Abgespeckt
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zieht sich nach einem Artikel der Süddeutschen Zeitung über verdeckte Werbemethoden eines Aachener Vereins zur Ernährungsberatung aus dessen Kuratorium zurück.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 9, 21. Mai 2004
Von Klaus Koch und Marcus
Anhäuser
SZ210504 - Bundesgesundheitsministerin Ulla
Schmidt ist aus dem Kuratorium für "Gesellschaft für
Ernährungsmedizin und Diätetik e. V." ausgetreten. Auch
fünf Bundestagsmitglieder, zwei Vorstandsmitglieder von
Krankenkassen und ein Ärztefunktionär haben das Gremium
verlassen. Vorausgegangen war ein Bericht der Süddeutschen
Zeitung, wonach der Verein unter anderem verdeckt für
Nahrungsergäzungsmittel wirbt (SZ, 29.4.).
Auf den ersten Blick klingen die Ziele der gemeinnützigen
"Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik", die
einst unter dem Kürzel "D.I.E.T" firmierte, ehrenhaft. Laut
Satzung will der 1999 gegründete Verein die Öffentlichkeit
auf wissenschaftlicher Basis in Ernährungsfragen beraten.
Mehr als 20 Prominente haben durch Aufnahme in das
Kuratorium zu erkennen gegeben, dass sie die Arbeit
unterstützen. Und deren Namen weiß der Geschäftsführer und
Sprecher Sven David Müller in erstaunliche Medienpräsenz
umzumünzen. Täglich versendet er Pressemitteilungen mit dem
Kürzel "diaita", dem griechischen Wort für Lebensweise, die
Agenturen und Frauenzeitschriften immer wieder aufgreifen.
Müller selbst ist regelmäßig als "Ernährungsexperte" im
Fernsehen zu sehen.
Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass der Verein
von Firmen der Ernährungsbranche mitgegründet wurde,
offenbar, um PR zu betreiben: Ohne die Produkte namentlich
zu nennen, weisen die Pressemitteilungen Müllers auf
bestimmte Nahrungsergänzungsmittel hin. Wer in der Apotheke
danach fragt, landet meist bei wenigen Herstellern, die
entweder Mitglieder im Verein sind oder zu seinen Spendern
gehören.
Diese Praktiken haben einige Kuratoriumsmitglieder
aufgeschreckt. "Der Verein hat die Kritik in den
entscheidenden Punkten nicht entkräftet", sagt ein Sprecher
des CDU-Abgeordneten Helge Braun. Für Ulla Schmidt gab es
freilich noch einen eigenen Grund zum Austritt: Die
Ministerin hatte Ende April die Schirmherrschaft über einen
Kongress des Vereins übernommen. Ausgerechnet diesen Termin
nutzte Müller, um deren Gesundheitspolitik als
"lebensgefährlich" anzuprangern. Diese könne für bis zu
500.000 Deutsche den Hungertod bedeuten. Hintergrund: Ärzte
und Krankenkassen wollen neue Richtlinien für Flüssig- und
Sondennahrung beschliessen. Das sind exakt jene Produkte,
die die Firma Pfrimmer-Nutricia verkauft, die als
Vizepräsident des Vereins fungiert.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 9, 21. Mai 2004
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