Linker Leberhaken
Diabetes-Medikamente erneut in der Kritik.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 16. April 2003
SZ160403 - Sie sollten eine "neue Säule im
Therapiekonzept des Typ-2-Diabetes" werden. Jetzt häufen
sich Berichte über massive Nebenwirkungen der Präparate,
die als Glitazone (Thiazolidinedione) bezeichnet werden.
Die Stoffe erhöhen bei Typ-2-Diabetikern die
Empfindlichkeit der Muskel- und Leberzellen für Insulin,
weswegen sie auch Insulin-Sensitizer heißen.
90 Prozent aller Zuckerkranken leiden unter dieser Form des
Diabetes, die früher auch als Altersdiabetes bekannt war
und bei der die Zellen unempfindlich für Insulin geworden
sind. Sie reagieren nicht mehr auf das körpereigene Hormon
und nehmen daher sein Signal nicht wahr, den Zucker aus dem
Blut aufzunehmen. Eben hier greifen die Glitazone an. Die
Medikamente sind vergleichsweise neu auf dem Markt, haben
aber schon eine wechselvolle Geschichte hinter sich.
1982 entdeckten Forscher, dass die Substanzen den
Blutzucker senken. 1997 brachte der Pharmariese Glaxo
Wellcome als erstes Medikament das Troglitazon (Rezulin) in
den USA auf den Markt. Wenige Monate später wurde es vom
Hersteller aber wieder gestoppt, kurz bevor es in
Deutschland zugelassen wurde: 90 Patienten hatten
Leberschäden erlitten, nachdem sie Troglitazon eingenommen
hatten, 63 von ihnen starben. Es folgten Rosiglitazon und
Pioglitazon, das unter dem Namen Actos vom japanischen
Hersteller Takeda hergestellt wird.
Nachdem Rosiglitazon bereits vor zwei Jahren mit tödlichem
Leberversagen in Verbindung gebracht wurde, gibt es nach
Informationen des unabhängigen Berliner
Informationsdienstes Arznei-Telegramm jetzt gleich drei
Fällestarker Nebenwirkungen durch Pioglitazon: Im
vergangenen Jahr erhöhte sich der Spiegel eines Leberenzyms
(der so genannte GPT-Wert) bei einem 77-jährigen Mann um
das Siebenfache Ń einsicheres Zeichen für eine
Lebererkrankung (Annals of Internal Medicine, Bd.135,
S.306, 2001).
Anfang diesen Jahres erlitt ein 49-Jähriger einen
Leberschaden, nachdem sein Arzt die Dosis seines
Pioglitazons um die Hälfte erhöht hatte (Annals of Internal
Medicine, Bd.136, S.449, 2002). Und im Februar meldeten
Ärzte den Fall eines 78-jährigen Diabetikers, dessen Leber
versagte, nachdem er täglich zwei Monate lang Pioglitazon
eingenommen hatte (American Journal of Gastroenterology,
Bd. 97, S.502, 2002).
"Es ist nicht unser Ziel, dass Patienten jetzt eigenwillig
ihre Medikamente absetzen", erklärt Wolfgang Becker-Brüser
vom Arznei-Telegramm. Die Meldungen seien lediglich eine
weitere Warnung, dass Glitazone generell Leberschäden
verursachen können. Eigentlich hätten die klinischen Tests
bereits dieses Ergebnis liefern müssen, sagt der Arzt und
Apotheker – und nicht der Verschreibungsalltag.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 16. April 2003
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