Sudden Death beim Sex


Vielen Spinnenmännchen schlägt nach dem Sex das letzte Stündlein: Sie dienen ihrer Partnerin als Snack danach. Bei einer Art, so berichten Forscher, kommen sie ihrer Ermordung jedoch per Freitod zuvor.

Spiegel Online, Wissenschaft, 20. Juli 2003


SPO200703 - Nach der Paarung gehen Spinnenweibchen, das ist bekannt, nicht zimperlich mit ihrem Auserwählten um. Bei manchen Arten entkommen die Männchen den Klauen ihrer Partnerinnen mit knapper Not, bei anderen sind sie fester Bestandteil des Speiseplans. Aufopferungsvoll geben sie sich dann dem Weibchen nach dem Paarungsakt hin: Die Gattin tötet und verspeist den Vater ihrer Kinder.

Bei der Wespenspinnenart Argiope aurantia braucht das Weibchen nicht einmal selbst Hand anlegen: Das Männchen stirbt beim Sex ohne äußere Einwirkung einen "Sudden Death", wie der deutsche Biologe Matthias Foellmer von der kanadischen Concordia University in Montreal gemeinsam mit seiner Kollegin Daphne Fairbairn experimentell nachgewiesen hat. "Bisher hatte es nur Anekdoten zu diesem Verhalten gegeben", schreiben die Wissenschaftler in den "Biology Letters" der britischen Royal Society.

Foellmer und Fairbairn beobachteten die Radnetzspinnen bei der Paarung auf der Wiese und im Labor und bannten den vorauseilenden Gehorsam der Argiope-Männchen auf Video. Die deutlich kleineren Männchen krabbeln, so enthüllte das Bildmaterial, bei der Paarung unter das Weibchen und setzen den ersten Taster, den Pedipalpus, in die Genitalöffnung. Sobald der zweite Taster eingeführt ist, verfallen sie innerhalb von Sekunden in eine Totenstellung mit angewinkelten Beinen. "Dann reagiert das Tier nicht mehr, und das Herz hört spätestens nach fünfzehn Minuten auf zu schlagen", so die Forscher.

Das Weibchen hat zu dieser Zeit meist ganz andere Probleme: Bei drei von fünf Paarungen befindet es sich kurz vor der letzten Häutung. Erst nach rund 20 Minuten kann sich die Spinnenfrau dem toten Körper an ihrer Unterseite widmen und sich daraus ein Lunchpaket schnüren. "Sie frisst es nicht sofort, wahrscheinlich weil ihr Körper nach der Häutung noch nicht ausgehärtet ist."

Dass die Weibchen nichts mit dem Dahinscheiden ihrer Auserwählten zu tun haben, bewies ein Männchen, das sich im Partner geirrt hatte. Statt eines Spinnenweibchens versuchte der Verwirrte, den Kadaver eines im Netz hängenden Mehlwurms zu begatten. Sobald er den zweiten Taster in die Leiche gestoßen hatte, ereilte ihn der Tod. Ein Weibchen war weit und breit nicht zu sehen.

"Das Einführen des zweiten Pedipalpus löst im Körper einen physiologischen Prozess aus, der letztlich zum Tod führt", erklären Foellmer und Fairbairn. Ihre These belegten die beiden auch mit Experimenten, bei denen sie einigen Tieren die Taster entfernten oder die Männchen kurz nach Einführen des zweiten Tasters vom Weibchen trennten.

Der spontane Freitod macht aus evolutionsbiologischer Sicht durchaus Sinn. Zum einen könnte sich das Männchen der künftigen Spinnenmutter als Speiseopfer darbieten, um die Qualität der gemeinsamen Nachkommen zu steigern. Doch das ist, vermuten die Forscher, bei der bescheidenen Größe des Todeskavaliers "sicher nicht der Hauptgrund". Allerdings könnte er so seine Chancen auf eine Vaterschaft erhöhen: "Der tote Partner", so der Expertenverdacht, "dient als Ganzkörper-Paarungspfropf."

Noch mit dem letzten Atemzug blockiert der Lebensmüde die weibliche Genitalöffnung - ein Verhalten, das auch von manchen Insekten bekannt ist. Mit dem finalen Körpereinsatz verhindern die Spinnenmännchen, dass am Netzrand lauernde Konkurrenten zur Paarung kommen. Foellmer und Fairbairn: "Nur in drei von elf Fällen gelang es einem anderen Männchen überhaupt, den toten Körper des Konkurrenten abzuziehen."

Spiegel Online, Wissenschaft, 20. Juli 2003

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