Werbung durch die Hintertür


Wie ein angeblich unabhängiger Verein zur Ernährungsberatung gezielt Reklame für einzelne Produkte macht.

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 11, 29. April 2004

Von Marcus Anhäuser und Klaus Koch

SZ290404 - Irgendwann hat wohl jeder schon etwas von ihr gehört oder gelesen. Vielleicht wurde der Name Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik nicht erwähnt, aber in Sachen Ernährung versorgt in Deutschland niemand die Öffentlichkeit so fleißig mit Ratschlägen wie der Verein aus Aachen. Täglich verschicken sechs Mitarbeiter ihr "11-Uhr-Nutrigramm" an fast 1800 Empfänger. Die Tipps zu wechselnden Themen aus dem Gebiet der Ernährung werden von Presse, Rundfunk und Fernsehen offenbar gern verwendet. 1,6 Milliarden Kontakte erreiche die Pressearbeit jährlich, rühmt sich der Verein - statistisch hört oder liest also jeder erwachsene Bundesbürger etwa alle zwei Wochen von der Gesellschaft.

Diese Präsenz in den Medien hat die Gesellschaft unter dem Geschäftsführer Sven-David Müler auch der Glaubwürdigkeit zu verdanken, die sie als gemeinnütziger Verein bei Verbrauchern besitzt. Schließlich ist die Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V. nach eigenem Bekunden frei von kommerziellen Interessen und laut Satzung der "evidence based dietetics" verpflichtet. Ratschläge werden demnach nur auf Basis der besten verfügbaren wissenschaftlichen Daten gegeben. Ein prominent besetztes Kuratorium unterstreicht die Seriosität. Ulla Schmidt, die Bundesministerin für Gesundheit, gehört zu diesem Beirat.

Doch nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung verfolgt der Verein noch andere Absichten. Wer seine Tipps genau analysiert, stößt auf Querverbindungen zu Firmen im Hintergrund. Dieser Ansicht ist auch die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf: "Wir halten die Informationen aus Aachen für sehr voreingenommen. Unserer Ansicht nach wird hier subtil Produktwerbung betrieben", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Angela Clausen, zuständig für Lebensmittel im Gesundheitsmarkt. Praktisch nie nennt der Verein konkrete Produkte in seinen Pressemitteilungen, die unter www.ernaehrungsmed.de abgerufen werden können. "Durch die genaue Beschreibung der Zubereitung und den Einkaufsort werden jedoch bestimmte Produkte einiger weniger Firmen beworben", sagt Clausen.

Diese Interpretation stützt sich auf eine Vielzahl von Indizien: Beispiel Zink: 49-mal in den vergangenen zwei Jahren informierte die Gesellschaft über das Spurenelement, insbesondere als Hinweis auf die Variante Zink-Histidin. Anfang Januar verspricht sie beispielsweise: "Zink-Histidin steigert die Abwehrkräfte", täglich sollten 15 Milligramm davon eingenommen werden. Formal bezieht sich die Pressemitteilung auf eine zu dem Zeitpunkt vier Monate alte Veröffentlichung zu einem anderen Zink-Präparat, dessen Ergebnisse kurzerhand auf Zink-Histidin übertragen werden. Wer aber in der Apotheke nach "Zink-Histidin" statt nach Zink fragt, kann nicht zwischen mehr als 15 Produkten wählen, sondern nur noch zwischen zweien - die pro Kapsel auch exakt 15 Milligramm enthalten. Das eine Präparat stammt von der Firma Dr. Falk Pharma, für die Müller 2003 eine 39-seitige Werbebroschüre geschrieben hat. Und das andere Präparat stammt ursprünglich von der Firma Redinomedica, die laut Müller Mitglied der Gesellschaft ist, es wird seit kurzem aber von Stada vertrieben, einem Spender des Vereins.

Beispiel L-Carnitin. "L-Carnitin macht Oma munter" titelt der Verein Mitte Februar in einer Pressemitteilung. Einen aktuellen Anlass gibt es nicht, die Pressemitteilung bezieht sich auf wissenschaftliche Arbeiten aus den Jahren 1986 bis 1991. Und knapp drei Wochen vorher hatte die Gesellschaft empfohlen "ausschließlich Produkte zu verwenden, die das L-Carnipure Logo zeigen". Dieses Logo ist ein exklusives Markenzeichen des Carnitin-Herstellers Lonza. Auch Lonza ist Mitglied im Verein.

Beispiel Fischöl-Kapseln. Während die Fachwelt Fischöle meist als "Omega-3-Fettsäuren" bezeichnet, verwenden die Aachener in mehr als 20 Pressemitteilungen den Begriff "Eicosane". Chemisch ist dieser Begriff zwar für benzin-ähnliche Stoffe vergeben. Aber der Hersteller Stada hat ein Fischöl-Produkt namens "Eicosan" auf dem Markt.

Beispiel MCT-Fette: Dieses "Superfett" sei ideal geeignet, "langfristig abzunehmen", schwärmt Müller seit Jahren. Seine Euphorie will kaum jemand teilen, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung widerspricht ihm Anfang des Jahres offen: "Zur dauerhaften Gewichtsabnahme sind MCT-Fette nicht geeignet." Für das Oberpfaffenhofener Unternehmen Basis GmbH indes, das eben diese Fette vertreibt, hat Müller gemeinsam mit Cornelia Bäumker, Ernährungsberaterin in Diensten der Firma, ein MCT-Kochbuch herausgebracht. Auch die Firma Basis ist nach Bäumkers Aussage Mitglied der Gesellschaft. Und wer grundsätzliche Fragen zum Thema "MCT" hat, den verweist die Basis-Webseite zu einer Beratungshotline. Dort melden sich dann die Ernährungsberater aus Aachen.

