Zecken gehen nachts einen trinken
Schweizer Forscher haben erstmals das geheime Nachtleben des Holzbocks enthüllt: Weil er tagsüber beim stoischen Lauern auf Beute austrocknet, muss er nach Sonnenuntergang nachtanken.
Spiegel Online,
Wissenschaft, 12. Mai 2003
SPO120503 - Im Wonnemonat Mai beginnt seine Zeit:
Auf Halmen und Sträuchern lauert der Parasit auf Beute.
Drei blutige Mahlzeiten braucht die Zecke Ixodes ricinus,
um von der Larve über das Nymphenstadium zum Holzbock
heranzureifen. Dabei beweist der Blutsauger beachtliche
Ausdauer: Wochen und Monate können vergehen, bis das
nächste Opfer naht.
Für Menschen sind die Minivampire nicht ungefährlich, denn
sie übertragen Krankheiten wie die
Frühsommer-Meningoenzephalitis oder die Lyme-Borreliose.
Doch trotz ihres Risikopotenzials weiß man wenig über die
häufigste Zecke Europas - und so gut wie gar nichts über
ihr Nachtleben. Schweizer Zoologen haben jetzt das dunkle
Treiben aufgedeckt.
Im Labor stellten sie die Zeckenumwelt nach: Sie
simulierten Tag und Nacht, veränderten Temperatur und
Luftfeuchtigkeit, um herauszufinden, wie diese Faktoren die
Nymphen beeinflussen. Statt Gras und Büschen gab es jedoch
nur Plastikröhrchen und wassergetränkte Baumwolldochte. Mit
Infrarotkameras beobachteten die Forscher ihre
Studienobjekte zehn Tage lang.
"Zecken haben ein entscheidendes Problem", sagt Jean-Luc
Perret von der Universität Neuchatel. "Während sie tagsüber
auf einem Grashalm sitzend auf ihre Beute warten, trocknen
sie langsam aus." Ein Nachtanken zwischendurch am feuchten
Wiesenboden verbietet sich, weil die Tiere durch die
Bewegung noch mehr Feuchtigkeit und vor allem Energie
verlieren. Doch Ixodes ricinus weiß sich zu helfen, wie die
Schweizer jetzt enthüllten: Die Holzböcke gehen nur nachts
einen trinken.
Die Kameras offenbarten, was nie ein Mensch zuvor gesehen
hatte: Sobald die Labornacht hereingebrochen war, verließen
die Blutsauger ihren Lauerplatz und zogen in den Röhren
umher. Je trockener ein Labortag war, desto länger waren
die Zecken im Dunkeln auf Zechtour. Dabei suchten sie immer
wieder den feuchten Baumwolldocht auf, damit sie
Feuchtigkeit aus der Luft über ihre Poren aufnehmen
konnten. "Nur sechs Prozent ihrer Wanderzeit sind sie am
Tag unterwegs", berichten Perret und seine Kollegen in der
Juni-Ausgabe des "Journal of Experimental Biology".
Bislang war allerdings noch unklar, wie die Tiere überhaupt
wissen können, dass die Sonne untergegangen ist: Augen
hatte an Ixodes ricinus noch niemand entdeckt. "Bei anderen
Zecken kann man, wenn man genau hinsieht,
Hornhautstrukturen sehen, beim Holzbock gibt es die aber
nicht", so die Forscher. Erst der Blick durch das
Elektronenmikroskop auf ultradünne Zeckenschnitte
offenbarte den Wissenschaftlern den Sehsinn des
Achtbeiners.
Zwanzig einfache lichtempfindliche Zellen reihen sich wie
auf einer Perlenschnur an beiden Seiten des Holzbocks auf.
Zwei Sehnerven laufen zu einem winzigen Sehzentrum unter
dem Rückenschild zusammen. Das reicht offenbar völlig aus,
um das Hereinbrechen der Nacht mitzubekommen.
Dass die Tiere nur im Dunkeln losziehen, könnte weitere
Vorteile haben, vermuten die Forscher. Nachts begegnen die
Holzböcke nicht nur häufiger potenziellen Opfern. Weil in
der Dunkelheit die meisten Zecken unterwegs sind, stoßen
möglicherweise auch Männchen und Weibchen eher aufeinander.
Am Tag lauern die Hungerkünstler dann wieder stoisch auf
Beute.
Spiegel Online,
Wissenschaft, 12. Mai 2003
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