Englands Stolz zur See
Wie König Karl I. mit seinem Flaggschiff glänzte, untersuchte der Historiker und Seemann Hendrik Busmann.
National Geographic,
Geographica, S. 10/11, April 2003
NG0403 - "Übermenschliche Größe und göttliche
Würde, Edelmut und gottgewollte Sieghaftigkeit" - das war
die Botschaft, die das Flaggschiff des englischen Königs
Karl I. (1600 bis 1649) vermitteln sollte. In Köln hat
Hendrik Busmann, ein Kunsthistoriker und Schiffsarchäologe,
zwölf Jahre darauf verwandt, die ungewöhnliche Dekoration
der Sovereign of the Seas zu studieren.
Von 1635 bis 1637 erbaut, war sie eines der
außergewöhnlichsten Kriegsschiffe ihrer Zeit, zudem Vorbild
für spätere Dreidecker. Vor allem aber war sie ein barockes
Meisterwerk: Mehr als 1000 geschnitzte Figuren, mit
Blattgold belegt, zierten den 71 Meter langen Rumpf - bei
einem Kriegsschiff, das aktiv an Seeschlachten teilnehmen
sollte. Die Holzplastiken waren aber eben nicht nur
Dekoration wie bisher vermutet.
"Es waren ausgeklügelte Skulpturenzyklen, die den Anspruch
des Monarchen auf die Seeherrschaft allegorisch
darstellten", sagt Busmann. Die Götterfiguren,
Tierkreiszeichen, mittelalterlichen Symbole und
Heldenporträts versinnbildlichten die Herrschaft des Königs
über die vier Meere rings um das Inselreich - Teil einer
seit ewigen Zeiten bestehenden Weltordnung.
Busmanns Schlussfolgerung in seiner vor kurzem
veröffentlichten Arbeit: "Die Bilderwelt der 'Sovereign of
the Seas' verherrlicht den Potentaten als absolut und sucht
darüber hinaus, den Betrachter für dessen 'gute Sache' zu
gewinnen." Viel nützte es Karl I. nicht: 1649 wurde der
Stuart-König enthauptet.
Auch die "Herrscherin der Meere" überstand das Jahrhundert
nicht. Nach ruhmreichen Schlachten verbrannte sie im Jahr
1696 nahe der Hafenstadt Chatham. Aber nicht etwa nach
Feindbeschuss - es hatte einfach nur jemand vergessen, die
Kerze in einer Kabine zu löschen.
National Geographic,
Geographica, S. 10/11, April 2003
zurück
zu: Die Texte 2003