Deutsche Forscher warnen vor Biowaffen-Bastlern
US-Forscher haben in Rekordzeit ein komplettes Virus nachgebaut. Gentechnik-Pionier Craig Venter feierte den Erfolg als "aufregenden Durchbruch". Andere Wissenschaftler sind weniger verzückt: Sie warnen vor einer neuen Generation von Biowaffen.
Spiegel Online
Wissenschaft, 17. November 2003
SPO171103 - Klappern gehört zum Handwerk, immer
öfter auch zum wissenschaftlichen. Deshalb geben manche
Forscher ihre Ergebnisse immer öfter medienwirksam auf
Pressekonferenzen bekannt, statt sie auf Tagungen oder in
Fachzeitschriften dem überschaubaren Kreis von Kollegen
vorzustellen. Craig Venter weiß, wie man Aufmerksamkeit
erregt.
Der prominente US-Genforscher gab gemeinsam mit dem
amerikanischen Energieminister Spencer Abraham öffentlich
bekannt, dass sein Team das komplette Erbgut eines Virus in
der Rekordzeit von zwei Wochen konstruiert habe - auch wenn
der Erstautor des entsprechenden Artikels im Fachblatt
"Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS)
der Nobelpreisträger Hamilton Smith ist. Die Forscher um
Venter hatten auf dem freien Markt käufliche DNS-Stücke
verwendet und diese Oligonukleotide nach einer über das
Internet frei zugänglichen Datenbank-Vorlage nahezu
fehlerfrei zusammengefügt. Das Virus sei voll
funktionsfähig, hieß es.
Erster Virus-Nachbau dauerte drei Jahre
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Virus von Menschen
nachgebaut wurde. Im vergangenen Jahr hatte eine Gruppe um
den in den USA forschenden deutschen Chemiker Eckard Wimmer
den Erreger der Kinderlähmung künstlich kreiert. Mit allen
Vorarbeiten hatte das aber drei Jahre gedauert. Inzwischen
benötigt Wimmer zwar nur noch einige Monate, würde aber
Venters Methode seiner eigenen vorziehen, wie er im
Gespräch mit SPIEGEL ONLINE einräumte.
Im Gegensatz zu Wimmer erschuf Venters Team keine für
Menschen gefährliche Virus-DNS, sondern das Erbgut eines
Bakteriophagen. Dieser Virustyp infiziert nur Bakterien und
bringt sie dazu, seine Gene zu vervielfältigen. Venter und
Abraham zeigten sich begeistert. Durch den enormen
Zeitgewinn habe die Wissenschaft jetzt die Möglichkeit, dem
eigentlichen Ziel einen Schritt näher zu kommen: ein
Bakterium künstlich zu erschaffen.
Die Arbeit sei ein "aufregender Durchbruch", so Venter. Die
Gensynthese werde zukünftig in vielen Bereichen - von der
Archäologie bis zur Pharmazie - zur einer Standardmethode.
Energieminister Abraham sagte gar, mit künstlich erzeugten
Mikroorganismen könne man "in nicht allzu ferner Zukunft"
Abgase reinigen, Abfall beseitigen und sogar Energie
gewinnen. Das US-Energieministerium finanziert Venters
Arbeit mit Millionen von Dollar.
"Viel Lärm um relativ wenig"
Wissenschaftler in Deutschland sehen Venters
Veröffentlichung weitaus gelassener. "Das ist viel Lärm um
relativ wenig", findet Thomas Mettenleiter, Chef der
Forschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere auf der
Insel Riem. Außer dass es einfach schneller gehe, biete
Venter nichts essentiell Neues. Reinhardt Kurth, Präsident
des Berliner Robert-Koch-Instituts, äußerte sich ähnlich:
"Er hat lediglich mehrere methodische Schritte, die alle
bekannt sind, geschickt verknüpft." Der Zeitgewinn sei
weniger bedeutend.
Kleine Viren lassen sich mit Venters Methodenmix jetzt
schnell und problemlos herstellen. Ob er aber tatsächlich
geeignet ist, irgendwann ein ganzes Bakterien-Genom zu
kreieren, sieht Mettenleitner eher skeptisch: "Die Autoren
schreiben, dass sie im Virusgenom einen letalen Fehler pro
500 Basenpaaren vorfanden." Ein Virusgenom wie das von
Venter konstruierte phiX174 oder der Polio-Erreger sind um
die 6000 Basenpaare groß, die meisten Bakterien aber
brauchen mindestens 600.000 oder gar mehrere Millionen
Basenpaare.
Pionier Wimmer findet Venters Arbeit technisch zwar
hervorragend. "Aber wissenschaftlich holen Sie damit keinen
Hund hinter dem Ofen hervor." Außerdem bezweifelt er, ob
die Zeitangabe von zwei Wochen wirklich lupenrein ist: "Da
ist viel Reklame dabei. Die ganzen Vorarbeiten sind
wahrscheinlich nicht mit drin."
Abgesehen von Zweifeln an der Bedeutung der
wissenschaftlichen Ergebnisse gibt Venters Vorstoß der
Diskussion über Bioterrorismus und den Missbrauch
wissenschaftlicher Ergebnisse neue Nahrung. Jan van Aken,
Biowaffen-Experte vom Sunshine Project mit Sitz in Hamburg,
zeigte sich beunruhigt: "In einigen Bereichen, zum Beispiel
Pocken, beruht unsere Sicherheit auf der Tatsache, dass der
Zugang zu den Erregern beschränkt ist. Bei fortschreitender
Entwicklung wird aber bald jedes Land mit gewissen
biotechnischen Fähigkeiten in der Lage sein, die
gefährlichen Erreger selbst zu synthetisieren."
"Artikel in keiner Weise zensiert"
Auch Wimmer warnt vor solchen Gefahren: "Diese Methode
können Sie schon jetzt auf andere Viren anwenden: Grippe,
Kinderlähmung oder auch Sars." Der Deutsche ist zudem
verärgert über den Medienstar Venter: "Als wir unsere
Ergebnisse bekannt gaben, hat er uns noch als
verantwortungslos beschimpft." Jetzt publizierte der
Kritiker selber eine Bastelanleitung für Viren - obwohl
sich führende amerikanische Fachmagazine erst im Februar
dazu verpflichtet hatten, potenziell terroristisch nutzbare
Forschungsergebnisse zu zensieren.
Die Redakteure von PNAS hatten in diesem Fall keine
Bedenken: "Wir haben den Artikel in keiner Weise zensiert",
sagt Jill Locantore, PR-Redakteurin bei PNAS. Reinhardt
Kurth, in dessen Institut das deutsche Zentrum für
Biologische Sicherheit sitzt, sieht ohnehin keinen Sinn in
Zensur: "Durch Nicht-Publizieren kann man die Verbreitung
nicht verhindern. Die Methoden sind ja alle bekannt."
Spiegel Online
Wissenschaft, 17. November 2003
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