäre der Traum
vom Mädchen geplatzt. Susanne ernährt sich nun auf
spezielle Weise, und die beiden haben sich Stellungen
empfehlen lassen, die beim Geschlechtsverkehr eher zu einem
Mädchen führen sollen als zu einem Jungen.
Tapfer haben die beiden wirklich nichts unversucht gelassen
für ihr groß anlegtes FamilienProjekt "Das zweite Mädchen".
Susanne hat schließlich einen properen Jungen auf die Welt
gebracht. Weil man die Natur doch nicht wirklich
kontrollieren kann, jedenfalls noch nicht. Die beiden haben
sich dann auch sehr über ihren kleinen Jungen gefreut und
bald schon haben sie sich gefragt, wie sie überhaupt jemals
auf die komische Idee kommen konnten, unbedingt ein Mädchen
haben zu wollen.
Interessant aber ist vor allem die Frage, warum es ihnen
nicht gelungen ist, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Neue Untersuchungen belegen die schon häufig angestellte
Vermutung, dass Frauen Söhne bekommen, wenn sie stark sind
und gesund, wenn sie sich sicher fühlen und eine lange
Lebenserwartung haben. Als das erste Kind gezeugt wurde,
studierten Bernd und Susanne in verschiedenen Städten. Es
stand also noch nicht fest, wie verlässlich Bernd das Geld
nach Hause tragen würde, und er lebte auch noch nicht mit
Susanne zusammen.
Als das zweite Kind gezeugt wurde, waren sie bereits eine
Familie, und Bernd verdiente gut als Psychologe, noch dazu
konnte er sich seine Arbeitszeit frei einteilen und zu
Hause sein, wenn irgendetwas anstand. Man könnte also
annehmen, dass sich Susanne beim zweiten Kind so sicher und
stark fühlt, dass ihre Bemühungen, eine Tochter zu
bekommen, scheitern müssen. Dass also die Evolution das
zweite Mädchen verhindert hat.
Die Chancen für Tochter oder Sohn mögen statistisch gesehen
annähernd eins zu eins stehen. Trotzdem entdecken Forscher
innerhalb einzelner Personengruppen oder zu bestimmten
Zeiten immer wieder, dass ein Geschlecht häufiger geboren
wird. Allerdings ohne die teils widersprüchlichen Befunde
immer stichhaltig erklären zu können. So bekamen Mütter
ausgerechnet in der strapaziösen Zeit der Weltkriege
häufiger Söhne als in anderen Zeiten. Nach dem
Zusammenbruch der DDR registrierten Demographen, dass
ostdeutsche Frauen 1991 weniger Söhne zur Welt brachten.
Und im Jahr 2003 berichtete die Anthropologin Ruth Mace vom
University College London, dass in Dörfern Äthiopiens in
schlechten Zeiten weniger Söhne auf die Welt kamen. Gab es
aber einen Sohn, war die Mutter oft kräftiger und gesünder
als die Mutter einer Tochter.
Nun hat Sarah Johns von der University of Kent einen Beleg
für die Theorie geliefert, dass Konstitution und
Lebensumstände der Mutter zwischen Junge und Mädchen
entscheiden. Johns untersuchte die Geschlechterverteilung
im gut situierten Gloucester-shire im Südwesten Englands.
Dabei ging es der Anthropologin nicht so sehr darum, wie
gut es den Müttern gesundheitlich ging.
Per Fragebogen wollte sie von mehr als 1700 Frauen vor
allem wissen, wie lange sie glaubten, noch zu leben.
Psychologen nehmen nämlich an, dass Menschen aus ihrem
aktuellen Gesundheitszustand, ihren Lebensbedingungen, den
Krankheiten in der Familie und dem Todesalter von Eltern
und Großeltern ihre Lebenserwartung berechnen können.
"Diese Selbsteinschätzung sagt ziemlich viel über das
tatsächliche Todesalter aus, wie wir aus anderen Arbeiten
wissen", schreibt Johns.
Als die Forscherin die Umfrageergebnisse mit dem Geschlecht
der Erstgeburten in den vergangenen vier Jahren verglich,
zeigte sich: Frauen, die optimistisch über ihre
Lebenserwartung dachten, bekamen häufiger einen Sohn.
Johns' Erklärung: "Wenn Frauen glauben, nicht so lange zu
leben, werden sie keine biologisch kostspieligen Söhne
gebären, um nicht den Fortbestand ihrer
Verwandtschaftslinie zu gefährden." Aber was bedeutet
"kostspielig"?
Im Tierreich erfordern männliche Nachkommen während der
Schwangerschaft mehr Energie: Sie sind meist größer und
massiger als weiblicher Nachwuchs. Lohn des Aufwands, auch
beim Menschen: Söhne können mehr Kinder zeugen als Töchter,
denen durch lange Schwangerschaften natürliche Grenzen beim
Nachwuchs gesetzt sind. Männchen können sich dagegen fast
beliebig oft fortpflanzen. Und Eltern möchten möglichst
viele Enkel haben.
