Rädertierchen sind ungeduldige Liebhaber


Kein anderer Casanova hat es so eilig: Das Männchen einer Rädertierart belagert seine Auserwählte schon, bevor diese geschlüpft ist. Der Wasserbewohner besitzt offenbar einen ungewöhnlichen Spürsinn.

Spiegel Online, Wissenschaft, 18. August 2003


SPO180803 - Dem Männchen der Rädertier-Spezies Epiphanes senta kann es gar nicht schnell genug gehen: Noch bevor das Weibchen überhaupt das Licht der Welt erblickt, sitzt der Paarungswillige schon auf dem Ei. Er erwartet das Schlüpfen seiner Partnerin, um diese sofort danach zu begatten.

Die Ungeduld hat einen guten Grund. Die Männchen der winzigen Wasserbewohner - seltsam gekrönte, durchsichtige Wesen - werden gerade einmal drei Tage alt. Die Weibchen sind nur kurz nach dem Schlüpfen fruchtbar. Bei diesem knappen Timing ist es für den Eiligen essenziell, das richtige Ei zu finden. Doch das ist keineswegs einfach.

Die Rädertierchen leben unter erschwerten Bedingungen: Ihre Lebensräume, etwa Tümpel oder Überschwemmungsgebiete, haben oft nicht lange Bestand. Zwar kann Epiphanes senta Eier produzieren, die die widrigen Zeiten im Boden des ausgetrockneten Gewässers schadlos überdauern.

"Aber nur bestimmte Weibchen produzieren diesen Typ von Ei", erklärt Thomas Schröder vom Dartmouth College in Hanover (US-Bundesstaat New Hampshire). Andere legen Eier, aus denen sich durch Jungfernzeugung weitere Weibchen entwickeln. "Eine Trockenperiode überstehen diese parthenogenetischen Eier aber nicht", sagt der deutsche Biologe.

Das Epiphanes-Männchen muss zwischen diesen Varianten unterscheiden können. Sitzt der Kurzlebige auf einem Ei im Ruhestadium oder gar auf einem ungeschlüpften Geschlechtsgenossen, war alles umsonst. Doch die Männchen können den Inhalt der Eier zumindest teilweise erahnen, wie Thomas Schröder jetzt herausfand. Im Labor präsentierte der Wissenschaftler seinen winzigen Probanden verschiedene Eier.

"Waren sie im Ruhestadium oder enthielten einen männlichen Embryo, ignorierten die Männchen sie völlig", schreibt Schröder in der Online-Ausgabe der "Proceedings B" der britischen Royal Society. Doch nicht nur das: Die Ungeduldigen suchten sich auch Eier aus, die kurz vor dem Schlüpfen standen. Frisch gelegte Eier ließen sie links liegen.

"Das Signal, das die Männchen zum Verweilen einlädt, scheint zum Teil von der Eihülle auszugehen", so Schröder. "Die Weibchen senden offenbar einen chemischen Stoff durch die Eihülle aus, mit dem die Männchen das Alter abschätzen." Als der Forscher den kleinteiligen Casanovas entleerte Eier präsentierte, zogen die Hüllen von reiferen Embryos die größere Aufmerksamkeit auf sich. Am längsten untersuchten die Männchen mit ihren Kronen jedoch vollständige Eier, die voll entwickelte Embryos kurz vor dem Schlüpfen enthielten.

Dennoch sind die Rädertierchen nicht vor Fehlern gefeit: Aus einem beträchtlichen Teil der belagerten Eier schlüpften Weibchen, die keine widerstandsfähigen Eier produzierten - eine noch rätselhafte "Verschwendung von Zeit und Spermien", so Schröder. Immerhin können es die Männchen dank ihres Spürsinns meist vermeiden, ihre Zeit auf einem frischen Ei zu vergeuden. Dieses braucht eineinhalb Tage, bis es voll entwickelt ist - danach wäre für ein unglückliches Rädertier, das dem Irrtum aufgesessen ist, bereits das halbe Leben gelaufen.

Spiegel Online, Wissenschaft, 18. August 2003

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