Der Duft der Maiglöckchen
Spermien nehmen Geruch und Wärme wahr, doch wie sie ihren Weg zur Eizelle finden, ist noch nicht vollständig geklärt.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 8. April 2003
SZ080403 - Eines gilt für Spermien sicher nicht:
Der Weg ist das Ziel. Denn nichts ist so klar wie ihre
Bestimmung - die weibliche Eizelle. Auch ihre Route ist
einfach; anders als bei Fischen, wo sich die Samenzellen
den Weg durch das Wasser suchen müssen, gibt beim Menschen
der Eileiter die Richtung vor. Doch unterwegs kann viel
passieren.
Darum erreicht nur selten eines der 300 Millionen Spermien,
die der Mann bei der Ejakulation ausstößt, dieses Ziel. Nur
200 bis 300 gelangen überhaupt in den oberen Bereich des
Eileiters, in dem die Eizelle die kleinen Gen-Pakete des
Mannes empfängt. Schon die Strecke dahin - 10 bis 15
Zentimeter allein im Eileiter - ist aus Sicht der 50
Millionstel Meter winzigen Spermien beträchtlich.
Hochgerechnet auf die Dimension eines Wanderers entspricht
die Distanz etwa fünfKilometern. Zudem ist der Weg
zerklüftet, verschleimt und mit Drüsen- und Flimmerzellen
ausgestattet - eine Menge Möglichkeiten, sich zu verirren.
Doch Samenzellen scheinen mit einem potenten Ortungssystem
ausgestattet zu sein. Seit einigen Jahren vermuten
Wissenschaftler schon, dass die Spermien einer chemischen
Spur zur Eizelle folgen. Bei Tieren mit äußerer Besamung
hatte man dies längst beobachtet. Nun haben Marc Spehr und
Kollegen von der Universität Bochum gezeigt, dass diese so
genannte Chemotaxis auch menschliche Samenzellen auf den
rechten Pfad führt (Science, Bd. 299, S. 54, 2003).
"Spermien besitzen in ihrer Membran einen Rezeptor, der auf
Lockstoffe reagiert, und sie dahin schwimmen lässt, wo die
Stoffe herkommen", sagt Spehr. Samenzellen erschnüffeln
sich dabei förmlich ihren Weg zum Ziel, denn der gefundene
Rezeptor (hOR17-4) gehört zu einer Familie, die man auch in
der menschlichen Nase findet. Die Stoffe, die ihn
aktivieren, heißen "Bourgeonal" und "Zyklamal". In der
chemischen Industrie sind sie gut bekannt: "Damit
produziert man künstlich den Blütenduft in Wasch- und
Reinigungsmitteln", sagt Spehr. Doch neben diesem
Maiglöckchenaroma fanden die Zellphysiologen eine Substanz,
die die Rezeptoren bei Bedarf blockiert und Samenzellen
orientierungslos macht - in ferner Zukunft vielleicht sogar
ein Ansatzpunkt für neue Verhütungsmittel.
Spermien verlassen sich aber nicht nur auf ihren
Geruchssinn. Israelische Forscher brachten im Februar den
Faktor Wärme ins Spiel. Ein Team um Anat Bahat vom
Weizmann-Institut in Rehovot zeigte, dass sich die
Samenzellen von Kaninchen und Menschen auch entlang eines
Wärmegradienten hangeln (Nature Medicine, Bd. 9, S. 149,
2003).
Am Eingang des Eileiters weiblicher Kaninchen ist es mit 37
Grad Celsius rund zwei Grad kälter als am Ende. Diese
Situation stellte Bahats Team im Experiment nach. Ohne
Temperaturunterschied bewegten sich ausgesetzte Spermien
nach dem Zufallsprinzip in der Testflüssigkeit. War eine
Seite des Behälters zwei Grad kälter, schwammen die meisten
Samenzellen zur wärmeren Seite. "Es reagierten aber nur die
voll entwickelten Spermien", so die Forscher.
Unreife Samenzellen besitzen diese Wärmesensibilität
offenbar noch nicht. Womöglich ist diese
Temperaturempfindlichkeit (Thermotaxis) auf langen Strecken
wichtig, während der chemische Sinn im Nahbereich
entscheidend ist. "Das ist aber eine Hypothese, belegt ist
das noch nicht", sagt Spehr. Der richtige Riecher könnte
auch schon am Eingang des Eileiters wichtig sein. Wie der
Weg in der Gebärmutter aussieht, ob es dort
Führungsmechanismen gibt, wissen die Forscher nicht.
"Möglicherweise ist es Zufall, welche Spermien den Eingang
zum Eileiter finden", sagt Spehr.
Falls auf diesem Abschnitt tatsächlich
Orientierungslosigkeit herrscht, könnte das - neben den für
Spermien ungünstigenBedingungen in der Gebärmutter, etwa
dem eigentlich zu sauren Milieu - erklären, warum trotz der
anderen Lenksysteme nur wenige Samenzellen ihr Ziel finden.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 8. April 2003
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