Warten auf die Revolution
Die Biotechnologie sollte die Medikamenten-Herstellung revolutionieren. Schneller, billiger, sicherer war das Credo der Branche. Doch 25 Jahre nach ihrem Start ist davon wenig bei den Patienten angekommen. Die Biotechnik hat die Pharmabranche weniger verändert als oft behauptet.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S.11 , 21. Dezember 2004
SZ211204 - Wenn es nur in dem Tempo weitergegangen
wäre. 1976 gründeten der Biochemiker Herbert Boyer und der
Finanzier Robert Swanson das erste
Biotechnologie-Unternehmen der Welt: Genentech. Der Firma
war es gelungen durch ein biotechnologisches Verfahren mit
so genannter rekombinanter DNS menschliches Insulin mit
Bakterien in großem Maßstab herzustellen. Bis dahin wurden
Diabetiker mit Rinder- oder Schweineinsulin versorgt, was
immer wieder zu Problemen wie etwa Abstoßungsreaktionen
geführt hatte. Schon 1982 brachte die Pharmafirma Lilly das
erste Genentech-Insulin auf den Markt. Innerhalb von sechs
Jahren aus den Labors zum Verbraucher, das war
revolutionär.
Die Biotech-Revolution war geboren. Ganz neue, sichere und
billige Medikamente und Therapien versprach dieser junge
Industriezweig. Kleine, quirlige Biotech-Unternehmen
schossen wie Pilze aus dem Boden, um es Genentech gleich zu
tun und es den Pharmariesen zu zeigen. Werbeprospekte
versprachen Patienten in kurzer Zeit mit neuen, innovativen
Medikamenten zu versorgen, von denen man vorher nicht mal
geträumt hatte. Alzheimer, Krebs, Parkinson, Diabetes
würden endlich wirksam bekämpft werden können.
Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker zeichneten ein
neues Zeitalter der biotechnologischen
Medikamentenforschung, das die alte auf Chemie basierende
Technologie ersetzen sollte.
Mehr Geld für weniger Patente
Doch rund 25 Jahre später stellt sich Ernüchterung ein.
„Die medizinische Biotech-Revolution ist nur ein Mythos",
sagen Paul Nightingale und Paul Martin. In einem Artikel
der Fachzeitschrift Trends in Biotechnology (Bd.22, S. 564,
2004) rechnen die Briten von den Universitäten in
Nottingham und Brighton mit der Branche ab, die so viel
versprochen, aber so wenig erfüllt hat. Obwohl der Aufwand
für Forschung und Entwicklung enorm gestiegen sei, seien
die messbaren Erfolge eher enttäuschend.
Anders als die Hochglanzprospekte der Biotech-Unternehmen,
gründen sie ihre Behauptung auf Zahlen der amerikanischen
Zulassungsbehörde FDA oder des Staatenbundes OECD. Die
Biotech-Branche habe unbestritten einen Boom erlebt. Die
Investitionen in Forschung und Entwicklung seien
explodiert, genauso die Zahl der wissenschaftlichen
Veröffentlichungen und der Patente. Biotech-Befürworter
werten das als Beleg für die Schlagkraft der Branche. „Doch
die Produktivität ist gesunken", kontern Nightingale und
Martin: „Die Investitionen haben sich in den letzten zehn
Jahren verzehnfacht, das hat aber nur zu einer
Versiebenfachung der Zahl der Patente geführt."
Noch deutlicher sei der Misserfolg an der Anzahl der
zugelassenen Medikamente zu erkennen. „Bis Mitte der 90er
ist die Zahl der Zulassungen bei der amerikanischen Behörde
FDA deutlich gestiegen. Doch danach kam es zu einem
Einbruch, 2002 wurden nicht mehr Medikamente zugelassen als
zwei Jahrzehnte zuvor." Und wenn man sich die Menge der
echten Innovationen ansehe, löse sich die viel beschworene
Revolution ganz in Luft auf: „Trotz enormer Investitionen
sind es gerade mal 16 biopharmazeutische Arzneien, die
zwischen1986 und 2004 den Markt betraten und tatsächlich
mehr boten als nur „minimale Verbesserungen" gegenüber
bestehenden Anwendungen."
