Baumeister des Lebens
Vor 50 Jahren simulierte Stanley Miller die Entstehung organischer Moleküle im Labor - die Vorarbeit des Deutschen Walther Löb vergessen viele.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 13. Mai 2003
SZ130503 - Jeder Student träumt von so einem
Durchbruch. Vor 50 Jahren gelingt Stanley Lloyd Miller in
seiner Doktorarbeit, was niemand vor ihm geschafft hat. Er
simuliert mit einfachen, zum Teil anorganischen Molekülen
wie Methan, Ammoniak und Wasserdampf in einer
Glaskolben-Apparatur die Uratmosphäre der Erde.
Es brauchte nur die Energie einiger elektrischer
Entladungen und etwas Zeit. Nach einer Woche tummelten sich
in einer schmutzig braunen "Ursuppe" Varianten von
Aminosäuren, den Grundbausteinen des Lebens, allen voran
die einfachsten "Lebensmoleküle" Glycin und Alanin. Fast
auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 15. Mai 1953,
veröffentlichte das Fachmagazin Science Millers Ergebnisse
(Science, Bd. 117, S. 528, 1953).
Innerhalb weniger Wochen war damit das zweite Geheimnis des
Lebens gelöst worden, so schien es. Kurz zuvor hatten
Watson und Crick die Struktur der DNS geknackt, dann zeigte
die Arbeit des jungen Amerikaners, wie das Leben ganz von
selbst aus unbelebter Materie entstanden war. Die "Ursuppe"
wurde ähnlich wie der "genetische Code" zur Ikone der
Naturwissenschaft - und mit ihr Stanley Miller. In fast
jedem Biologie-Lehrbuch gibt es ein Foto, das Miller vor
seiner Glaskolben-Apparatur zeigt.
Doch 50 Jahre nach dem famosen Coup hat die Ikone Kratzer
bekommen. Miller sei von falschen Annahmen ausgegangen,
sagen viele Kritiker heute, so auch der Münchner Chemiker
Günther Wächtershäuser. Er hat Ende der achtziger Jahre
eine Art "Urpizza" statt der "Ursuppe" als Startpunkt des
Lebens vorgeschlagen. Statt im dreidimensionalen Raum eines
Urmeeres entstanden danach die ersten Moleküle des Lebens
mit größerer Wahrscheinlichkeit auf der zweidimensionalen
Oberfläche der Eisensulphide, zum Beispiel des Pyrits.
Andere Biologen halten es für möglich, dass die ersten
Grundbausteine des Lebens durch Meteoriten aus dem All auf
die Erde gelangten. Dagegen wenden Viele ein, dass die
Mengen, die so auf die Erde kamen, viel zu klein sind, um
als Ausgangspunkt einer chemischen Evolution zu dienen.
Daher hält Miller weiterhin an seiner Ursuppe fest, die
aber nicht in den Weiten eines Urmeeres schwappte, sondern
in Pfützen und Tümpeln an dessen Küsten. Erst dort könnten
sich die Bausteine des Lebens ausreichend konzentriert
haben. "Gegen Millers These spricht, dass die Atmosphäre
wahrscheinlich nicht so aggressiv reduzierend war, wie er
annahm, sondern chemisch eher neutral", sagt
Wächtershäuser.
Zu Millers Zeiten hatte man angenommen, dass in der
Erdkruste chemische Bedingungen herrschten wie in einem
Hochofen. Vulkane förderten Moleküle wie Methan, Ammoniak
oder Wasserstoff aus dem Erdinneren in die Atmosphäre.
Durch die Energie der Blitze oder das UV-Licht der Sonne
wären diese einfachen abiotischen Moleküle zu biotischen
Verbindungen zusammengeschweißt worden.
"Inzwischen glauben die meisten Geochemiker aber, dass die
Moleküle durch eben dieses UV-Licht zerstört wurden, schon
kurz nachdem sie entstanden waren", sagt James Ferris,
Direktor des New York Center for Study of the Origin of
Life. Ohne die reduzierende Wirkung der Atmosphäre hätten
auf der Erde keine Aminosäuren entstehen können, bestätigte
Stanley Miller in einem Interview in der Mitte der
90er-Jahre. "Das Problem ist", so Wächtershäuser, "vor mehr
als vier Milliarden Jahren war keiner dabei. Geochemische
Belege für Millers Ursuppe gibt es bislang nicht."
Für viele Laien mag der Streit um Ursuppe und Urpizza nicht
entscheidend sein. Wichtiger ist, dass Miller überhaupt zum
ersten Mal zeigen konnte, dass aus einfachen Molekülen die
komplexeren Bausteine des Lebens entstehen können. Wie
daraus Lebewesen wurden, darüber rätseln die Forscher
allerdings noch heute. Doch auch an Millers Pionierleistung
gibt es 50 Jahre nach seinem Experiment zunehmende Zweifel.
