Auf Wanderschaft


Wie Zellen den Weg vom Knochenmark ins Hirn finden.

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, Februar 2003


SZ250203 - Als Eva Mezey von den National Institutes of Health Gehirnproben vier Verstorbener untersuchte, erlebte sie eine doppelte Überraschung: Die US-Forscherin entdeckte Nervenzellen, die sich aus fremden Blutstammzellen entwickelt hatten. Das an sich ist bemerkenswert, weil es erneut die unterschätzten Fähigkeiten erwachsener Stammzellen belegt. Und: Niemand hatte die Zellen transplantiert, sie waren selbst ins Gehirn gewandert. Alle vier Patientinnen waren vor ihrem Tod einer Knochenmark-Transplantation unterzogen worden.

Dabei erhielten sie Infusionen mit blutbildenden Stammzellen aus dem Knochenmark männlicher Spender. "So ließen sich die Stammzellen später über das geschlechtsbestimmende Y-Chromosom erkennen", erklärt Mezey. Dass die Stammzellen sich zu Nervenzellen entwickelten, belegt ein für Neuronen typischer Marker: "Die Zellen sind jedoch nicht gleichmäßig verteilt - für die Forscherin ein Hinweis, dass sich immer nur einzelne Vorläuferzellen an einem Ort niederlassen, teilen und dann entwickeln. Sie hofft langfristig auf Fortschritte im Kampf gegen Krankheiten wie Parkinson.

Anthony Ho, von der Universität Heidelberg, warnt vor zu großen Erwartungen. "Mezey hat unter 10000 Zellen nur sieben gefunden, die sich aus Spender-Stammzellen entwickelten." Ein Marker-Test sei zudem nur ein indirekter Beweis. Er zeige nicht, ob die Zelle funktioniere. Dass die Blutstammzellen durch den Körper wanderten, findet er ebenfalls weniger erstaunlich: "Das ist eine Spezialität adulter Stammzellen. Sie wandern dorthin, wo sie gebraucht werden."

Auch Ho und Kollegen haben nach Knochenmark-Transplantationen bereits entwickelte Blutstammzellen in Leber und Darm entdeckt. Die Zellen wandern über die Blutbahn durch den Körper. Spezielle "Kommandanten-Zellen" unter ihnen folgen den Signalen, die geschädigtes Gewebe aussendet. "Das können nur diese Zellen", sagt Ho. Der Rest der Stammzellarmee folgt den Spurenlesern. Um sich gezielt fortzubewegen, strecken die Zellen Füßchen (Podien) aus, mit denen sie auch untereinander Kontakt halten. So gelangen sie zum beschädigten Gewebe.

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, Februar 2003

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