Schimpansen sind auch nur Menschen
Bestärkt durch Genanalysen, fordern US-Forscher die Gleichstellung von Mensch und Schimpanse. Bruder Affe sowie einige als äffisch verschriene Vorfahren sollen in die Gattung Homo aufgenommen werden.
Spiegel Online,
Wissenschaft, S. 20. Mai 2003
SPO200503 - Die
einstmals stolze Krone der Schöpfung hat in den letzten
fünfhundert Jahren ziemlich Federn lassen müssen:
Kopernikus verbannte die Erde und ihre Bewohner aus dem
Zentrum der Welt. Darwin konfrontierte den Menschen mit
seinen äffischen Wurzeln und machte ihm klar, dass er nur
ein Produkt aus Zufall und natürlicher Auslese ist.
Doch damit nicht genug: Beim Schimpansen fanden
Primatologen menschlich anmutende Verhaltensweisen wie
Werkzeuggebrauch und Kriegsführung. Unser nächster
Verwandte lebt in unterschiedlichen Kulturen und zeigt
Anfänge eines Sprachverständnisses. In den letzten Jahren
offenbarten Genetiker schließlich, dass sich Homo sapiens
und Pan troglodytes genetisch kaum unterscheiden.
Nur eine Wissenschaft hielt dem Menschen fast drei
Jahrhunderte lang die Stange: die Taxonomie. Seit Carl von
Linné beansprucht der Mensch für sich, der einzige lebende
Vertreter der Gattung Homo zu sein. Der wissenschaftliche
Name bekräftigt seine Sonderstellung.
Doch damit soll jetzt Schluss sein, finden Derek Wildman
und seine Kollegen von der Wayne State University School of
Medicine in Detroit. Sie haben 97 Gene bei Mensch,
Schimpanse, anderen Primaten sowie der Maus verglichen.
Mensch und Schimpanse ähneln sich, so ihre im Fachblatt
"Proceedings of the National Academy of Sciences"
veröffentlichte Analyse, am stärksten: Ihre Gene stimmen zu
rund 99 Prozent überein.
Die provokante Folgerung der Forscher: "Mensch und
Schimpanse sind sich so ähnlich, dass beide in die Gattung
Homo gehören." Statt Pan troglodytes solle der Schimpanse
endlich den Namen tragen, der ihm zusteht: Homo
troglodytes. Nach dieser Logik hieße der Bonobo künftig
Homo paniscus, und auch einige Vorfahren des Menschen wie
der Australopithecus afarensis würden in die ehrwürdige
Gattung Homo aufgenommen.
"Die traditionelle Klassifikation beruht auf einem
anthropozentrischen Stufenkonzept, dass Aristoteles vor
2000 Jahren mit seiner scala naturae einführte",
kritisieren die Forscher die gängige Einteilung. Sie führe
vom Primitiven zum Fortgeschrittenen, mit dem Mensch an
seiner Spitze. Nach diesem Schema wurden bisher auch die
Pongiden - die höheren Menschenaffen - eingeteilt.
Maßstab waren vor allem Faktoren, die Menschen auszeichnen,
wie etwa die Gehirngröße oder die geistigen Fähigkeiten.
Dies führte zwangsläufig dazu, dass der Mensch die Krone
für sich beanspruchen konnte. Wildman: "Demnach war der
Mensch sogar so weit vom Ursprungsstadium entfernt, dass er
eine neue Zone der Evolution erreichte, die hominide Zone."
Seither klafft ein tiefer Graben zwischen Hominiden und
Pongiden. Der moderne genetische Ansatz sei objektiver als
die alten, nur auf den Menschen bezogenen Parameter, so der
Wissenschaftler. "Wir Menschen erscheinen danach als ein
leicht umgebauter, dem Schimpansen ähnlicher Affe."
Mit der Gleichstellung von Schimpanse und Mensch kommen die
Forscher einer alten Forderung von Tierrechtlern nach.
Diese verlangen schon lange eine Aufhebung der Trennung -
mit der Konsequenz, dass Schimpansen menschenrechtsähnliche
Ansprüche hätten. Wildmans Kollege Morris Goodmann ist
überzeugt, dass die Vorschläge, wenn sie sich durchsetzen,
die Argumentation der Aktivisten stärken würden.
Der Australier Peter Singer, Philosoph an der Princeton
University und internationale Speerspitze der
Tierrechtsbewegung, sieht das ähnlich: "Das würde sicher
helfen, die Vorurteile zu beseitigen." Eigentlich hätte
schon Linné Mensch und Schimpanse in der Gattung Homo
zusammenfassen wollen. Nur aus Furcht vor der Kirche habe
er darauf verzichtet. Aber der Bioethiker wendet auch ein:
"Die genetische Ausstattung allein kann nicht der Grund
sein, ihnen besondere Rechte zu verleihen." Nicht die Gene,
sondern besondere Eigenschaften wie das Selbstbewusstsein,
rationales Denken und ein komplexes Sozial- und
Gefühlsleben der Menschenaffen seien der Grund.
Detmar Doering, Leiter des Liberalen Instituts der
Friedrich-Naumann-Stiftung, verweist dagegen auf die seit
Hume und Weber gefestigte philosophische Erkenntnis, dass
man aus dem "biologischen Sein" nicht auf ein "moralisches
Sollen" schließen kann. Doering: "Auch mit dem besten
Mikroskop werden wir im tierischen oder menschlichen Körper
keine Rechte finden." Der Begriff des "natürlichen Rechts"
werde da oft missverstanden.
Philipp Khaytovich, Mitglied eines Teams um Svante Pääbo
vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in
Leipzig, das die genetische Ähnlichkeit von Mensch und
Schimpanse schon vor Wildmans Gruppe nachgewiesen hatte,
findet die Schlussfolgerung des US-Teams nicht konsequent.
Wildman zufolge ist der Unterschied zwischen Mensch und
Schimpanse bei einer bestimmten, besonders wichtigen Gruppe
von Genen nur 0,6 Prozent groß.
Khaytovich: "Zwischen Gorilla und Mensch beträgt er bei
derselben Gruppe aber auch nur 0,8 Prozent." Da falle es
schwer zu verstehen, meint der Forscher, warum ausgerechnet
Schimpansen besondere Vorteile genießen sollen, während
Gorillas, Orang-Utans und andere Affen als arme Verwandten
auf der anderen Seite stehen.
Spiegel Online,
Wissenschaft, S. 20. Mai 2003
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