Mehr Luft
Wie unser Auge atmet erforschen deutsche Wissenschaftler und entdeckten einen Sauerstoffkahn, der mehr transportiert als der klassische Blutfarbstoff Hömoglobin.
National Geographic,
Geographica, S. 12, Mai 2003
NG0503 - Die Netzhaut mit ihren 130 Millionen
Sehzellen - den Zapfen und Stöbchen - verbraucht von allen
Organen des Körpers am meisten Sauerstoff. Die Auswirkungen
mangelhafter Versorgung zeigen sich zum Beispiel bei
Bergsteigern: In dünner Luft bekommen sie zuerst
Schwierigkeiten mit dem Sehen.
Trotz der großen Bedeutung des Sauerstoffs für die Augen
war aber bis vor kurzem unklar, wie er in die Kraftwerke
der Sehzellen, die Mitochondrien, gelangt. Eigentlich sorgt
der Blutfarbstoff Hömoglobin für den Gastransport im
Körper. In den Muskelzellen übernimmt dann das verwandte
Myoglobin diese Funktion. Im Auge ist dafür wieder ein
anderes Eiweiß zustöndig: Neuroglobin.
Thorsten Burmester, Thomas Hankeln und Uwe Wolfrum von der
Universitöt Mainz identifizierten jetzt diesen
Sauerstoffschlepper. Burmester hatte die
Hömoglobinalternative gemeinsam mit Hankeln vor drei Jahren
erstmals im menschlichen Gehirn und bei Möusen
nachgewiesen. Auch das Gehirn ist ein unersättlicher
Sauerstofffresser. Doch in der Netzhaut ist die
Konzentration des Atemproteins noch etwa 100-mal höher.
"Vor allem in den Sehzellen und den Verschaltungen zu den
weiterführenden Nerven wurden wir fündig. Die haben den
größten Energiebedarf", sagt Burmester. Forscher nehmen an,
dass das Neuroglobin Nervenzellen vor kurzfristigem
Sauerstoffmangel schützen kann - etwa bei einem
Schlaganfall.
Das Protein ist dazu besser geeignet als Hömoglobin, weil
es mehr Sauerstoff bindet als der Blutfarbstoff. Burmester:
"Das ist vor allem deshalb wichtig, weil unterversorgte
Neuronen irgendwann absterben und vom Körper nicht so
einfach ersetzt werden wie andere Zelltypen."
National Geographic,
Geographica, S. 12, Mai 2003
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