Blutgruppen-Vorteil
Nicht nur Bakterien sind dafür verantwortlich, dass sich bei Menschen verschiedene Blutgruppen entwickelten. Mathematiker berechneten, dass Viren einen entscheidenden Beitrag leisteten.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 8, 20. April 2004
SZ200404 - Blut wird in vier Blutgruppen
eingeteilt, weil die roten Blutkörperchen unterschiedliche
Oberflächen haben. Vermutlich sind die vier Gruppen A, B,
AB und 0 im Laufe der Evolution entstanden, als ständig
neue Krankheitserreger den Menschen befielen. Bisher jedoch
wurden nur Bakterienattacken für das AB0-System
verantwortlich gemacht.
Jetzt zeigt Robert Seymour vom University College London,
dass dies für die Erklärung der Häufigkeit von Blutgruppen
nicht ausreicht. Er simulierte mit einem mathematischen
Modell die ständigen Angriffe der Bakterien auf das
Immunsystem. "Wir erhielten zwar verschiedene Blutgruppen,
aber nie die Verteilung, die für die Menschheit typisch
ist", so Seymour in den Proceedings of the Royal Society B.
Vor allem könne der hohe Anteil der Blutgruppe 0 von
mindestens 30 Prozent so nicht entstanden sein. Erst als
Seymour auch Viren ins evolutionäre Spiel brachte, stellte
sich das reale Gleichgewicht ein und blieb stabil.
Nach Ansicht des Mathematikers spielt eine besondere
Strategie der Viren die entscheidende Rolle: "Viren tarnen
sich, indem sie Zuckerstrukturen aus der Oberfläche von
Zellen ihrer Wirte übernehmen, was Bakterien nicht können."
Nur bei den Blutgruppen A, B und AB gibt es Zucker auf der
Oberfläche der Blutkörperchen. Deshalb hatten Menschen mit
Blutgruppe 0 einen Vorteil, wenn sie von gefährlichen Viren
befallen wurden, die zuvor in einem Wirt mit A, B oder AB
gelebt hatten. Das Immunsystem des Infizierten konnte die
ihm unbekannten Zuckermoleküle angreifen.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S. 8, 20. April 2004
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