Diese Unterstützung sei "für uns als Firma sehr wichtig", sagt Bäumker, "es wäre sonst viel schwieriger zu kommunizieren". Damit spricht sie ein grundsätzliches Problem der Ernährungsbranche an, die Werbung für ihre Produkte machen will: Oft ist der Nutzen nur schlecht belegt. Wer da zu viel behauptet, handelt sich schnell eine Abmahnung durch die Konkurrenz oder Aufsichtsbehörden ein.

Hinzu kommt, dass für Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland prinzipiell nicht mit Gesundheitsversprechen geworben werden darf. Ein "neutraler" Verein ohne kommerzielle Interessen braucht auf solche Werbebeschränkungen hingegen keine Rücksicht zu nehmen.

Aufschlussreich ist angesichts solcher Beispiele ein Blick in die Geschichte der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V. Die Details verschweigt der Verein lieber, sie sind für einen Hilfe suchenden Verbraucher nicht zu durchschauen.

Dazu gehört die Liste der acht Gründungsmitglieder, die im Januar 2001 die damalige Version der Satzung des Vereins unterschrieben haben. Darunter waren vier Firmen mit einem handfesten Interesse an freundlicher PR: Novartis Consumer Health vertreibt unter anderem Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin- und Mineralpräparate, und die drei Firmen Pfrimmer-Nutricia, Servox AG und RenaCare Nephromed GmbH verkaufen unter anderem Sonden- und Flüssignahrung gegen Mangelernährung. Seit Gründung stellt die Struktur des Vereins sicher, dass Firmen bei wichtigen Entscheidungen mitreden: Vizepräsident ist laut Vereinsregister die Firma Pfrimmer-Nutricia in Person ihres Marketingchefs Steffen Dreher.

Einer der Gründungspartner der Aachener Gesellschaft, Alexander-Günther Hugot von der Firma Servox, beschreibt den Zweck der Gesellschaft so: "Der Verein ist mit der klaren Absicht gegründet worden, um von der Industrie Spenden einzutreiben", sagt er. Und als Gegenleistung gibt es dann PR-Arbeit? "Ja - so ist das eigentlich", sagt Hugot. Um welche Summen es dabei geht, zeigt das Protokoll einer Präsidiumssitzung vom 31.1.2002. Dort wird bemängelt, dass das Gründungsmitglied RenaCare Nephromed zwar 160.000 Mark zugesagt, aber erst 79.500 DM bezahlt habe.

Dass der Verein seine enge Verknüpfung mit Firmen verschweigt, ärgert die Verbraucherschützerin Angela Clausen besonders. Auch in der aktuellen Selbstdarstellungsbroschüre, die Müller vergangene Woche an Journalisten verteilte, wird die Zusammenarbeit mit der Industrie verschwiegen. "Von Transparenz kann keine Rede sein", sagt Clausen. Es sei zwar nicht anrüchig, wenn Firmen Vereine zur Wahrnehmung der eigenen Interessen gründen. Und es sei ebenso normal, wenn ein Verein versuche, Spenden einzusammeln. Doch in diesem Fall gebe es einen "Interessenskonflikt, den wir für höchst problematisch halten", sagt Clausen.

Solch ein Konflikt könnte mehr sein als Irreführung der Medien und Verbraucher. Für eingetragene Vereine wie die Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik gelten strenge Regeln. Sollte sich herausstellen, dass ein Verein als Tarnung für eine PR-Agentur missbraucht wird, könnte ihn das die Gemeinnützigkeit und die damit verbundenen Steuervorteile kosten.

Die Information, welche Firmen hinter dem Verein stehen, dürfte auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt interessieren, die in der vergangenen Woche die Schirmherrschaft über einen Kongress der Aachener Gesellschaft übernommen hatte. Dort hatte Sven-David Müller vor Journalisten den so genannten Gemeinsamen Bundesausschuss attackiert. Das Gremium soll demnächst über eine Richtlinie zur künstlichen Ernährung Schwerkranker entscheiden. In Pressetexten schürt Müller Panik: Die geplanten Regelungen bedrohten "das Leben von wahrscheinlich 500 000 kranken Menschen jährlich".

Auf Nachfrage räumt er ein, dass nur für einzelne Patientengruppen Änderungen geplant sind, wie viele es genau sind, kann er nicht sagen. Ebenfalls verschweigt er, dass die Firma Pfrimmer-Nutricia, Gründungsmitglied und Vizepräsident des Vereins, zu den betroffenen Firmen gehört, die um ihren Umsatz fürchten. Laut Müller hat das Unternehmen dem Verein allein im Jahr 2004 schon 30 000 Euro gespendet. Einen Zusammenhang zur Attacke gegen den Bundesausschuss bestreitet Müller allerdings: "Mein Anliegen ist es, Menschen zu helfen."

Süddeutsche Zeitung, Wissen, S. 11, 29. April 2004

zurück zu:
Die Texte 2004