Schafft Linné ab


Eine Gruppe von Forschern will das alte taxonomische System, das seit 250 Jahren auf Carl von Linné basiert, umkrempeln. Die etablierte Forschung warnt vor einem Chaos der Namen.

WDR 5, Leonardo, 20. September 2004


WDR5200904 - Anmoderation: Unruhe herrscht seit einiger Zeit in einem Zweig der Biologie, der gemeinhin als wenig aufregend bekannt ist. Taxonomen und Systematiker, die Ordnungshüter der Lebenswissenschaften, streiten darüber, wie sie die mehr als 1,7 Millionen Arten auf der Erde am besten einordnen und benennen sollen. Eine Gruppe von Forschern um den US-Amerikaner Kevin de Queiroz vom Smithonian Institut in Washington D.C. hat der etablierten Lehre den Kampf angesagt. Die Revoluzzer möchten das 250 Jahre alte Ordnungssystem von Linné durch ein neues ersetzen. Es werde Zeit, dass Darwins Ideen endlich auch in der Taxonomie Einzug halten.

Sprecher: Das heutige Ordnungssystem ist ein Durcheinander aus alten Regeln, neuen Entdeckungen und wissenschaftlicher Willkür, sagen der US-Amerikaner Kevin de Queiroz vom Smithonian Institut in Washington D.C und seine Mitstreiter. Es basiert in weiten Teilen auf Regeln, die der schwedische Botaniker Carl von Linné im 18. Jahrhundert entworfen hat.

Linné gab in seinem epochalen Werk Systema Naturae Tieren und Pflanzen lateinische Doppelnamen und sortierte sie in ein Stufenleitersystem aus Gattungen, Ordnungen und Klassen ein. Der Afrikanische Elefant Loxodonta africana etwa gehört in die Gattung Loxodonta der Ordnung Rüsseltiere, einer Untergruppe der Klasse der Säugetiere.

Was sich im Körperbau oder anderen Merkmalen ähnlich war, steckte Linné in eine Gruppe: Pflanzen mit der gleichen Anzahl Blütenblätter oder Tiere mit der gleichen Anzahl Zehen. Dies spiegelte für ihn die statische, die göttliche Ordnung am besten wider; von Evolution wusste er noch nichts.

Im 19. Jahrhundert entdeckte die Wissenschaft, dass die Natur ganz und gar nicht statisch ist. Natürliche Selektion lässt neue Arten aus alten entstehen, wie Darwin und Wallace herausgefunden hatten. Verwandtschaft begründete sich nicht durch Ähnlichkeit, sondern durch Abstammung, durch den nächsten gemeinsamen Vorfahren.

In Stammbäumen versuchten die Biologen den Lauf der Evolution nachzuzeichnen. Doch die alte hierarchische Ordnung blieb in großen Teilen erhalten. Das alte Kriterium Ähnlichkeit und das neue Kriterium Abstammung waren nun beide Faktoren, um Lebewesen zu klassifizieren. Kevin de Queiroz findet das inkonsequent:

de Queiroz 1: I think the problem with that is, its like trying to capture two different components in the same taxonomy. (..) that don't really (I guess) Its like trying to optimize two variables at the same time, but you end up with is neither of them being optimum. Its very difficult to infer anything from them, because you don´t know how much they have taken this variable or that variable, how much influence each of those have.

Übersetzung: Das Problem damit ist, dass man versucht, zwei verschiedene Komponenten in einem System zusammenzufassen. Das ist so als wollte man zwei Variablen optimieren und am Ende ist keine von beiden optimal wiedergegeben. Es ist sehr schwer, aus einem solchen System etwas abzuleiten, weil man nie weiß wie groß der Einfluss der einzelnen Variablen ist.

Gemeinsam mit Kollegen arbeitet de Queiroz schon seit den 80er Jahren an einem neuen Ordnungssystem, das auf Linné keine Rücksicht mehr nimmt: Der Phylocode. Arten werden nur noch so in Gruppen zusammengefasst, wie es die Analyse ihrer evolutionären Verwandtschaft, ihrer Phylogenie, hervorbringt. Ähnlichkeiten im Körperbau, wie bei Linné, spielen dabei keine Rolle mehr. Es gibt auch keine künstlichen Rangstufen wie Klassen, Familien oder Gattungen. Der Phylocode zeichnet nur noch Entwicklungslinien nach, so genannte Kladen. Eine Methode, die heute Standard ist, um Verwandtschaftsbeziehungen herauszuarbeiten.