Der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA hat derweil die
Hoffnungen auf viele neue tolle Medikamente in kurzer Zeit
bereits begraben. In einer Stellungnahme des Amtes, die
Nightingale und Martin zitieren, heißt es: „Die Zweifel
mehren sich, dass aus den vielen neuen grundlegenden
Entdeckungen [in den biomedizinischen Wissenschaften] nicht
so schnell effektivere, preisgünstigere und sicherere
medizinische Produkte hervorgehen." Sie habe schon reagiert
so die Autoren und unterstütze verstärkt den Übergang und
die kritische Phase zur klinischen Anwendung neuer Produkte
anstatt grundlegender neuer Techniken.
Dass die angekündigte Revolution ausgefallen ist, bekommt
auch Rüdiger Marquard vom Informations-Sekretariat
Biotechnologie zu spüren, einer in Frankfurt am Main
ansässigen Public Relations Stelle der Branche: „Wir haben
ständig damit zu tun, das zu viel versprochen wurde." In
der Darstellung versuche man deshalb möglichst
zurückhaltend zu sein, und keine Luftschlösser aufzubauen,
beteuert er. Aber auch er sieht wichtige Veränderungen: „Es
hat schon eine Umstellung von der rein chemischen zur
biologischen Arzneimittelforschung gegeben."
In der Branche selbst ist der Widerstand gegen das harte
Urteil Paul Nightingale und Paul Martin gering. Reaktionen
auf ihren Artikel haben die Autoren praktisch keine
erhalten. Auch aus Deutschland hält sich die Gegenwehr in
Grenzen: Es habe durchaus eine Revolution stattgefunden und
sie sei auch immer noch im Gange, nur eben nicht so wie
gedacht, sagt etwa Siegfrid Throm, einer der
Geschäftsführer des Verbandes Forschender
Arzneimittelhersteller (VFA). Das zeige sich an anderen,
vor allem qualitativen Veränderungen: „Es wurden Therapien
etlicher Krankheiten revolutioniert, die vor der
Entwicklung gentechnischer Medikamente schlicht
unbehandelbar waren wie etwa Hepatitis C, Multiple Sklerose
oder genetische Krankheiten wie Morbus Gaucher oder Morbus
Fabry ." Grundsätzlich gibt er Nightingale und Martin aber
Recht: „Hinsichtlich ihrer Kriterien gab es in der Tat in
den letzten 20 Jahren trotz der stürmischen Entwicklung der
Biotechnologie keinen revolutionären Umbruch."
Wie bei der Dampfmaschine
Rolf Hömke, Sprecher des VFA gibt zu: „Es dauert schon
alles viel länger als gedacht." Beim Versuch, Krankheiten
mit einer Gentherapie zu behandeln sei die Industrie ganz
„baden gegangen". In der Wissenschaftler-Gemeinde hätte die
Euphorie sowieso nie geteilt. Da wisse man, dass Forschung
Zeit brauche. „Ernüchterung ist nur bei denen eingetreten,
die sich haben blenden lassen, aber das ist nicht die
Mehrheit der Leute", glaubt Hömke. Es sei auch klar, dass
neue Medikamente von der Idee bis zur Marktreife mindestens
15 Jahre bräuchten.
Geldgeber jedoch wollen einen „Return on Invest" - also die
Verzinsung ihres Kapitals - noch zu Lebzeiten einstreichen.
Nightingale und Martin machen ihnen da wenig Hoffnung. Es
gebe keine Anzeichen, das die Biotech-Entwicklung anders
verlaufen werde als bei technischen Errungenschaften wie
der Elektrizität oder der Dampfmaschine. „Es dauerte 60 bis
80 Jahre, bis sie die Produktivität entscheidend
beeinflussten. Die industrielle Revolution brauchte
insgesamt 150 Jahre, die wissenschaftliche 300 Jahre."
Dennoch sieht der VfA im Jahresbericht 2003 die kommenden
Erfolge am Horizont, bei denen auch Biotechnologie eine
entscheidende Rolle spielt. Bis zum Jahr 2007 „könnten
zwölf neue Mittel gegen Parkinson und die ersten Impfstoffe
gegen Genitalherpes, Gürtelrose, Rotaviren und
krebserregende Humanpapilloma-Viren auf den Markt kommen.
Sieben weitere Medikamente „zur Behandlung einer HIV
Infektion könnten bis dahin zum Abschluss gelangen", und
„bis Ende des Jahrzehnts könnte es die erste Gentherapie
geben". Die Betonung liege aber schon auf „könnte", sagt
Pressesprecher Hömke.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S.11 , 21. Dezember 2004
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