Ungedeckte Schecks


Forscher sorgen sich, wenn populäre Metaphern Wissenschaft beschreiben.

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, 8. Juli 2003


SZ080703 - Was wäre Wissenschaft ohne Metaphern, die Unvorstellbares greifbar machen? Wer könnte den Wissenschaftsteil einer Zeitung ohne Sprachbilder verstehen? Die DNS ist das "Buch des Lebens", die Ozonausdünnung über den Polkappen wird zum "Ozonloch", das SARS-Virus zur "Biowaffe der Natur". "Wir müssen uns aber bewusst machen, was wir damit anrichten können", warnt Manfred Laubichler, Biologe und Wissenschaftshistoriker an der Arizona State University (Science, Bd.301, S.52, 2003).

Aufhänger für den gebürtigen Österreicher und seinen Mitarbeiter Matthew Chew ist der in der Ökologie häufig verwendete "natural enemy" (im Deutschen wird der Begriff sellten übersetzt verwendet als "natürlicher Feind"). Diese Metapher wird im Englischen häufig für Tierarten gebraucht, die in einem Lebensraum auftauchen, in dem sie normalerweise nicht leben. "Wenn Wissenschaftler diesen Begriff verwenden, vermittelt das den Laien, dass es so etwas in der Natur tatsächlich gibt", sagt Laubichler. Das aber sei gar nicht der Fall.

Obwohl der Begriff "natural enemy" nur eine Beschreibung für ein mögliches Phänomen sei, werde er in Ökologie-Artikeln häufig verwendet; seit 1997 insgesamt 54-mal in den Fachzeitschriften Science und Nature. "In 18 Artikeln wurde der Begriff aber nicht einmal erklärt", klagt der Forscher. Laubichler und Chew wollen Metaphern nicht verbieten, plädieren aber für mehr Sensibilität bei der Auswahl. "Man erreicht sonst eine sehr einseitige Sicht der Natur."

Gerade die Ökologie sei voll von diesen "kriegerisch" gestimmten Verständnishilfen. Problematisch werde es, wenn Laien eine Vorstellung wie der des "natürlichen Feindes" auf andere Bereiche übertragen: "Gerade in Zeiten wie diesen, in denen in den USA Einwanderer besonders unter die Lupe genommen werden."

Peter Weingart, Wissenschaftssoziologe an der Universität Bielefeld, hält Laubichlers Appell für naiv: "Metaphern können sie nicht kontrollieren. Manche breiteten sich aus wie ein Flächenbrand auf einer Steppe, andere eben nicht." Man wisse nicht, was eine Metapher erfolgreich mache; nur, dass manche irgendwann in allen Ecken der Wissenschaft auftauchen, wie etwa das "Chaos". Mathematiker meiden den Begriff inzwischen.

Auch der Sprachwissenschaftler Wolf-Andreas Liebert von der Universität Koblenz hält eine Kontrolle der Metaphern für unmöglich. "Der Artikel in Science macht auch klar, dass die Naturwissenschaft nicht ohne sie auskommt." Er zeige aber zugleich, dass die Sprachbilder nur einzelne Eigenschaften hervorheben, andere dafür ausblenden. Probleme entstünden, wenn Nicht-Fachleute mit der Wissenschaft in Interaktion treten. "Dann erweisen sich viele Schlussfolgerungen aus der Metapher als ungedeckte Schecks", sagt Liebert.

Süddeutsche Zeitung, Wissenschaft, 8. Juli 2003

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