Doch die Erneuerer gehen darüber hinaus: Sie drehen auch sämtliche wissenschaftliche Namen durch die Phylocode-Mühle, damit Darwins Ideen auch bis in die letzten Zweigspitzen des Stammbaums vordringen. Kritiker wie der Bonner Erforscher der Pflanzenvielfalt Thomas Borsch prophezeien ein Chaos der Namen, sollte sich der Phylocode gegen die etablierten Codes für Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen durchsetzen.

Borsch 1: Na gut, man kann sich eben vorstellen: 1,7 Millionen beschriebene Arten sind im Idealfall 1,7 Millionen stabile Namen in Datenbanken. Und man brauch auch einfach nur mal -stellen sie sich vor- die Rechtschreibreform um einige Dimensionen härter, dann sind wir in der Situation, das endet im totalen Chaos.

Doch so viel werde sich gar nicht ändern, weite Bereiche blieben wie sie sind, versuchen de Queiroz und seine Kollegen die Gegner zu beruhigen. Allerdings: Sie sind sich noch gar nicht so sicher, auf welche Weise sie Arten benennen wollen. Im Grunde sehen sie zwei Möglichkeiten.

de Queiroz 2: One would be to have a binomial type name, a two part name, but it would differ from the traditional one in that, you wouldnt get to change, like the first part one wouldnt be the name of the genus, So, the other alternative then is to have to just take from the current binomial the second name, the epithet, and use that as a species name.

Übersetzung: Eine Möglichkeit wäre wieder einen Doppelnamen zu vergeben, allerdings würde sich der erste Teil nicht mehr verändern. Die Alternative wäre ein Name, der nur aus einem Teil besteht, und zwar aus dem heutigen zweiten Teil, dem Artnamen.

In der Praxis wäre der Mensch dann nicht mehr der Homo sapiens, sondern nur noch Sapiens; aus dem Gänseblümchen Bellis perennis würde einfach nur Perennis. Die Phylocode-Gruppe hat mit viel Gegenwind in der etablierten Szene zu kämpfen. Ein gewachsenes System könne man nicht so einfach über den Haufen werfen.

Borsch 2: Der Phylocode will im Prinzip Phylogenie und Klassifikation vereinen. Und das, denk ich, ist falsch.

Borsch ist für eine strikte Trennung: In der Phylogenie werden Verwandtschaften in Stammbäumen detailliert aufgeschlüsselt. Für die Kommunikation unter Wissenschaftlern sei die alte Klassifikation aber bestens geeignet, eben weil sie vereinfacht. Das etablierte System werde immer stabiler, je mehr man Verwandtschaftsverhältnisse durch moderne Methoden wie DNS-Sequenzanalysen erforscht. Erst durch die Umstellung auf ein neues System entstehe die Unsicherheit, die man sich heute schlicht nicht erlauben könne.

Borsch 3: Das ist eben auch das große Problem: Wenn wir jetzt hier anfangen diesen Trend zur Stabilität plötzlich umzubrechen, versetzen wir eigentlich der Biodiversitätsforschung einen ganz großen Schlag, und das in einer Zeit in der Biodiversitätsforschung notwendiger ist denn je. Denken sie an Aussterbekrise, ökologische Probleme auch in den Entwicklungsländern, und ich denke, das ganze ist schlichtweg nicht machbar.

Noch betrachtet eine Mehrheit der Biologen den Phylocode wie Thomas Borsch, äußerst kritisch. Doch Kevin de Queiroz schreckt das nicht.

de Quieroz 3: Any transition period is difficult, (you know, thats been the case for all this other movements in the history of systematics too, that thereve been this difficult transition periods), but I think, if were not willing to live with those difficulties, than we basically say were not gonna ever make any progress ever again.

Übersetzung: Jede Übergangsphase ist mit Schwierigkeiten verbunden. Auch Carl von Linnés Ideen brauchten drei Generationen bis sie sich offiziell durchgesetzt hatten.Wenn wir nicht bereit sind, mit solchen Schwierigkeiten zu leben, dann heißt das im Grunde: Es wird keinen Fortschritt mehr geben.

WDR 5, Leonardo, 20. September 2004

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