Viele Enkel gibt es aber nur, wenn es sich bei den Söhnen
um wirkliche Prachtexemplare handelt, die im Buhlen um die
Weibchen ihre Konkurrenten reihenweise ausstechen. Und für
diese Qualitäten müssen die Mütter viel investiert haben.
Reichen die Ressourcen der Eltern nur für Schwächlinge,
sind auch bei Söhnen wenig Nachkommen zu erwarten. Töchter
bekommen aller evolutionsbiologischer Erfahrung nach "immer
einen ab", auch wenn sie nicht ganz so toll geraten sind.
Da sie außerdem im Allgemeinen leichter aufzuziehen sind,
setzen Mütter unter schlechten Bedingungen eher auf
Töchter.
Ein weiterer interessanter Faktor ist der Beruf des Vaters:
David Gamble etwa, Geologe aus dem australischen North
Balwyn, hat drei Töchter. Seine männlichen Kollegen in der
Geologie haben auch überwiegend Töchter. "Ist das Zufall
oder besteht da ein Zusammenhang?", schrieb er an das
englische Magazin New Scientist.
Dort konnte man ihm nur teilweise helfen: Für Geologen
fanden sich keine Zahlen, "aber in folgenden Berufsgruppen
kennen wir ein ähnliches Bild: Taucher, Testpiloten,
Astronauten, Anästhesisten und Radiologen sind eher Väter
von Töchtern als von Söhnen". 58 australische Taucher
hatten in einer Untersuchung beispielsweise 85 Mädchen und
nur 45 Jungen. Wenn die Männer oft nicht zu Hause sind, wie
es bei Geologen, Tauchern, Testpiloten und Astronauten der
Fall ist, bekommen die Frauen eher Töchter: Könnte es also
sein, dass das häufige Alleinsein sie - unbewusst - zu sehr
verunsichert, um in anstrengende Söhne zu investieren?
Die US-Ärztin Karen Norberg untersuchte bei 86000 Geburten
in den USA zwischen 1958 und 1998 die Häufigkeit von
Töchtern und Söhnen allein erziehender beziehungsweise in
einer Partnerschaft lebender Mütter. Bei Paaren waren 51,5
Prozent der Babys Jungen, bei allein lebenden Frauen nur
49,9 Prozent. Besonders trat der Effekt zutage, wenn
Geschwister zu unterschiedlichen Bedingungen das Licht der
Welt erblickt hatten: Führte die Mutter eine Beziehung, war
die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Sohn bekam, 14
Prozent höher, als wenn sie allein lebte.
Diese Überlegung zieht zwangsläufig eine andere, mindestens
ebenso wichtige Frage nach sich. Sven Krackow von der
Universität Zürich ist ihr nachgegangen. Sie lautet: Wie
kann eine Mutter überhaupt das Geschlechtsverhältnis
beeinflussen? Die Forscher können bisher nur spekulieren,
wie die Auswahl zwischen männlichem und weiblichem
Nachwuchs funktioniert. So könnte die Tatsache, dass
Spermien mit "männlichem" Y-Chromosom leichter und
schneller sind, das Geschlechtsverhältnis beeinflussen.
Auch der Hormonlevel während der Befruchtung könnte eine
Rolle spielen. Zwar fanden Forscher eine ganze Liste von
Faktoren, die beim Menschen zu einem veränderten
Geschlechtsverhältnis führten: Körpergewicht und Dominanz
der Mutter, Zeitpunkt und Häufigkeit des
Geschlechtsverkehrs, Jahreszeit, chemische Umweltbelastung,
geographische Breite, Beruf des Vaters. Doch wie diese
möglichen Faktoren schließlich das Geschlecht des
Nachwuchses bestimmen können, weiß niemand genau.
Elissa Cameron aber glaubt, trotz aller Ungereimtheiten,
auf die die Forscher bislang gestoßen sind, für Säugetiere
einen Mechanismus für die Geschlechterwahl gefunden zu
haben, wie sie in der Fachzeitschrift Proceedings of The
Royal Society schreibt: "Studien haben gezeigt, dass
Glukose männliche Föten beim Wachstum unterstützt und
weibliche stört." Damit könnte der weibliche Körper in der
Zeit um die Einnistung des Zellhaufens in die
Geschlechter-Wahl eingreifen. So wäre eine Verbindung zur
Konstitution der Mutter hergestellt: In schlechten Zeiten,
bei schlechter Ernährungslage, wäre der Zuckerspiegel
niedrig, in guten Zeiten hoch - mit entsprechenden Folgen
für das Geschlecht.
Ein interessanter Hinweis, finden auch die Skeptiker unter
den Forschern. Paaren wie Bernd und Susanne hilft das
letztlich wenig: Mit schlechter Ernährungslage ist kein
willkürlicher Verzicht auf Zucker gemeint - sondern
richtiger Hunger.
SZ Wissen, S. 74, Dezember
2004
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