Wie Michel zum Krieger wurde
Vor 140 jahren wurde die Einführung der Wehrpflicht noch mit Begeisterung gefeiert, offenbaren Briefe, Tagebücher und Gemälde.
National Geographic,
Geographica, S. 16, Mai 2003
NG0503 - Die Wehrpflicht löst heute in Deutschland
keine Begeisterung aus. Vor 140 Jahren war das anders. Am
Ende der Einigungskriege - 1864 bis 1870/71 - stand die
Gründung des deutschen Nationalstaats. Bei diesem epochalen
Ereignis wollte auch der Mann von der Straße nicht abseits
stehen.
Frank Becker vom Historischen Seminar der Universität
Münster untersuchte den Stimmungswandel in den bürgerlichen
Schichten. Eigentlich waren Kriege damals Sache des Adels
und der ländlichen Unterschicht, "die Militärelite war den
Bürgern ziemlich verhasst", sagt Becker. Wie sich das
Verhältnis des deutschen Michels zum Krieg veränderte,
erschloss sich dem Historiker aus Tausenden privater
Briefe, aus Tagebüchern, Gemälden und Illustrierten.
Eine positive Einstellung zum Militär entstand offenbar,
als die Bürger spürten, dass am Ende der Bismarck-Kriege
der vereinigte Nationalstaat stehen könnte. Das erkläre die
wachsende Begeisterung für die Wehrpflicht. "Im Tragen von
Waffen", so Becker, "sah der deutsche Michel endlich die
Möglichkeit, an der staatlichen Souveränität teilzuhaben."
National Geographic,
Geographica, S. 16, Mai 2003
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