Frieden schaffen unter Affen
Erstmals entdecken Verhaltensbiologen, dass Tiere einen gesamten sozialen Stil von Artgenossen lernen. Eine Gruppe vermeintlich aggressiver Anubispaviane hatte es geschafft, eine friedlichere Lebensweise über zehn Jahre beizubehalten. Neuankömmlinge fügten sich dem sanften Lebensstil.
Süddeutsche Zeitung,
Wissen, S.11, 15. April 2004
SZ150404 - Sanftmut und Friedfertigkeit sind
Begriffe, die Richard Sapolsky eigentlich nicht mit
Pavianen in Verbindung bringt. In seinem Buch "Mein Leben
als Pavian" hat der Verhaltensforscher detailliert
beschrieben, wie anstrengend das Leben in einer Sippe der
Art Papio anubis ist. Vor allem die ranghohen Männchen
machen den anderen das Leben schwer: Da wird gemobbt,
gestritten, gejagt.
Sapolsky hat Nervenkriege beobachtet, die den Tieren
buchstäblich an die Nieren gingen, ihr Immunsystem
schwächten und den Blutspiegel des Stresshormons Cortisol
stetig hoch hielten. Doch durch ein Unglück lernte der
bekannte Primatologe, dass der von Natur aus kriegerische
Anubispavian offenbar auch einen friedlichen Kern in sich
trägt.
Der Affenforscher beobachtete von 1978 an eine Paviangruppe
im Masai-Mara-Reservat in Kenia, als die Tuberkulose
ausbrach. In der Nähe eines Touristencamps war eine
Müllhalde entstanden, die so manchen Leckerbissen zu bieten
hatte. Doch nur die besonders aggressiven Pavianmännchen
trauten sich an den Abfall heran. Die ängstlichen und
sanftmütigen Männchen hielten sich von dem Ort fern, auch
weil sich dort aggressive Männchen einer zweiten
Affengruppe herumtrieben, was ständig zu hysterischen
Streitereien führte.
Ihren Wagemut bezahlten die Starken schließlich mit dem
Leben. 1983 landete verseuchtes Fleisch auf dem Müll, das
Schlaraffenland war zur Seuchenhölle verkommen. Fast die
Hälfte der Männchen von Sapolskys Gruppe verstarb zwischen
1983 und 1986 an Tuberkulose. Weil aber nur die aggressiven
Männchen das verseuchte Fleisch gefressen hatten,
überlebten die ängstlichen und sanftmütigen Männchen.
Weibchen waren gar nicht betroffen. "Bis 1986 hatte sich
das Verhalten innerhalb der Gruppe deutlich verändert",
schreibt der Primatologe von der amerikanischen
Stanford-Universität in seinem Artikel, den das Fachblatt
PLoS Biology soeben veröffentlicht hat (Bd. 2, S. 534,
2004).
Nachdem die Lungenkrankheit gewütet hatte, war es still und
friedlich in der Gruppe geworden. Der Unterschied war so
markant, dass Sapolsky seine Detailstudien beendete und
sich nur noch auf die Gruppendynamik konzentrierte. Das
Verblüffende: Auch zehn Jahre später lebte die Gruppe noch
immer in erstaunlicher Harmonie zusammen. Und das, obwohl
aus der ursprünglichen Gruppe kein einziges Männchen
überlebt hatte. Alle männlichen Tiere waren im Laufe der
Zeit eingewandert.
Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie die Insel der
Friedfertigen wieder in eine stressgeplagte
Durchschnittsgruppe verwandeln. Doch Sapolskys Affenbande
lebte weiterhin in Einigkeit. "Die Tiere lausten sich
gegenseitig häufiger, sie gingen freundlicher miteinander
um, bekämpften sich weniger und sie hatten deutlich weniger
Stresshormone im Blut als andere Gruppen", berichtet er.
Mehr als zehn Jahre lang hatten Sapolskys Affen den sanften
Lebensstil gegen Einflüsse von außen - und entgegen aller
Vorurteile der Biologen - behauptet.
Das begeistert den niederländischen Verhaltensbiologen
Frans de Waal: "Die Affen haben gezeigt, dass sie den Pfad
der Flower Power beschreiten können." Die eigentliche
Entdeckung sei, dass die männlichen Neuankömmlinge den
sanften Lebensstil der Gruppe offensichtlich übernommen
haben. Da dies unmöglich auf genetischem Wege geschehen
konnte, müssen sie es erlernt haben. Für Sapolsky ist klar:
"Dies ist der erste Fall, in dem Tiere eine kulturelle
Eigenart einer Gruppe übernehmen, die sich auf die gesamte
soziale Atmosphäre auswirkt."
Immer öfter wagen es Biologen, den Begriff "Kultur" zu
verwenden, wenn sie in einer abgeschlossenen Gruppe
Verhaltensweisen von Tieren finden, die nicht mit
Umweltfaktoren oder Genen erklärt werden können. Was
Geisteswissenschaftler, aber auch viele Verhaltensbiologen,
noch immer skeptisch betrachten, ist aus Sicht von de Waal
oder Sapolsky nicht abwegig. "Kulturen" seien immer öfter
im Tierreich zu finden. Ob Schimpansen lernen, wie man
Termiten angelt, Orcas in Dialekten singen oder ob Fische
einander Tricks für die Futtersuche zeigen - immer lernt
eine neue Generation das gruppentypische Verhalten. Dass
Tiere wie die Paviane gleich einen ganzen Lebensstil
übernehmen, ist allerdings neu.
"Vielleicht haben es sich die Neuankömmlinge abgeguckt und
wurden für sanftes Verhalten belohnt", spekulieren die
Biologen. "Oder das ständige Fehlen von Aggressivität ließ
bei ihnen erst gar keine Aggression aufkommen." Für Frans
de Waal ist dies ein weiterer Beleg dafür, dass unser
einseitiges Bild von "der Natur mit blutigen Zähnen und
Krallen" nicht stimme. Sapolskys Arbeit zeige seiner
Meinung nach zwei Dinge: Sozialverhalten kann ein Produkt
von Kultur sein. Und selbst die wildesten Affen, müssen
nicht für immer so wild bleiben. "Lasst uns hoffen, das
dies auch für Menschen gilt", schließt er sein Essay.
Süddeutsche Zeitung, Wissen, S.11, 15. April
2004
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