Vom Unsinn des Sinns
Seit rund vierhundert Jahren versuchen Kryptologen einen rätselhaften Text zu entschlüsseln, für den Kaiser Rudolf II. einst dreieinhalb Kilo Gold bezahlte. Jetzt behauptet ein Computerexperte, der Regent sei zwei Gaunern auf den Leim gegangen: Der Text ist reiner Unsinn.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 17. Dezember 2003
SZ171203 - Kann ein Kaiser so blöd sein?
Sechshundert Gulden - immerhin dreieinhalb Kilo Gold -
bezahlte Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches
Deutscher Nation (1576-1612), für ein merkwürdig
illustriertes Buch mit unlesbarem Text auf billigem Papier.
Und wenn Gordon Rugg von der britischen Universität Keene
Recht hat, wird das Werk auch nie verstanden werden.
Der Raritäten sammelnde Renaissance-Kaiser ist einem
Gaunerstück aufgesessen, vermutet Rugg. Womöglich waren es
der englischeAstrologe John Dee und der Abenteurer Edward
Kelley, die Rudolf II. das Buch verkauft haben. "Der
mysteriöse Text, bekannt als Voynich-Manuskript, ist höchst
wahrscheinlich blanker Unsinn", behauptet Rugg.
Tatsächlich versuchen Kryptologen seit mehr als vierhundert
Jahren, den Text zu entziffern. Was mag er enthalten? Das
geheime Laborbuch des Franziskaner-Mönchs Roger Bacon? Ein
seltenes Dokument der mittelalterlich christlichen
Kathar-Bewegung? Oder gar den entscheidenden Hinweis auf
den Stein der Weisen?
Eingebettet in eher missratene Illustrationen von Pflanzen,
astrologische Diagramme und Zeichnungen von nackten Frauen
erstrecken sich über 234 Seiten Textblöcke aus
handschriftlichen Zeichen, die es in keiner bekannten
Sprache gibt. Einzelne Buchstaben erinnern an lateinische
Minuskel, manche an elegant geschwungene arabische
Grapheme. Doch wer immer auch versuchte, hinter das
Geheimnis des Voynich-Textes zu kommen, scheiterte schon
daran, die einzelnen Zeichen richtig zu deuten.
1912 hatte der amerikanische Sammler Wilfrid Voynich das
Buch in der Villa Mondragone im italienischen Frascati
aufgespürt. Beigelegt war ein Brief, der den Kauf des
Buches durch Rudolf II. belegt. Demnach glaubte der Kaiser,
mit dem Buch seine berühmte Raritätensammlung um einen Text
Roger Bacons aus dem 13. Jahrhundert zu bereichern. Doch
die meisten Wissenschaftler halten das für
unwahrscheinlich. Für manche der Illustrationen waren
Mikroskope oder Lupen nötig, die es zu Bacons Lebzeiten
noch nicht gab.
Seit Voynichs Entdeckung haben sich Forscher und Liebhaber
die Zähne an den Hieroglyphen ausgebissen - meist in ihrer
Freizeit. Und weil sie den einzelnen Zeichen nicht
beikamen, versuchten sie den Text als Ganzes zu entzaubern.
Dabei entdeckten sie zwar linguistische Muster, die es
ihnen unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass der Text
überhaupt keinen Sinn ergibt. Doch auch die These, dass es
sich vielleicht doch nur um einen Hoax, einen Scherz,
handelt, hält sich seit den 70er Jahren beharrlich.
Der Text, der in der Beinecke-Bibliothek für seltene Bücher
und Manuskripte der Universität Yale aufbewahrt wird,
besteht aus etwa 250 000 Zeichen, denen ein Alphabet aus 23
bis 30 Buchstaben zugrunde liegt. Er enthält keinen Punkt,
kein Komma, keinen Strich. Ein Wort besteht im Mittel aus
sechs Zeichen, die Länge variiert weniger als bei den
meisten indo-germanischen Sprachen.
Die erste Zeile jeder Seite hat andere Eigenschaften als
die restlichen Zeilen. Der erste und der letzte Buchstabe
unterscheiden sich häufig in ihren statistischen
Eigenschaften vom Rest. Viele Forscher glauben, dass es
zwei Autoren gab, die sich durch unterschiedliche
"Dialekte" unterscheiden. Doch wer die Autoren sind, ist
nicht bekannt, auch nicht, wann der Text geschrieben wurde.
Die Verteilung der Illustrationen lässt auf sechs Kapitel
schließen, die das Ganze nach einem wissenschaftlichen Text
über Gebiete wie Pharmazie, Botanik oder Astronomie
aussehen lassen.
Doch jetzt könnte das Rätsel bald gelöst sein: Gordon Rugg
glaubt, dass das einzige Geheimnis des Buches darin
besteht, dass es gar keines gibt. Anstatt zu versuchen, den
Text zu decodieren, rekonstruierte Rugg die Methode, mit
der er entstanden sein könnte. "Wir nutzen eine
Verschlüsselungstechnik aus dem 16. Jahrhundert, um einen
Text zu erzeugen, der dem Voynich-Text sehr ähnelt", sagt
er.
Dazu erstellte er anhand einer mehrspaltigen
Buchstaben-Tabelle und einer Schablone eine
Aneinanderreihung von Buchstaben, die aussieht wie der
Voynich-Text, aber keinen Sinn ergibt. "Mit dieser Methode
hätten Kelley und Dee das Buch auf einfache und billige
Weise innerhalb von zwei bis drei Monaten herstellen
können", sagt Rugg. Er glaubt auch deshalb an die Hoax
-These, weil es seiner Meinung nach im 16. Jahrhundert so
gut wie unmöglich war, einen Text derart gut zu
verschlüsseln, dass man ihn mit Techniken des 21.
Jahrhunderts nicht knacken kann.
Voynich-Forscher Nick Pelling findet Ruggs Ansatz "extrem
interessant", bleibt aber skeptisch: "Gordon konzentriert
sich bei seiner Interpretation auf statistische Elemente,
historische lässt er aber völlig außer Acht." So lassen
viele Details, wie der Stil der Handschrift oder die
Frisuren der Frauen darauf schließen, dass der Text schon
um 1460 verfasst wurde. Die Verschlüsselungstechnik ist
aber wohl erst hundert Jahre später erfunden worden. Gordon
Rugg hat dafür eine einfache Erklärung: "Die Fälscher
wollten eben, dass es aussieht wie ein Text aus dieser
Zeit."
Pelling hält das für ein eher schwaches Argument: "Die
Gefahr des Textes ist es, dass er erlaubt, alles das zu
sehen, was man darin zu sehen glaubt." Wer einen Code
sieht, findet ihn auch, und wer das Manuskript für einen
Scherz hält, wird auch darin bestätigt. Und selbst wenn die
Autoren tatsächlich mit Ruggs Methode gearbeitet hätten:
"Damit könne man doch auch einen Text erstellen, der Sinn
ergibt."
Dass das Rätsel nun auf vergleichsweise unspektakuläre
Weise gelöst sein könnte, gefällt nicht jedem, der sich mit
dem Mysterium des Voynich-Manuskripts beschäftigt. Manche
der Forscher arbeiten seit Jahrzehnten an der
Entschlüsselung des Textes. Als Gordon Rugg im weltweiten
E-Mail-Zirkel der Voynich-Gemeinde seine Ansicht
verbreitete, meinte einer: "Verdammt, das bedeutet ja dann
wohl, dass ein Riesenspaß vorbei ist."
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 17. Dezember 2003
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