In der Wissenschaftsgemeinde wird seit einiger Zeit
kontrovers eine andere Version der Geschichte diskutiert.
Danach hatte der deutsche Chemiker Walther Löb schon vor
dem ersten Weltkrieg mit nahezu denselben Ingredienzien und
der Energie von Blitzen die Aminosäure Glycin erzeugt. Im
April 2002 wies der Physiker und Informationstheoretiker
Hubert Yockey in einem Leserbrief im Fachmagazin Nature
(Bd. 415, S. 833, 2002) auf den von der Geschichte
vergessenen Löb hin. 1913 hatte er seine Versuche in den
Berichten der Deutschen Chemischen Gesellschaft
veröffentlicht (Bd. 46, S. 684, 1913). Auch anderen
Forschern war dies später gelungen. "Allerdings hat Löb nie
den Ursprung des Lebens erwähnt", erklärt Günther
Wächtershäusers. Damals sei man einfach davon ausgegangen,
dass das Leben durch Photosynthese entstanden war, so wie
es die Pflanzen vormachten. "Löb wollte nur wissen, wie
Pflanzen sich ernähren."
Miller erwähnt Löb in seiner berühmten Arbeit mit keinem
Wort, sondern erst zwei Jahre später ein einziges Mal.
Dafür zitierte er andere Berühmtheiten wie den Russen
Aleksandr Oparin, den Engländer John Burdon Haldane oder
seinen Doktorvater Harold Urey, den Nobelpreisträger für
Chemie 1934. Sie alle glaubten an die Uratmosphäre mit
reduzierenden Eigenschaften und waren Millers Wegbereiter.
Weil Löb gar nicht explizit über die Uratmosphäre geforscht
hat, ist er dem Doktoranden bei der Literatur-Recherche
womöglich nicht aufgefallen.
Begünstigt hat das ein Übersetzungsfehler, ist Yockey
überzeugt. Löb nutzte Ammoniak und etwas, das er im
deutschen Text als "Kohlensäure" bezeichnete.
Angelsächsische Autoren übersetzten dies schon in den
dreißiger Jahren mit Kohlenmonoxid. Ammoniak und
Kohlenmonoxid aber war nie als Rezept der Uratmosphäre
gehandelt worden, Ammoniak und Kohlendioxid hingegen schon.
"Auch Miller und Urey hatten das schon früher einmal -
fälschlicherweise - für Bestandteile einer Uratmosphäre
gehalten. Und Löb nutzte Kohlendioxid", schrieb Yockey
bereits 1996 in einem Beitrag einer Mailingliste für
Evolutionsbiologen. Auch wegen dieses Fehlers sei Löb
Miller also nicht aufgefallen.
Günther Wächtershäuser schließlich glaubt, dass es noch
einen Grund gibt, warum Löb nicht beachtet wurde: "Deutsche
Forscher wurden nach zwei Weltkriegen häufig in der
angelsächsischen Wissenschaftswelt ignoriert." Löb ist
womöglich Unrecht geschehen - ein Fall für
Wissenschaftshistoriker.
Jeffrey Bada und Antonio Lazcano dagegen finden die
Vorwürfe gegen Miller nicht fair. Die beiden Experten aus
San Diego und Mexiko-City haben auf der Suche nach dem
Ursprung des Lebens mit Miller zusammengearbeitet. In einer
Antwort auf Yockey verteidigen sie Millers Experiment: "Er
hat nicht einfach Löbs Arbeit wiederholt" (Nature, Bd. 416,
S. 475, 2002). Löb habe zwar Glycin erzeugt, aber über
einen Abkömmling der Ameisensäure: "Diese war sicherlich
nicht in ausreichenden Mengen in einer Uratmosphäre zu
finden."
Und entgegen Yockeys Darstellung habe Löb sich "mit
Kohlendioxid nur theoretisch befasst, direkt getestet hat
er es nie". Erst mit Millers Arbeit "hat das moderne
Zeitalter in der Erforschung des Ursprungs des Lebens
begonnen", schrieben die Forscher vor kurzem in Science
anlässlich des 50-jährigen Jubiläums von Millers Arbeit
(Bd. 300, S. 745, 2003).
Er habe mit seinen Experiment den verschlafenen
Wissenschaftszweig erweckt "und zu einem respektierten
Forschungsfeld mit überprüfbaren Ergebnissen gemacht."
Millers "Ursuppe" fand dann als Metapher für die Entstehung
des Lebens Einzug in Comicstrips, Filme und Romane wie
zuletzt in Harry Mulischs "Die Prozedur". Darin erhält der
Biochemiker Viktor Werker den Nobelpreis, weil er
künstliches Leben aus eben dieser "Ursuppe" erschuf.
Walther Löb hingegen starb nach Yockeys Recherchen
unbeachtet am 3. Februar 1916 im Alter von 44 Jahren.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 13. Mai 2003
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